Retten Rave das Image der Kirche? Machen DJ-Pults vor Gotteshäusern Jugendliche zu religiösen Menschen? In der Wiener Karlskirche haben es Pater Marek Pučalík und sein Team heuer zum fünften Mal versucht. Was hat es ihnen bisher gebracht?
Am 3. Juli verwandelte sich der Platz vor der Wiener Karlskirche in eine riesige Tanzfläche. Der Bass ertönte wummerte über den Karlsplatz, Bier ging über die Theke, Menschen tanzten, als wären sie in einem Open-Air-Club. Bunt und leicht bekleidet gaben sie nicht das typische Bild für eine Kirche ab. Doch mitten im elektronischen Sound rief Pater Marek zur Messe: Der Sound verstummt, Ordner bitten zum Gebet. Wer nur filmen möchte, wird der Kirche verwiesen. Nach einer Stunde setzt der Bass wieder ein. Der Rave geht weiter.
Die Kirche selbst hat den Church Rave selbst initiiert. Die Idee hatte der Kreuzherrenorden der Karlskirche und setzte seine Vision gemeinsam mit dem Künstlerkollektiv „Verum Gaudium“ um. Das Projekt soll junge Menschen erreichen, die mit Kirche sonst kaum in Berührung kommen. Der Rave soll den „Tag der offenen Kirche“ attraktiver machen. Niedrigschwellig, laut, überraschend.
Kurz nach der Messe. Der Karlsplatz füllt sich. (Foto: Patricia Schock)
Pater Marek Pučalík stammt aus Prag. Er studierte Theologie an der Karlsuniversität und beschäftigte sich mit christlicher Kunstgeschichte. Als Rektor der Wiener Karlskirche suchte er ein Format, das eine neue Zielgruppe anspricht. „Wir wollten etwas schaffen, das junge Menschen wieder in die Kirche bringt“, sagt er. Die Idee sei aus dem Inneren der Kirche entstanden. Nicht von außen, nicht aus einer PR-Agentur.
„Ich selbst gehe nicht auf Raves, aber ich finde es cool, wenn es so stattfindet“, sagt Marek. Ihm geht es um Begegnung, um Neugier, um einen Anstoß. Der Erfolg gibt ihm recht: Der Andrang wächst von Event zu Event. Auch deshalb soll der Church Rave nach fünfmaligem Erfolg künftig regelmäßig vor der Karlskirche stattfinden. Die nächste Veranstaltung ist zum 25. September geplant.
An Mareks Seite steht Josef Machacek, sein Mitarbeiter und Manager. Er sieht den Erfolg pragmatisch: „Seit es die Raves gibt, kommen Menschen in die Kirche, die sonst nie einen Fuß hineingesetzt hätten.“ Für ihn ist der Rave eine Türöffnung. „90 Prozent der Menschen kennen die Kirche nur von außen.“ Der Church-Rave finanziert sich über Spendengelder. 25.000 bis 30.000 Euro kostet jede der siebenstündigen Veranstaltungen, verrät Machacek.
Um 16 Uhr setzt der erste Beat ein, zunächst zögerlich, nur wenige tanzen vor dem DJ-Pult. Als um 18 Uhr der Gottesdienst beginnt, wirkt das Publikum noch distanziert. Einige filmen neugierig, doch die Ordner bitten um Ruhe. Sie sollen sich setzen, oder die Kirche verlassen. Die meisten wählen die zweite Option. Nur wenige bleiben zur Messe. Ab 19 Uhr dann die Wende. Nach dem Gottesdienst füllt sich der Platz, die Musik wird lauter, die Stimmung ausgelassener. Jetzt wird getanzt, gelacht, gefeiert, unmittelbar vor den Türen der Karlskirche. Das DJ-Pult leuchtet vor dem Eingang. Pater Marek, der nach der Messe mit einem Bier in der Hand neben dem DJ mitfeiert.
Die Reaktionen der Besucher sind gemischt. Eine Passantin, die regelmäßig zur Messe kommt und sich selbst als gläubig bezeichnet, ist begeistert: „Das bringt Schwung in die Kirche. Ich hatte keine Zweifel, dass das zusammenpasst.“ Sie verbindet ihren Glauben mit ihrer Ausgelassenheit beim Tanzen und sieht eine Chance in der Idee, weitere junge Menschen mehr zur Kirche zu bewegen.
Eine andere Besucherin äußert Skepsis. Sie sitzt noch etwas abseits der Menge und beobachtet das Geschehen.: „Für mich hat die Kirche kein gutes Image, da läuft vieles falsch. Ein Rave allein ändert für mich nichts.“ Für sie brauche es tiefgreifendere Reformen. Ethisch und moralisch lehnt sie die Kirche ab. „Ob ich einen weiteren Rave der Kirche besuchen würde, kann ich noch nicht sagen. Eigentlich will ich die Kirche nicht unterstützen.“
Ähnlich eine Frau mittleren Alters. „Mit Kirche im klassischen Sinne kann ich wenig anfangen. Aber ich würde schon sagen, dass ich spirituell bin. Ich glaube daran, dass es mehr gibt als nur das, was wir sehen.“ In eine traditionelle Messe zieht es sie selten, aber ein Rave kann eine ganz eigene Kraft entfalten. „Wenn Kirche sich öfter so offen und kreativ zeigen würde, wäre ich wahrscheinlich öfter da.“
Für den Gottesdienst ist ein Kirchenchor aus den USA vor Ort. Ein Sänger erzählt: „Ich war erst skeptisch. Aber das hier ist einzigartig. In den USA habe ich sowas noch nie erlebt.“ Er spricht voller Enthusiasmus von der Techno-Gebets-Kombination und wünschte sich ein solches Event auch in den USA.
Die Meinungen fallen verschieden aus, aber der Eindruck bleibt: Ein gelegentlicher Rave per se ändert so schnell nichts an dem Image der Kirche. Zu stark die Zweifel aufgrund der Missstände wie der Umgang mit sexuellem Missbrauch, die Rolle der Frau in der Kirche, die Behandlung von Homosexualität und die Machtstrukturen innerhalb der Institution.
Nebelmaschine, Smartphones, Lautsprecher. Ein seltenes Bild vor der Karlskriche. (Foto: Robert Gafgo)
Auf den ersten Blick könnten die Unterschiede kaum größer sein. Hier der Club, dort die Kirche. Dort Gott, hier der DJ. Doch wer tiefer blickt, erkennt: Beten und in Trance zu Techno tanzen haben überraschend viele Gemeinsamkeiten. Das Beten versetzt das Gehirn in eine Art meditativen Fluss. Der Fokus richtet sich nach innen, der Alltag tritt zurück. Ähnlich beim Tanzen zu repetitiver elektronischer Musik: Wenn der Beat sich über Stunden zieht, die rhythmischen Bewegungen automatisch werden und das Denken aufhört, gleitet der Körper in eine Art moderne Trance.
Dazu kommt das Ritualhafte. Wiederholung ist ein zentrales Element beider Welten. Ob in Formeln, Bewegungen oder Rhythmen. Sowohl Gebete als auch Techno-Sets arbeiten mit Schleifen. Die Wiederholung erzeugt Tiefe, manchmal sogar Ekstase. Auch Meditation fällt in das Muster. Im Club tanzen Menschen oft stundenlang in einer Art Flow-Zustand, nicht fern von dem, was Gläubige beim Beten als Verbindung zum Göttlichen empfinden.
Unser Eindruck: Church Raves sind kein Widerspruch zur kirchlichen Lehre, sondern ein neuer Zugang zu alten Fragen. Trotzdem sind sie umstritten. Besonders konservative, ältere Gemeindemitglieder reagieren kritisch. Die Vorstellung, dass der Altar zur Tanzfläche wird, provoziert. Trotzdem: „Es hat niemand deshalb die Kirche verlassen“, sagt Pater Marek. Die Begeisterung und die Neugier zeigen sich eher bei den jüngeren Besuchern.
Zwischen Weihrauch und Bass liegt manchmal nur ein Takt. Wer junge Menschen erreichen will, muss mehr bieten als Sitzbänke und Stille. Ein DJ-Pult macht noch keinen neuen Messias. Aber wer tanzt, ist schon mal vor Ort. Vielleicht kommt zwischen Beat und Bier ja doch mal ein Gedanke an etwas Größeres, an ein Gebet. Gott tanzt nicht zu Techno. Aber er hat offensichtlich nichts dagegen, wenn wir es tun.
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