Ein idyllischer Teich in Grünau im Almtal. Nebel über dem Wasser, das Rascheln von Schilf. Zwischen schnatternden Artgenossen steht Frau Gans. Elegant, wachsam und erstaunlich redselig.
campus a: Frau Gans, wie würden Sie das Leben einer Wildgans im Alltag beschreiben, abseits der Ganslsaison?
Frau Gans: Unser Alltag ist eigentlich ganz idyllisch. Mit der Dämmerung wache ich auf und putze mein Gefieder. Hygiene ist schließlich das A und O. Dann fliege ich mit meiner Schar gemeinsam zum Frühstück. Ein bisschen Grasen, Baden, Körperpflege und ja, wir plaudern auch viel. Wir Gänse sind ausgesprochen gesellig. Tagsüber wechseln wir zwischen Fressen, Ruhen und sozialem Schnattern. Am Abend geht’s dann zurück ans Wasser zum Schlafen.
campus a: Dann kommt die Ganslsaison.
Frau Gans: Kaum wird’s November, erinnern sich plötzlich alle an uns, und zwar auf sehr spezifische Weise. Das ist schade.
campus a: Dann gibt’s ja noch das Sprichwort von der „dummen Gans“.
Frau Gans: „Dumme Gans“ also wirklich! Ein Beispiel für menschliches Unwissen. In Wahrheit sind wir ausgesprochen soziale und intelligente Tiere. Wir leben in engen Familienverbänden, oft ein Leben lang. Geschwister bleiben meist in der Nähe voneinander, und wir halten ständig Kontakt. Akustisch und räumlich. Wir führen eine Art Dauertelefonat. „Alles gut bei dir?“ – „Ja, ja, das Gras ist heute besonders saftig!“
campus a: Dann können wir Menschen Vieles von Ihnen lernen?
Frau Gans: Wir wissen jedenfalls genau, wer wir sind und zu wem wir gehören. Jede Gans hat ihren Charakter. Es gibt Draufgänger, Denker und Sensible. Unsere Intelligenz hilft uns, Probleme zu lösen und den Alltag zu erleichtern. Wir merken uns Orte, Gesichter und erkennen unseren Partner auch nach Jahren wieder. Wir sind so erfolgreich als Art, dass wir in manchen Gegenden Europas als „Plage“ gelten.
campus a: Wie ist das mit der Liebe unter Gänsen?
Frau Gans: Wir sind romantisch, aber auch realistisch. Wenn sich eine Gans mit zwei, drei Jahren verliebt, kann es schon sein, dass sie sich später wieder trennt. Ab fünf Jahren wird es dann meist ernst und viele Paare bleiben wirklich lebenslang zusammen. Scheidungen gibt es auch. Wir sind schließlich keine Heiligen, sondern Vögel.
campus a: Wie erleben Sie die Massentierhaltung?
Frau Gans: Es ist ungänslich. Wir sind zwar Herdentiere, aber wir brauchen Raum, um mal Abstand zu nehmen. In engen Ställen gibt es Streit, Stress und Leid. Das Stopfen und Rupfen bedeutet für uns pure Qual. Die meisten Mastgänse leben nur vier bis sechs Monate. Und das gilt schon für Spätmastgänse. In der Schnellmast sind es oft nur zwei Monate. Wir Wildgänse könnten zwanzig Jahre alt werden. Einer meiner Cousins feierte kürzlich seinen 27. Geburtstag.
campus a: In Österreich ist die Stopfmast verboten.
Frau Gans: Leider importieren Händler die Stopflebern weiterhin aus Ländern wie Frankreich, Ungarn oder Bulgarien. Länder, in denen Gänse diese Qual der Zwangsernährung noch immer erleiden müssen. Dadurch wiegen ihre kranken Lebern am Ende bis zu zwei Kilo, also das Sechs- bis Zehnfache einer gesunden Gans. Das finde ich, ehrlich gesagt, zum Federnraufen.
campus a: Was bedeutet die Daunengewinnung für euch Gänse?
Frau Gans: Das sogenannte „Lebendraufen“ sollte während unserer Mauser stattfinden. Also zwischen Mai und Juli, wenn sich die alten Federn ohnehin lösen. In der Theorie klingt das harmlos. In der Praxis werden wir unter Stress und ohne Betäubung, festgehalten und blutig gerupft, wobei unsere Flügel häufig brechen und die Haut reißt. Außerdem mausern wir nicht alle gleichzeitig. Unternehmen ernten tausende Gänse im selben Moment ab. Das ist kein Zufall, sondern Geschäft.
(Tipp: Zertifikate wie Downpass oder Responsible Down Standard helfen, Daunen aus tierfreundlicher Haltung zu erkennen.)
campus a: Wenn Sie sich entscheiden könnten: Würden Sie lieber gar nicht auf die Welt kommen oder nur, um am Ende gegessen zu werden?
Frau Gans: Eine schwierige Frage, selbst für eine Gans mit Lebenserfahrung. Ich glaube, jedes Leben hat seinen Wert, auch wenn es kurz ist. Wir Gänse leben sehr im Moment.
Natürlich wäre es schöner, wenn wir alle alt werden könnten. Aber Mastgänse kennen gar nichts anderes. Sie werden hineingeboren in eine Welt, die so ist, wie sie ist und machen das Beste daraus. Wenn es also schon so kommen muss, dann wenigstens mit Würde: viel Platz, frische Luft, ein bisschen Freiheit. Wenn schon kurz, dann mit Luxus. So schmeckt das Fleisch am Ende auch besser.
campus a: Und was halten Sie von der Behauptung: „Ohne das Ganslessen gäbe es keine Gänse“?
Frau Gans: Das ist, mit Verlaub, Gänseblödsinn. Wir waren schon da, bevor irgendwer auf die Idee kam, uns zu füllen und zu braten. Wir haben Rom gerettet. Erinnern Sie sich? Die Gallier wollten das Kapitol überfallen, und wir haben die Römer geweckt. Die Hunde haben geschlafen, wir nicht. Wir bewachen Höfe, ja sogar Militärbasen. Wir Gänse können weit mehr als nur gut schmecken.
campus a: Für viele Menschen ist das Ganslessen Tradition. Empfinden Sie es als Feiertag oder Horrorzeit?
Frau Gans: Es ist… schwierig. Traditionen haben ihren Platz. Aber zu welchem Preis? Wenn wir ein gutes Leben haben mit Auslauf, Gras und Wasser ist ein kurzes, aber würdiges Leben besser als ein qualvolles. Allerdings kommen drei Viertel der Gänse, die zu Martini oder Weihnachten auf österreichischen Tellern landen, aus dem Ausland. Häufig aus Haltungen, die in Österreich längst verboten sind. In der Gastronomie ist der Anteil der importierten Tiere besonders hoch. Ein österreichisches Bio-Gansl kostet mehr. Aber Qualität und Gewissen sind eben nicht im Sonderangebot.
campus a: Sie sind ja Vegetarierin.
Wir Gänse fressen übrigens viel, sind aber überzeugte Vegetarier. Und genau das bringt mich zu einem Gedanken über Nachhaltigkeit und Maß. Einmal im Jahr Gans essen, bewusst, dankbar, mit Respekt, das kann ich verstehen. Aber die Menschen sollten sich fragen: Tun wir es aus Freude oder aus Gewohnheit?
campus a: Wie stehen Sie zum veganen Gansl?
Frau Gans: Ich find’s super. Wenn jemand Soja in meine Form bringt und damit ein bisschen Tierleid erspart ist das doch fantastisch. Vielleicht streitet sich die Politik bald darüber, ob es überhaupt noch „Gansl“ genannt werden darf, wie bei den veganen Burgern. Aber wenn’s schmeckt, warum nicht?
campus a: Wie lebt es sich als Weidegans im Vergleich zur Mastgans?
Frau Gans: Wie Tag und Nacht. Auf der Weide haben wir Sonne, Gras und Bewegung.
Eine Weidegans darf 28 Wochen wachsen, eine Mastgans nur zwölf. Wir sind geborene Marathonläufer, Flügelschläger, Entdecker. Wenn unsere Muskeln arbeiten dürfen, ist das Fleisch dichter, saftiger und, falls es jemandem wichtig ist, schmackhafter. Ein gutes Gansleben ergibt auch ein gutes Gansl. Es hängt alles zusammen.
campus a: Was wäre Ihre erste Forderung, wenn Sie im Parlament schnattern dürften?
Frau Gans: Drei Worte: Gras, Wasser, Auslauf. Jedes Tier soll das haben dürfen. Wenn schon kurz leben, dann wenigstens würdig. Luxusleben statt Leid.
campus a: Was würden Sie uns Menschen gern mitgeben?
Frau Gans: Dankbarkeit. Wenn ihr eine Gans esst, denkt daran, dass sie einmal gegrast und geschnattert hat. Und fragt euch: Braucht ihr das wirklich oder macht ihr’s nur, weil’s Tradition ist?
Frau Gans streckt die Flügel, schüttelt die Tropfen aus dem Gefieder und watschelt davon. Ein letztes „Honk!“ über den Teich und dann ist sie fort.
*Hinweis: Für dieses besondere Interview hat die Verhaltensbilogin Didone Frigerio der Gans ihre Stimme geliehen. Sie ist langjährige Mitarbeiterin der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal, wo sie im Rahmen von Sparkling Science-Projekten an Graugänsen und Waldrappen forscht.
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Äußerst amüsant! *Glückliches Schnattern*
12 November 2025