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5,6 Millionen Überstunden: So versteckt sich Österreichs Lehrermangel

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Volontär · campus a college
31.08.2026
6 Min.

Unser Stundenplan kann vollständig aussehen, obwohl einer Schule Personal fehlt. Österreichs Lehrkräfte leisteten in einem einzigen Schuljahr 5,6 Millionen Überstunden. Für campus a haben wir nachgeforscht, wie Schulen fehlendes Personal auffangen und was davon bei uns im Klassenzimmer überhaupt sichtbar wird.

Immer häufiger setzen Schulen auch auf junge Studierende, um die Stundenpläne zu füllen (Foto: Shutterstock)

„Sehr stark“, antwortet Paul Kimberger auf die Frage, wie sehr Überstunden den tatsächlichen Lehrkräftemangel in Österreich verdecken. Kimberger ist Vorsitzender der Gewerkschaft der Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer. Gegenüber campus a spricht er von einem „versteckten Lehrkräftemangel“.

Die Zahl dahinter ist gewaltig. Rund 5,6 Millionen Überstunden leisteten Österreichs Lehrerinnen und Lehrer im Schuljahr 2023/24. Das Bildungsministerium veröffentlichte diese Angaben in der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage. Gekostet haben die zusätzlichen Stunden über 324 Millionen Euro. Verteilt auf damals rund 126.600 Lehrkräfte entspricht das rechnerisch etwa 44 zusätzlichen Stunden pro Person. Die tatsächliche Belastung ist allerdings ungleich verteilt.

Besonders viele Überstunden fielen an Mittelschulen mit rund 1,28 Millionen und an AHS mit etwa 1,14 Millionen an. An Volksschulen waren es rund 625.000. Ein großer Teil entfiel auf dauerhaft zusätzlich gehaltene Unterrichtsstunden, etwa 661.000 Stunden kamen durch diese zustande.

Studieren und gleichzeitig unterrichten

Nicht nur Überstunden lassen den Lehrkräftemangel kleiner erscheinen. Auch Sonderverträge helfen, offene Stunden abzudecken. Im Schuljahr 2023/24 arbeiteten laut Rechnungshof neun Prozent der österreichischen Lehrpersonen mit einem solchen Vertrag. Dazu können unter bestimmten Voraussetzungen Menschen gehören, deren Lehramtsausbildung noch läuft oder die keine vollständige Lehramtsausbildung besitzen.

Wie weit das gehen kann, zeigt Oberösterreich. Dort hatten Lehramtsstudierende mit Sondervertrag im Schuljahr 2023/24 durchschnittlich 68 ECTS-Punkte ihres Studiums absolviert. Für einen Bachelorabschluss waren je nach Studium 180 bis 240 ECTS notwendig. Drei Personen wurden sogar mit null ECTS angestellt, standen also erst am Beginn ihres Lehramtstudiums.

Ganz ohne geht es auch nicht

Der Rechnungshof empfiehlt deshalb, Sonderverträge zu reduzieren und Studierende am Anfang ihrer Ausbildung nur zurückhaltend einzusetzen. Ganz ohne, ginge es momentan aber nicht, so Kimberger. „Die Alternative zu den Sonderverträgen ist kein Unterricht, und das ist wohl keine Option“, sagt er. Sonderverträge könnten einen Teil des Mangels auffangen. Vollständig lösen könnten sie ihn nicht.

„Auch als Privatschule spüren wir den allgemeinen Lehrkräftemangel. Die Personalsuche ist spürbar aufwendiger geworden“, sagt Michael Roxas, Direktor der Privatschule Sacré Coeur in Wien. „Wir beschäftigen im Bedarfsfall auch Studierende oder Lehrkräfte mit Sonderverträgen, um Unterrichtsausfälle zu vermeiden und frische Impulse ins Team zu holen.“ Diese jungen Lehrkräfte seien häufig motiviert, sagt Roxas. „Gleichzeitig müssen sie Studium und den vollen Schulalltag gleichzeitig stemmen“.

Wenn Förderung aufgeteilt werden muss

Die Folgen des Personalmangels zeigen sich auch dort, wo der Unterricht weiterhin stattfindet. „Wenn beispielsweise in der Sprachförderung nicht ausreichend gut ausgebildetes Fachpersonal vorhanden ist, können natürlich nicht alle so gefördert werden, wie sie das in Wirklichkeit bräuchten“, sagt Kimberger. Ähnlich sei die Lage in der Sonderpädagogik.

Schülerinnen und Schüler, die wegen einer körperlichen, psychischen oder kognitiven Beeinträchtigung dem Unterricht ohne besondere Unterstützung nicht ausreichend folgen können, erhalten Sonderpädagogischen Förderbedarf, kurz SPF. Ein SPF-Bescheid kann beispielsweise zusätzliche Förderung durch sonderpädagogisch ausgebildete Lehrkräfte ermöglichen.

Das Problem liegt allerdings in der Finanzierung. Der Bund berechnet die zusätzlichen Personalressourcen für die Bundesländer seit Jahrzehnten auf Grundlage einer Quote von 2,7 Prozent der Schülerzahl. Tatsächlich hatten im Schuljahr 2023/24 an allgemeinbildenden Pflichtschulen österreichweit rund 4,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen festgestellten SPF.

Mehr Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf

Vereinfacht bedeutet das, von 1.000 Schülerinnen und Schülern berücksichtigt die Finanzierung des Bundes zusätzliche Personalressourcen für 27. Tatsächlich haben im Durchschnitt etwa 45 einen festgestellten Förderbedarf. Die Länder und Schulen müssen die vorhandenen Stunden deshalb auf mehr Kinder verteilen oder zusätzliche Mittel bereitstellen.

Wie stark sich der Bedarf dabei unterscheiden kann, zeigt ein Vergleich der Bundesländer. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit SPF lag 2023/24 zwischen 2,5 Prozent in Tirol und 6,7 Prozent in Salzburg. Eine Bürgerinitiative fordert, die Finanzierungsgrenze von 2,7 auf zumindest 4,5 Prozent anzuheben. Kritikerinnen und Kritiker verlangen außerdem eine bessere Erfassung des tatsächlichen Bedarfs, weil sich die Vergabepraxis zwischen den Bundesländern unterscheidet.

Mehr Stellen, aber weiter zu wenig Unterstützung

Zum Personal an den Schulen gehören nicht nur Lehrpersonen, sondern auch Schulpsychologinnen und Sozialarbeiter. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) erklärte im Dezember 2025 im Bundesrat, die Zahl der Vollzeitstellen in der Schulpsychologie sei seit 2023 von 189,5 auf 259,5 gestiegen. Zugleich kündigte er zusätzliche Stellen für Schulsozialarbeit an.

Kimberger sieht den Bedarf damit aber noch nicht gedeckt. „Wenn multiprofessionelle Teams inklusive Schulpsychologie und Schulsozialarbeit ministeriell groß angekündigt werden, dieses Fachpersonal dann aber nicht vorhanden ist, wird es diese dringend notwendigen Teams flächendeckend nicht geben können“, sagt er.

Damit stehen zwei Einschätzungen nebeneinander. Das Ministerium verweist auf zusätzliche Stellen. Die Gewerkschaft warnt, es stünde trotzdem nicht an allen Schulen genügend Unterstützungspersonal zur Verfügung. Hinzu kommt, genehmigte Stellen helfen erst, wenn dafür auch geeignete Bewerberinnen und Bewerber gefunden werden.

Viele Bewerbungen passen nicht zu jeder Stelle

Im Frühjahr wurden für das Schuljahr 2026/27 rund 6.500 Lehrerstellen mit insgesamt knapp 97.000 Unterrichtsstunden ausgeschrieben. Darauf gingen etwa 12.900 Bewerbungen ein, rund 1.000 mehr als im Vorjahr.

Die Zahlen klingen gut, doch das Problem des Lehrkräftemangels bleibt bestehen, da sich eine Person häufig auf mehrere Stellen bewirbt. 12.900 Bewerbungen für 6.500 Stellen bedeuten deshalb nicht doppelt so viele Lehrkräfte wie offene Posten.

Auch hier zeigen sich regionale Unterschiede im Bedarf. Im Frühjahr entfielen rund 2.100 der ausgeschriebenen Stellen auf Wien, jeweils etwa 900 auf Nieder- und Oberösterreich, 700 auf Tirol und 500 auf Vorarlberg. Diese Zahlen zeigen den ursprünglichen Personalbedarf, nicht die am Ende unbesetzten Stellen.

Verteilungsproblem zwischen den Ländern

Kurz vor Schulbeginn hatte sich die Situation deutlich verbessert. Nach Angaben des Bildungsressorts waren österreichweit noch 288 Stellen an Pflichtschulen, 58 an Bundesschulen und drei an Berufsschulen offen. In Wien und im Burgenland waren bereits alle Posten besetzt.

Als „vergleichsweise angespannt“ bezeichnete das Ministerium die Situation in Vorarlberg. Dort erschweren unter anderem höhere Gehälter in der benachbarten Schweiz die Personalsuche. In Oberösterreich bestanden noch regionale Schwierigkeiten, etwa im Raum Wels. In Tirol wurden vereinzelt Pflichtschullehrkräfte im Bezirk Reutte gesucht, in Salzburg betraf der Bedarf bestimmte Fächer und Gebirgsregionen. Niederösterreich suchte noch für einzelne Standorte und Gegenstände.

Damit zeigt sich das Verteilungsproblem. Viele Bewerbungen allein lösen den Lehrkräftemangel nicht. Entscheidend ist, ob die Bewerberinnen und Bewerber für das benötigte Fach, die jeweilige Schulart und den Standort zur Verfügung stehen.

Minister sieht eine positive Entwicklung

Bildungsminister Wiederkehr wertete die gestiegene Zahl der Bewerbungen bereits im Mai als Fortschritt. „Damit ist der Lehrermangel immer noch nicht behoben, aber wir sehen jedenfalls eine positive Entwicklung“, erklärte er in einer Mitteilung seines Ministeriums. Unterrichten sei „deutlich attraktiver“ geworden.

Kurz vor Schulbeginn teilte das Bildungsressort über die APA mit, der Personalbedarf sei bis auf einzelne Regionen, Standorte und Schularten weitgehend gedeckt. Diese Einschätzung widerspricht nicht vollständig der Kritik der Gewerkschaft. Beide Seiten betrachten unterschiedliche Teile des Problems, das Ministerium zählt die noch offenen Stellen, während Kimberger darauf verweist, wie viele Überstunden, Sonderverträge und fachfremd gehaltene Stunden notwendig sind, damit der Unterricht überhaupt stattfinden kann.

Die Politik bleibt gefordert

„Der Schwerpunkt muss sein, wieder auf ausreichend voll ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen zu setzen“, sagt Kimberger. Dafür müsse die Politik den Lehrberuf attraktiver machen und bessere schulische Rahmenbedingungen schaffen. Auch der Rechnungshof sieht den starken Einsatz von Sonderverträgen kritisch.

Am Ende bleiben die rund 5,6 Millionen Überstunden, die Österreichs Lehrkräfte in einem Schuljahr leisteten. Ausgefallene Stunden allein sagen wenig über den Lehrkräftemangel. Schulen können fehlendes Personal mit Überstunden, Studierenden und Sonderverträgen auffangen. Unser Stundenplan bleibt dadurch vollständig. Der Mangel verschwindet aber nicht, er wird nur schwerer sichtbar.



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