Vollgepackte Terminkalender und abgehakte To-do-Listen gelten als Trophäen der eigenen Wichtigkeit, aber zu welchem Preis? Burn-out, Angststörungen und stressbedingte Krankheiten mehren sich. Besonders die junge Generation spürt den Druck, ständig produktiv sein zu müssen. Gerade im August bietet sich die Möglichkeit, dem entgegenzuwirken. Durch bewusstes Nichtstun. Die Niederländer nennen diesen Zustand „Niksen“.
Das ist auch der Name eines neuen Lifestyle-Trends, der übersetzt nicht mehr als „nichts tun“ bedeutet. Das ständige Machen und Planen bekommt eine Pause. Das Gehirn bekommt eine Chance zu einer anderen Form von Produktivität. Denn selbst wenn wir es abschalten, tut sich dort einiges. Aus guten Gründen kommen die besten Gedanken beim Duschen, kurz vor dem Einschlafen oder auf langen Reisen. Häufig in Momenten der inneren Ruhe.
Das Gehirn braucht Pausen, denn während es unaufhörlich Reize aufnimmt, ablehnt, weiterleitet und bewertet, kann der Kopf schon einmal rauchen. Träumen und Dösen fährt ihn herunter. Einfach eine weiße Wand anschauen oder durchs Grüne spazieren, ohne Handy und Musik. Ein Blick ins Weite, ein Schluck Quellwasser, die Seele baumeln lassen und sich im Schoß der Erde ausruhen. Das will erst wieder gelernt sein, und genau das tun die Niksen-Fans.
Die Werbebranche greift den Trend der genussvollen Langeweile ebenfalls auf. Birkenstock erzielte Erfolge mit der Kampagne „Il Dolce Far Niente“. Sie spielt mit der italienischen Idee des „süßen Nichtstuns“ und vermittelt, dass bewusste Pausen nicht Luxus, sondern Notwendigkeit sind.
Eine Studie der University of California aus dem Jahr 2013 belegt, dass Langeweile das Gehirn besonders kreativ macht. Die Forschenden gaben einer Probandengruppe vor der kreativen Hauptaufgabe zunächst eine eintönige Tätigkeit. Diese Gruppe erzielte anschließend um 40 Prozent mehr kreative Ergebnisse als die Vergleichsgruppen.
Studien fanden zudem bei gelangweilten Testpersonen vor allem Aktivität in einem interessanten neuronalen Netzwerk, dem „Default Mode Network”. Dieses Ruhezustandsnetzwerk verschiedener Hirnregionen ist beim Nichtstun aktiv. So auch bei abschweifenden Gedanken oder Tagträumen. In solchen Situationen entsteht im Kopf ein Hintergrundrauschen, aus dem Konzentration und Ideen hervorgehen können.
Forschende arbeiten bereits an Methoden, um Kreativität gezielt zu steigern. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Achtsamkeitsübungen positiven Einfluss auf kreatives Denken haben können. Die Wissenschaftler stellten fest: Wer regelmäßig Tätigkeiten ausführt, bei denen die Gedanken bewusst abschweifen und dadurch neue Ideen entstehen, entwickelt mehr kreative Einfälle.
Laut der Studie regt das absichtliche Schweifenlassen der Gedanken dazu an, ungewöhnliche Verknüpfungen zu finden und neue Ideen zu entwickeln. Wer solche Denkprozesse trainiert, stärkt damit genau die Bereiche des Gehirns, die das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk steuern.
Die scheinbar einfachste Tätigkeit ist bei genauerem Hinschauen gar nicht mehr so einfach. Erst recht nicht für die nach 2010 geborene Generation Alpha, die das Gefühl von Langeweile kaum noch kennt. Sie ist die erste Generation, die mit Smartphones aufwächst. Seit 2007, als die ersten iPhones auf den Markt kamen, ist Ablenkung jederzeit und überall griffbereit.
Das Durchschnittsalter für das erste Smartphone liegt in Österreich bei 10 Jahren. (Foto: APA picturedesk)
Nichtstun wird dadurch zu einem Privileg, das viele Eltern noch nicht verstehen. Zur Beruhigung ihrer Kinder spielen sie lieber geisttötende YouTube-Videos ab. In Restaurants, beim Spazieren, überall dann, wo die Kinder eigentlich ihre Kreativität entfalten sollten. Von der weltberühmten Babyshark-Melodie bis zur Peppa-Wutz-Zeichentrickserie belastet die Dauerberieselung die Kinder. Damit verweigern Eltern ihnen die Fähigkeit, Langeweile zu erleben und ihr kreatives Denken schwächt ab.
Der Buchautor Robert Paul Smith appelliert in seinem bereits in den 1950er-Jahren erschienen und seither in den USA anhaltend erfolgreichen Werk „How to do nothing with nobody all alone by yourself“, mehr Zeit allein zu verbringen und Kindern mehr Zeit für sich zu geben. Das Ganze mehr als ein halbes Jahrhundert vor Erfindung des Handys.
„Ich weiß, dass manche es mit Besorgnis sehen, wenn Kinder viel Zeit ganz für sich allein verbringen“, schreibt Smith in den Schlusszeilen. Aber etwas anderes macht ihm noch mehr Sorgen: wenn Kinder nicht in der Lage sind, überhaupt Zeit ganz allein für sich zu verbringen. „Wer nichts tun kann, mit niemand anderem, und das auch noch gut, der ist begabt fürs Leben“.
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