Hinter der Glasscheibe im Erdgeschoß der Alserbachstraße 4 klebt eine amtliche Tafel, darauf glänzt das Rendering einer Wohnhausanlage mit Tiefgarage, die hier entstehen soll. Baubeginn, steht darunter, 14. April 2025. Wer durch die Fenster daneben ins Haus sieht, findet das Gegenteil, aufgestemmte Wände, herausgerissene Böden, einen abgeschlagenen Kachelofen. Begonnen hat hier nur der Abbau. Im Hof wachsen die alten Bäume wild, dazwischen ein leerer Farbkanister, ein Hämmerchen, die Kulisse einer Baustelle. Seit sechzehn Monaten rührt sich nichts, seit 13 Jahren wird verrechnet.
Der Eigentümer baut nicht, hält aber mit einem einzigen Tag Arbeit die Baugenehmigung am Leben. Über den leeren Wohnungen wohnt noch ein Ehepaar, sie sind die Letzten hier, die anderen sind über die Jahre gegangen. „Ein Schandfleck, ja“, sagt die Bezirksvorsteherin Saya Ahmad von der SPÖ zum Haus, „aber vor allem ein Leerstand.“
Die Baubewilligung besteht seit 2021
Die Eigentümerin im Grundbuch heißt basement + growth AB4 Liegenschaftsverwertungs GmbH. Verwertung, nicht etwa Errichtung. Dahinter steht Jürgen Grüneis, der unter der Marke b+g living Wohnungen baut und verkauft. Das Unternehmen kaufte das Haus 2013, 2019 kam die Widmung, 2021 die Baubewilligung. Passiert ist danach nichts.
Auf der leeren Liegenschaft lasten fünf Pfandrechte der Sparkasse Oberösterreich, gestaffelt über mehr als zehn Jahre, zusammen rund achtzehneinhalb Millionen Euro. Das jüngste stammt vom Oktober 2024, ein halbes Jahr vor dem angekündigten Baubeginn auf dem Schild am Eingang.
Die Gesellschaft hat ein Eigenkapital von minus sieben Millionen, das jährlich um rund eine Million weiter sinkt. In den Büchern führt die Firma das Haus nicht als Gebäude, sondern unter den Vorräten, als Ware im Lager, mit einem Buchwert von 8,6 Millionen.
Kalkül oder gescheitertes Bauvorhaben?
Fünfmal hat die Sparkasse in gut zehn Jahren nachbesichert, immer neue Sicherheiten auf einem Projekt, das nicht bebaut wird. Die Bankbranche nennt das „Evergreening“. Auf Anfrage berief sich die Sparkasse auf das Bankgeheimnis. Ob hinter dem Leerstand ein Kalkül steckt, das auf steigende Grundstückswerte setzt, oder ein gescheitertes Projekt am Tropf der Bank, ist von außen nicht zu entscheiden. Für das leere Haus macht es keinen Unterschied.
Bleibt die Frage, wie ein Haus dreizehn Jahre unfertig bleibt, und doch die Baugenehmigung nie ausläuft. Die Antwort ist ein einziger Tag, denn eine Baubewilligung erlischt erst, wenn nicht binnen vier Jahren mit dem Bau begonnen wird. Für das Haus lief diese Frist im April 2025 ab. Wenige Tage davor zeigte der Eigentümer den Baubeginn an, sie arbeiteten kurz, dann ruhte die Baustelle wieder. Der eine Tag genügt, er wahrt die Bewilligung und setzt eine neue Vierjahresfrist in Gang, bis 2029. Sie müssen hier nicht bauen, sie müssen nur rechtzeitig den Baubeginn anzeigen.
Auch der Rest der Bauvorschriften greift ins Leere. Die Schutzzone bewahrt nur das Straßenbild, für das Gebäude dahinter, teilt die MA 19 mit, sei das Bundesdenkmalamt zuständig. Das Vorhaben selbst beurteilt die Behörde wohlwollend, als Beitrag zur Schaffung von Wohnraum. Nur entsteht der nicht. Und die verfallende Fassade? Die Baupolizei ordnete eine Ersatzvornahme an, doch die zuständige MA 25 teilt schriftlich mit, sie habe nichts beauftragt und warte auf den Eigentümer. So steht jedes Mittel, das den Stillstand beenden könnte, selbst still.
Bezirksvorsteherin spricht von „Dorn im Auge“
Saya Ahmad führt den Alsergrund seit 2018. Sie hat den Eigentümer mehrfach in den Bauausschuss geladen. Einmal, noch vor der Pandemie, habe er gesagt, die Baubranche liege brach. „Wirklich exekutieren kann ich eigentlich wenig“, sagt sie zu dem Haus. „Es ist ein privates Grundstück.“ Von den achtzehneinhalb Millionen hört sie im Gespräch zum ersten Mal. „Wirklich?“, fragt sie zurück, dann fängt sie sich. Das liege nicht in ihrer Kompetenz, sagt sie. „Mir ist das ein Dorn im Auge, wir gehen hier jeden Tag an einer leeren Adresse vorbei.“
Es geht auch anders, das weiß sie. Ein Stück die Straße rauf stand ein ähnlich verfallenes Haus, heute ist es saniert, sie selbst hat die Eröffnung präsentiert. Der Unterschied sei die reibungslose Kommunikation mit jenem Eigentümer gewesen, sagt sie. „Leider habe ich es in diesem Fall nicht geschafft.“
Wer in einem Haus wohnt, dessen Zukunft ein anderer in der Hand hält, überlegt sich gut, ob er mit Journalisten redet. Das letzte verbliebene Ehepaar im Haus fühle sich, angesichts der angespannten Lage zu Zurückhaltung verpflichtet, ließen sie ausrichten. Zwölf leistbare Wohnungen sollten hier einmal entstehen, gemeinsam mit dem neunerhaus, einer Wiener Sozialorganisation für wohnungslose Menschen, die Miete auf fünfundzwanzig Jahre gedeckelt. Eine unterzeichnete Vereinbarung gibt es bis heute nicht, teilt das neunerhaus mit.
Der Eigentümer äußert sich auf Anfrage nicht
„Ich verstehe überhaupt nicht, warum wir einen Leerstand haben, während sich Menschen das Wohnen kaum noch leisten können“, sagt Ahmad. Ein Mittel dagegen benennt sie selbst, die Leerstandsabgabe. Auch die Arbeiterkammer fordert sie. „Eine GmbH kann ja kein Zweitwohnsitzbedürfnis haben“, sagt ihr Wohnexperte Lukas Tockner. Hier warte keine Person auf eine Wohnung, hier halte eine Firma eine Liegenschaft. Nur gibt es die Abgabe in Wien nicht. Seit 2024 dürften die Länder sie einheben, getan hat es die Stadt nicht. Ahmad will sich an die die zuständige Wohnbaustadträtin richten. Die ist jedoch von der Idee abgerückt, die sie einst vertrat.
Grüneis, der Mann, um den sich alles dreht, schweigt am beharrlichsten. Auf seiner Website wirbt b+g living mit „Mehr Raum für individuellen Lebensstil“ und dem „Wohnbedürfnis der Menschen, die unsere Immobilien künftig bewohnen“. In der Alserbachstraße 4 ist davon seit dreizehn Jahren nichts zu sehen. Auf zwei schriftliche Anfragen und mehrere Anrufe antwortete das Unternehmen nicht. Vielleicht gehe es bald los, sagt ein Arbeiter vor dem Haus, der seinen Namen nicht nennen will.
Nichts von dem, was hier passiert, ist verboten. Die Firma darf das Haus kaufen, halten, beleihen, die Frist mit einem Tag wahren, die Fassade behalten und den Rest abtragen, alles ist erlaubt. Hinter der Glasscheibe glänzt weiter das Rendering, dahinter steht das ausgeräumte Haus. Das Bild bleibt und der Bau bleibt aus, das ist weder Zufall noch Pech. Für den Eigentümer ist dieses Haus eine Rechnung, kein Zuhause. Für alle anderen ist die Alserbachstraße 4 ein Haus, das seit dreizehn Jahren kein Zuhause ist.
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