Umweltkatastrophen, Inflation, Kriege. Die Tageszeitung landet im Mülleimer. Das Radio bleibt stumm. Im Fernsehen läuft die neueste Reality TV-Folge. Denn wer will das alles noch lesen, sehen und hören? Bloß bei Social Media-Nutzern ist das oft anders. Ein Video folgt dem nächsten. Mit jedem Inhalt wachsen Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst. Doch gefangen im „Doomscrolling“ nehmen sie all das längst nicht mehr wahr.
Seine Prämiere feiert der Begriff „Doomscrolling“ im Jahr 2018, seinen Durchbruch während der Corona-Pandemie. Das Wort setzt sich aus den englischen Wörtern „doom“ (Untergang) und scrolling (blättern) zusammen. Wörtlich bedeutet es „Untergangsblättern“ und beschreibt die zwanghafte Suche nach negativen Nachrichten in den Sozialen Medien. Angefeuert von dem nach Informationen und Sicherheit lechzenden Gehirn der Nutzer.
„Es ist wie bei Alkohol“, vergleicht Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe Oliver Scheibenbogen. Der Nachrichtenkonsum in Maßen gibt Sicherheit, wirkt stimmungsaufhellend und ermutigend. Wohingegen die Überkonsumation schwerwiegende Folgen haben kann.
Häufige Konsequenzen sind ein negativ verzerrtes Weltbild, Depressionen, Angstzuständen oder Schlafstörungen. Besonders anfällig sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Deren präfrontaler Cortex, das Kontroll- und Vernunftzentrum des Gehirns, ist erst mit etwa 25 Jahren vollständig entwickelt. Bis dahin sind sie zur Vernunft-Entscheidung, das Handy besser beiseite zu legen, kaum in der Lage. Nutzen Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube diese Erkenntnis gezielt und fesseln das junge Publikum bewusst an den Bildschirm?
Laut einer 20-jährigen Amerikanerin ist das die Absicht der Tech-Unternehmen Meta und Google. Sie stehen in Los Angeles vor Gericht. Der Vorwurf: Die Gestaltung ihrer Plattformen YouTube und Instagram sollen für die Depressionen und Angstzustände der Klägerin verantwortlich sein. Das US-Gericht verlangt eine Strafzahlung von sechs Millionen Dollar. Die Tech-Unternehmen wollen in Berufung gehen.
„Es ist höchste Zeit die Plattformbetreiber zur Verantwortung zu ziehen“, betont Scheibenbogen. Er fordert ein Verbot der Autoplay-Funktion, die automatisch das nächste Video oder den nächsten Inhalt abspielt. Da das aktive Scrollen überflüssig ist steigt die Gefahr für „Doomscrolling.“ Den Gerichtsfall in den USA bezeichnet er als „Meilenstein.“ Er hofft auf strengere Maßregelungen der Plattformbetreiber. Doch wie können sich Nutzer bis dahin vor „Doomscrolling“ schützen?
„User sollen bei der Suche nach Informationen auf qualitativ hochwertigen Journalismus setzen“, erklärt Scheibenbogen. Denn unterschiedliche Perspektiven statt vorgefertigter Ansichten fördern die eigene Meinungsbildung und geben langfristig Sicherheit.In Bezug auf die diversen Plattformen helfen Zeitlimits und die Umstellung des Handybildschirms auf Schwarz-Weiß. Da Menschen farblose Inhalte als unattraktiver empfinden und dementsprechend weniger nutzen. Auch Algorithmen zurückzusetzen ist eine Möglichkeit. Dadurch sind die vorgeschlagenen Inhalte der Plattformen weniger personalisiert und uninteressanter. Allerdings hält der Effekt nicht lange an, da Algorithmen schnell lernen.
Medienkompetenz nennt Scheibenbogen als essenzielle Grundlage. Was kennzeichnet den bewussten Umgang mit den Medien? Welche Gefahren bergen Soziale Netzwerke? Was sind Fake News? Ebenso wichtig sind seiner Meinung nach ein guter Selbstwert und ein stabiles soziales Umfeld. Denn Teilen von Ängsten, Sorgen und Gedanken wirkt entlastend und hilft gegen das Verfallen in die Negativspirale des „Doomscrollings“.
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