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Nur Ausländer zahlen: Paris mit umstrittenen Studiengebühren

Ab 2026 belastet die Pariser Universität Sorbonne Studierende aus Nicht-EU-Ländern mit drastisch höheren Studiengebühren. Bis zu 16-mal mehr als ihre europäischen Kommilitonen müssen sie bezahlen. Betroffene berichten von finanzieller Not und protestieren gegen das, was sie als „rassistische Politik“ bezeichnen.
Viktoria Bickel  •  12. Dezember 2025 Volontärin    Sterne  42
Rassismus? „Straf-Stipendien“ für Zuwanderer an der Sorbonne regen Studierende auf.
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Die Pariser Universität Sorbonne beschloss Anfang Dezember, künftig höhere Studiengebühren für Studierende aus Nicht-EU-Staaten zu erheben. Bis zu 3.941 Euro pro Jahr müssen sie bezahlen, und das ausgerechnet unter dem Motto “Bienvenue en France” (“Willkommen in Frankreich“). 

“Die Universitäten sind am Ende” 

Die Entscheidung schlägt Wellen. Bereits tags darauf kamen rund 200 Studierende zu einer Generalversammlung zusammen. Die Stimmung war angespannt, die Unzufriedenheit greifbar. Hinter der studentischen Empörung stehen tiefliegende finanzielle Probleme, die das gesamte Hochschulsystem betreffen.

Drei Viertel der französischen Universitäten sind im Defizit. Die Sorbonne musste 90 Prozent des Dokumentationsbudgets streichen, der Staat kürzte das Budget um 13 Millionen Euro. “Die Universitäten sind am Ende”, fasst die Politikwissenschaftlerin Marie-Emmanuelle Pommerolle zusammen.

Doch das rechtfertige nicht, “unsere Nachbarn zu verkaufen“, sagen die Studierenden. “Wir wollen das Geld nicht aus den Taschen der internationalen Studierenden, sondern aus den Taschen des Staats“, ruft eine Studentin und erntet dafür Jubel. “Sie glauben, wir würden zulassen, dass sie auf einer Minderheit herumhacken.“

Die Idee, außereuropäische Studierende stärker zur Kasse zu bitten, ist nicht neu. Bereits 2019 stellte der Staat das Programm “Bienvenue en France” vor. Damals lehnte die Sorbonne die Maßnahme ab. Doch nun, im Rahmen der Haushaltsdebatten für 2026, stimmten die Vorsitzenden erneut darüber ab und dieses Mal mit Mehrheit für die Neuregelung. 

Künftig sollen außereuropäische Studierende statt bislang 178 Euro nun 2.896 Euro pro Jahr für einen Bachelorstudiengang zahlen, und sogar 3.941 Euro statt bislang 254 Euro für einen Master. 

Für viele ist das eine massive Belastung. “Schon vor den hohen Studiengebühren hatte ich finanzielle Probleme“, sagt eine betroffene Studentin aus China. Gerade internationale Studierende haben ohnehin hohe Kosten, die von Unterkunft über Versicherung bis zu Visa reichen. “Von ihnen 4.000 Euro zu verlangen, erscheint uns unrealistisch“, meint Pommerolle.  

Staatsangehörigkeit als Auswahlkriterium 

Das einzige Kriterium für die Höhe der Studiengebühren ist künftig die Staatsangehörigkeit. Außereuropäische Studierende werden in denselben Räumen sitzen, denselben Unterricht erhalten und dennoch bis zu 16-mal mehr zahlen als ihre Mitstudierenden. In einem offenen Brief wehren sich Lehrende, Forschende und Verwaltungsangestellte: „Wir lehnen diese Maßnahme entschieden ab“, denn „die Universität vertieft damit die Kluft zwischen Franzosen und anderen.“ 

Von den 45.000 Studierenden der Sorbonne wären rund tausend betroffen, darunter besonders Studierende aus China, Marokko, Algerien, Ägypten und Tunesien. Die Studierenden aus den laut UNO 44 ärmsten Ländern sind von den Kosten befreit, doch das bedeutet nicht, dass die übrigen aus wohlhabenden Ländern stammen.

„Ich bin nach Frankreich gekommen, weil es eine leistbare und gleichzeitig hochwertige Ausbildung bietet“, meint eine betroffene Studentin aus China. Nun ist ihre Zukunft ungewiss. Viele ihrer außereuropäischen Mitstudierenden sind finanziell auf ihre Eltern angewiesen und müssen ihr Studium womöglich abbrechen. Es trifft nicht die Kinder reicher Familien, die ohnehin an privaten Universitäten studieren. Es trifft jene, die eine öffentliche Institution gewählt haben.

“Das Studium gehört allen” 

«Wir wollen keine Universität, die uns diskriminiert – eine Universität der Reichen», kündigen die Studierenden an. Öffentliche Universitäten sollten Bildungsorte für alle sein, keine Eliteprojekte. 

“Es ist eine Politik gegen die Zirkulation von Ideen, gegen den Charakter des progressiven Wissens“, sagt ein Student während der Generalversammlung. Gerade Frankreich zieht viele internationale Studierende an, an der Sorbonne sind es zwanzig Prozent. Diese Entscheidung könnte Universitäten in geschlossene Räume verwandeln, wodurch nur innerhalb derselben Kreise bleibt und der wissenschaftliche Fortschritt gefährdet wird.

Die Befürchtung steht im Raum, dass andere Universitäten dem Vorbild der Sorbonne folgen könnten. Eine ursprünglich “diskriminierende Notlösung“ könnte so langfristige Folgen entfalten, die neben den höheren Gebühren einen „rassistischen Diskurs“ normalisieren und Wissen für bestimmte Gruppen unzugänglich machen.

Es scheint sich nicht um eine Einzelfallentwicklung zu handeln. Im Mai 2025 führte die Universität Wien eine umstrittene Regelung ein, die Studierende ebenfalls nach Staatsangehörigkeit unterschiedlich behandelt. Wer keine EU-Staatsbürgerschaft besitzt, darf nur noch in Anstellungen ab zehn Wochenstunden arbeiten und ist gänzlich von Praktika, Volontariaten oder freien Dienstverhältnissen ausgeschlossen.

Steuert die Hochschullandschaft in einer Richtung, in der Bildung zunehmend exklusiv und der Zugang zu Wissen für viele dauerhaft eingeschränkt ist?


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