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Schach im Park: Stimmungswandel in Paris

Im Jardin du Luxembourg, im Herzen von Paris, wird seit Jahrzehnten Schach unter den schattigen Bäumen gespielt. Ein Blick auf die Stammspieler dieses besonderen Ortes und auf ihre Sorge, diesen Treffpunkt und die damit verbundene Gemeinschaft zu verlieren.
Viktoria Bickel  •  11. November 2025 Volontärin    Sterne  22
Im Jardin du Luxembourg, im Herzen von Paris, wird seit Jahrzehnten Schach unter den schattigen Bäumen gespielt. Ein Blick auf die Stammspieler dieses besonderen Ortes und auf ihre Sorge, diesen Treffpunkt und die damit verbundene Gemeinschaft zu ver
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Wer am oberen Ende des Jardin du Luxembourg, inmitten von Paris, vorbei am Sitz des Senats und der Orangerie geht, stößt auf einen grünen Pavillon hinter dem Musée du Luxembourg. Unter ihm und um ihn herum stehen viereckige Tische, und wer genauer hinsieht, erkennt die Tischplatten in schwarz-weiß kariert. Es sind Schachbretter.

Seit Ende der 1970er Jahre wird hier gespielt, heute sind nicht viele Spieler da. „Der Park funktioniert mit der Sonne. Im Herbst und Winter hat er nicht lange offen, nur die Stammspieler kommen, um zu spielen“, sagt ein älterer Herr, dessen bunter Schal ihn vor dem Wind schützt. Er selbst ist einer dieser Stammspieler. Nach 14 Uhr versammeln sie sich hier und spielen gemeinsam, meist sind es ältere Monsieurs. 

Ob es regnet, ob es windet, ob es warm ist, ob es kalt ist“, sagt ein anderer Herr, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, hin und wieder tropft der Regen in seinen Kaffee. Seitdem er sieben Jahre alt ist, spielt er Schach und seitdem kommt er auch hierher. Das Schachspiel hat ihm eine Lehrerin nahegelegt, um seine schlechten Mathematiknoten zu verbessern, jetzt ist es Teil seines Alltags. Zufällig entdeckte er dann diesen Ort, denn er wuchs nicht weit von diesem Park auf. Auf seinen Entdeckungstouren stieß er irgendwann auf eine Gruppe von Monsieurs: Sie kamen mit ihren Schachbrettern im Gepäck, breiteten diese auf Stühlen aus und spielten. Die Schachtische gab es damals noch nicht, denn seine Gruppe und er selbst waren diejenigen, die diese bei der Stadt angefragt hatten. Seitdem müssen sie nicht mehr auf Stühlen spielen.

Ich habe Freunde gefunden, dank des Schachs, dank dieses Ortes“ – man merkt, es geht ihnen hier um viel mehr als nur das Spiel. 

Wir sind eine Familie geworden“ 

Aus zwei Gründen spielen Leute Schach, aus Liebe zum Gewinn oder aus Liebe zum Spiel. Einer der Schachspieler bezeichnet sich als „échéphile“, was so viel bedeutet, wie Amateur, Liebhaber des Schachspiels. Mit manchen spielt er gern, mit anderen weniger, aber man kennt sich hier, sie sind Freunde geworden, „eine große Familie“. Das Spiel ist irgendwann in den Hintergrund gerückt, jetzt kommen sie hierher, um sich zu sehen und gemeinsame Zeit zu verbringen. „Nein, nein, Schach, das ist für mich nicht wichtig, das ist nur um Spaß zu haben, um mit den Leuten zu sein, um sich keinen Kopf zu machen.“

Ein weiterer Herr taucht auf, auf die Frage, ob sie hier immer gemeinsam spielen, meint er „Wir spielen nicht miteinander, sondern gegeneinander“ und alle lachen. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, man merkt, dass die Leute sich schon lange kennen. Gemeinsam grübeln sie über Schachkompositionen, sie stehen um den Tisch herum und überlegen, und das machen sie schon seit Jahrzehnten so. Das Schachspiel hier im Park ist ihr Treffpunkt geworden und geblieben, sie sehen sich am selben Ort, zur selben Zeit. Aus dem sozialen Ritual wurde ein Mikrokosmos, eine bunte Gemeinschaft im Herzen von Paris, wo es nicht ums Gewinnen, sondern ums Menschsein, ums Zusammensein geht. 

Paris ist nicht mehr das, was es einmal war“ 

Es kommen oft neue Leute, um zu spielen, besonders im Sommer, doch es ist nicht mehr so wie früher. Sie kommen, sie spielen, sie gehen, sie kommen wieder, oft kennen die Stammspieler nicht einmal ihre Namen, dabei geht es ihnen vor allem darum, eine Gemeinschaft zu haben. „Ich habe es gerne, wenn ich weiß gegen wen ich spiele.“ Einer der Herren meint, dass Paris nicht mehr das ist, was es einmal war, dass die Leute zu individualistisch geworden sind. Das Schachspiel war immer nur ein Versammlungspunkt, ein Vorwand, um sich zu sehen, doch heute ist das nicht mehr so. Die Menschen brauchen das nicht mehr, wollen es vielleicht auch gar nicht mehr. 

Mittlerweile ist dieser Ort bekannt geworden, denn es gibt drei wichtige Parks, in denen Schach gespielt wird: der Gorki-Park in Moskau, der Washington Square Park in New York und hier, im Jardin du Luxembourg. Das Besondere an diesen Orten ist die Offenheit gegenüber der Außenwelt, jeder und jede, unabhängig von der sozioökonomischen Klasse, kann kommen, um zu spielen. Doch was einst die Besonderheit des Spiels im Jardin du Luxembourg ausgemacht hat, führt mittlerweile oft zu Problemen. Die Parkwächter müssen immer öfter eingreifen, es gibt Probleme mit Alkohol und Drogen. Der Ort bleibt scheinbar nicht unberührt von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen, die Angst vor der Veränderung, vor dem Verlust scheint dieser bunten Gruppe aus Schachspielern sehr nahezutreten. 

Für die Monsieurs, die Stammspieler, die bei jedem Wetter hier zusammenkommen, ist das hier weit mehr als nur das Spiel: Sie haben hier eine Familie, eine Gemeinschaft innerhalb der Großstadtanonymität gefunden. Dieser Ort, dessen Geschichte sie geprägt hat, und den sie geprägt haben, bedeutet ihnen viel. „Das Schachspiel hier ist in Gefahr“, sagt der Mann mit dem bunten Schal, und damit meint er nicht das Spiel an sich, das ist unverändert geblieben, sondern all das, was darum herum gewachsen ist. 


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