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Vom Wiener Nachtleben nach Mexiko: Die globale Spur des Kokain

Zur Fußball-WM blickt die Welt nach Mexiko. Doch abseits der Stadien floriert ein tödliches Geschäft: Der globale Kokainhandel befeuert Gewalt und lässt Kartelle wachsen wie Konzerne. Dabei zahlen insbesondere Frauen den Preis. Schon tausende fielen den sogenannten Narco-Femiziden zum Opfer.
Flora Lamberty  •  14. April 2026 Volontärin    Sterne  14
Krieg gegen die mexikanischen Drogenkartelle: Die Polizei wird ihn auch während der Fußball-EM in Unterzahl führen müssen. (Foto: © Simon Mayer/Shutterstock)
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„Ganz Wien greift heut zu Kokain“. Was Falco schon in den 80er Jahren wusste, trifft auch im heutigen Wien zu. In Österreich befindet sich der Koks-Konsum auf einem Höchststand und ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Längst ist die Droge fester Bestandteil des Wiener Nachtlebens. Gerade die studentische Szene romantisiert das Feiern auf Koks und verherrlicht den Konsum. Das zeigt auch das Abwassermonitoring: 2024 konsumierten die Österreicher rund zwölf Tonnen Kokain. Das weiße Pulver ist nach Cannabis die zweitbeliebteste Droge der Österreicher. 

Die Nachfrage wächst und der stark erhöhte Konsum in den USA und Westeuropa muss gedeckt werden. Das Angebot kommt vor allem aus Lateinamerika. Der Markt basiert dabei auf Gewalt, die insbesondere junge Frauen in prekären Lebenslagen trifft. 

Die Fußball-WM als ökonomischer Anreiz für kriminelle Organisationen 

Laut Schätzungen der NGO Crisis Group existieren heute rund 460 kriminelle Gruppen in Mexiko. Viele gewannen in den 80er Jahren an Bedeutung und führen seitdem immer fortlaufenden Konflikte untereinander und mit dem Staat.

Seit der Tötung des Drogenbosses Nemesio Osegura Cervantes, genannt El Mencho, am 22. Februar dieses Jahres berichten Medien erneut über bürgerkriegsähnliche Zustände in Mexiko. Dabei geht es auch immer wieder um die anstehende Fußball-WM und die Gewährleistung des Schutzes der Fans. Wie sicher wird es rund um die Stadien?

Crisis Group betont jedoch: Mexikos Kartelle sind viel eher große Wirtschaftsunternehmen, als terroristische Vereinigungen. Sie stellen mit 185.000 Mitgliedern den fünftgrößten Arbeitgeber im Land. Die NGO argumentiert, die Gruppierungen operierten zwar auf kriminellen Märkten, verfolgten jedoch keine politische, ethnische oder religiöse Agenda.

Mit Großereignissen wie der bevorstehenden Fußball-WM steigen die internationale Aufmerksamkeit und die Tourismuszahlen. Das erhöht die Nachfrage nach Drogen und sexuellen Dienstleistungen. Für kriminelle Organisationen ist das ein wirtschaftlicher Anreiz, nicht durch übermäßige Gewalt aufzufallen. Die Kartelle könnten also stillhalten.

Die Rolle der Frauen im Macho-Milieu organisierter Kriminalität 

Der Markt boomt ohnehin. Die Weltmeisterschaft könnte das noch verstärken. Um der steigenden Nachfrage nachzukommen, rekrutieren die Drogenkartelle vor allem Menschen aus ökonomisch prekären Verhältnissen als neue Bandenmitglieder. Dabei arbeiten zunehmend auch Frauen als Dealerinnen und Späherinnen. Andere helfen bei der Zucht der Kokaplanzen oder in Kokainküchen. Nicht selten drängen dabei Kartellanhänger beteiligte Frauen nach dem Tod männlicher Familienmitglieder dazu, auch in höheren Positionen der Kartelle mitzuwirken.

Grundsätzlich gelten die meisten Kartelle jedoch nach wie vor als männlich dominiert. Die „Machismo“-Vorstellung, die patriarchale Strukturen des vermeintlich überlegenen Mannes reproduziert und Sexismen sowie die Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen versucht, spielt hierbei eine zentrale Rolle. Das geht innerhalb der Banden weit über ökonomische Rollenverteilungen hinaus. 

Narco-Femizide erschüttern Mexiko

2025 fielen in Mexiko mehr als neun Frauen täglich Morden zum Opfer. Von diesen Morden ließen sich, laut einer Studie von Lantia Intelligence, 60 Prozent der organisierten Kriminalität zuornden. 

Narco-Femizid wird diese brutale Dynamik genannt. Es geht hier nicht nur um die Tötung von Frauen, sondern vielmehr um die strategische Anwendung geschlechtsspezifischer Gewalt durch kriminelle Organisationen. Die systematische Unterdrückung und Ausnutzung von Frauen gipfeln in deren Tötung. 

Einen gewaltvollen Höhepunkt bilden dabei die andauernden Frauenmorde von Ciudad Juárez. Über Jahrzehnte hinweg ermordeten oder entführten Kartelle in der nordmexikanischen Grenzstadt, die für ihre kriminellen Strukturen im Waffen- und Drogenhandel bekannt ist, bis zu 915 Frauen.

„Ni una menos“ und der Kampf der Hinterbliebenen

Viele der Opfer arbeiteten in umliegenden US-Amerikanischen Montagefabriken namens Maquiladora. Deswegen sprechen Medien auch von den „Maquiladora Murders“. Mütter, Familien und Freunde der Opfer haben sich in der Organisation „Nuestruas Hijas de Regreso a Casa“ zusammengeschlossen. Sie stellen eine Forderung, die selbstverständlich scheint: „Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkehren.“

Eine der Aktivistinnen von Ciudad Juárez war Susana Chávez. Auf sie geht die international in feministischen Kreisen gebrauchte Parole „Ni una menos“ zurück. Dennnicht eine weniger“, soll es morgen geben. Keine einzige Frau mehr, die aufgrund ihres Geschlechts getötet wird. Nach jahrelangem Engagement, für die Aufklärung der Femizide in Ciudad Juárez, wird Chávez selbst am 11. Januar 2011 zu einem dieser Fälle. Mitglieder der Bande Los Aztecas verstümmeln und ermorden die Aktivistin. Was bleibt, ist ihre Parole.

Frauen werden kriminalisiert, Täter geschützt 

Staatliche Institutionen wie das Militär oder die Polizei, aber auch der Justizbereich sind dabei meist Teil misogyner Praktiken. Nicht selten werden sie auch zu Mittätern.

Wie verschiedene NGOs vermuten, werden 40-60 % der inhaftierten Frauen in mexikanischen Gefängnissen im Zusammenhang mit Drogendelikten angeklagt. Ein deutlich höherer Anteil als bei männlichen Gefangenen. Während Männer überwiegend in leitenden Funktionen tätig sind, setzen die Kartelle Frauen meist am unteren Ende der Hierarchie ein. Das erhöht das Risiko der Festnahme.

Amnesty International berichtet, dass viele dieser Festnahmen mit sexueller oder psychischer Misshandlung einhergehen. Von 100 interviewten Frauen gaben 33 an, von Angehörigen der Armee oder Polizei vergewaltigt worden zu sein, wobei kein Fall zu einer Anklage gegen die Beamten führte. 

Wie ungleich das Strafmaß zum Teil ausfällt, zeigt der Fall des Busfahrers Victor Javier Garcia Uribe. Er kam im Fall Ciudad Juárez 2003 in einem Revisionsverfahren mit einem Freispruch davon, obwohl er gestanden hatte acht Frauen ermordet zu haben und ein Gericht ihn bereits zu 50 Jahren Haft verurteilt hatte.

Frauen, die diese Umstände öffentlich verurteilen, erleiden besondere Repressionen. Im Mai 2006 berichteten zahlreiche mexikanische Demonstrantinnen von organisierten sexuellen Übergriffen seitens der Polizei. Das wurde als „Fall Atenco“ bekannt. Diskriminierende Maßnahmen wie diese werden bis heute fortgeführt. Besonders betroffen sind dabei indigene oder queere Personen. Häufig erleben sie zusätzlich rassistische oder queerfeindliche Gewalt. 

Ohne strukturelle Veränderungen keine Besserung

Laut Amnesty International bleiben 90 Prozent aller Morde an Frauen in Mexiko ungestraft. Dabei gibt es im landeseigenen Strafrecht längst einen Begriff, der den Bestand juristisch konkretisiert. Das Strafrecht spricht von Feminiziden, wenn Morde an Frauen um eine politische und institutionelle Dimension erweitert werden sollen.

Doch nur rund ein Viertel der Mordfälle an Frauen wird juristisch auch tatsächlich als Feminizid behandelt. Währenddessen klaffen weiter Lücken in der Strafverfolgung, auch weil Beweismittel selten ausreichend gesichtet werden. Der politische Wille, Frauen wirklich vor geschlechtsspezifischer Gewalt durch die Kartelle zu schützen, fehlt. 2020 kürzte die Regierung das Budget des Fraueninstituts in Mexiko auch noch um 75 Prozent. Mittel werden gekürzt, doch die Gewalt nimmt weiter zu.

Die Straßenschlachten in Mexiko gehen also weiter und potenzielle Kartellnachfolger kämpfen erneut um die Macht. Um die zu schützen, die in der vulnerabelsten Position sind der Gewalt zum Opfer zu fallen, müssen die strukturellen Ursachen der organisierten Kriminalität bekämpft werden. Nur so können die Leben der Frauen gerettet werden. Doch solange die Kokain-Nachfrage in Europa weiter ansteigt, wird es dafür wohl keinen Anreiz geben. 


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