Was Vornamen betrifft, ist das Gesetz in Österreich unkompliziert. Der Name muss gebräuchlich sein, darf dem Geschlecht des Kindes nicht widersprechen und dem Kindeswohl auch nicht schaden oder anstößig wirken. Auch Titel oder Marken sind verboten. Eltern dürfen ihr Kind also nicht Waldmeister oder Doktor nennen, aber solange sie sich an diese Regeln halten, steht der Kreativität nichts im Wege. Auch nicht, wenn der Name Assoziationen mit Krieg und Massenmord weckt.
Eltern scheinen mit Adolf jedoch vorsichtig zu sein. Vor hundert Jahren war der Name noch besonders beliebt, galt als Heiligenname. Dann kam Adolf Hitler und stürzte die Welt mit seinem Menschenhass in die Katastrophe. 1939 startete er den zweiten Weltkrieg, in dessen Folge sechzig bis über siebzig Millionen starben, sechs Millionen von ihnen Juden. Seitdem prägt Hitler den Namen und immer weniger Eltern nennen ihre Kinder Adolf. Heute heißt kaum noch jemand so.
Zwischen 2000 und 2024 nannten in Österreich nur vierzehn Eltern ihre Kinder Adolf. In Oberösterreich gibt es seit 1984 am meisten Adolfs, 21 an der Zahl. Im Durchschnitt liegen Kärnten, die Steiermark und Niederösterreich. Hier nannten in den letzten 42 Jahren jeweils fünfzehn Eltern ihre Söhne Adolf. In Salzburg hingegen ist es nur ein Einziger.
Adolf in pink
Name:Adolf, so heißt ein Projekt der deutschen Autorin und Wissenschaftlerin Anne Haeming. Zehn Adolfs erzählen auf einer neonpinken Webseite, denn weiter weg von üblichen Adolf-Assoziationen ginge nicht, ihre Geschichte, wie es ihnen mit dem Namen geht, ob sie Kritik ernten, ob sie gerne anders heißen würden. Der Jüngste der zehn ist 41 Jahre alt.
„Es gab ein paar Leute bei uns im Dorf, die haben mir immer am 20. April zum Geburtstag gratuliert“, erzählt ein Mann auf der Website. Der Tag ist Hitlers Geburtstag. In der Schule habe es böse Spitznamen gehagelt, sagen andere. Bei jeder Vorstellung müssten sie sich neu erklären, auf Familienfeiern würde immer aufs Neue diskutiert.
Der Name kommt mit politischer Verantwortung
Eine Nebenwirkung scheint die Adolf-Sache laut der Porträts bei vielen gehabt zu haben. Politische Bildung und Affinität für gesellschaftliche Fragen wurde den Männern mit dem Namen sozusagen in die Wiege gelegt. „Es war mir ein stärkeres Bedürfnis, noch weiter links zu stehen, als eh schon“, erzählt einer der Männer. Ein anderer sagt, sein Name sei der Grund, warum er Geschichte studiert habe.
Einer ist Jugendamtsleiter geworden, er sieht sich in der Verantwortung, das Wissen und die Erkenntnisse, die er jahrelang gesammelt hat, weiterzugeben. Zum Schutz der Demokratie, weil ihm die Zeiten derzeit Sorgen bereiten, wie er sagt. Ein anderer ist dem VVN-Bund der Antifaschisten beigetreten, hat Gedenkfeiern anlässlich der Reichspogromnacht ausgerichtet und wurde Stadtrat für die Grünen.
Ist es nun aber in Ordnung, sein Kind nach jemandem zu benennen, den jeder mit dem größten Verbrechen an der Menschheit in Verbindung bringt? Ist das nicht auch ein politisches Statement? Oder sind solche Vergleiche lächerlich? Die Komödie Der Vorname, 2010 in einem Pariser Theater uraufgeführt und 2018 in Deutschland verfilmt, beschäftigt sich mit diesen Fragen. Ein werdender Vater behauptet, seinen Sohn Adolf nennen zu wollen, und stößt auf Unverständnis. „Was kann der Name denn dafür?“, „Ab wie vielen Toten zählt ein Name für dich denn als verbraucht?” oder „Mein Kind wird berühmt werden und den Namen wieder positiv prägen“, argumentiert er im Laufe des Streits.
Wer sein Kind Adolf nennt, muss Nazi sein. Oder?
Wer Adolf heißt, müsste doch potenziell rechtsextreme Eltern haben, sonst würden sie ihren Sohn wohl kaum mit dieser Namensgebung exponieren. Dieser Gedanke drängt sich auf, wenn Menschen an den Namen denken.
Als wir Adolf Fuchs fragen, warum ihn seine Eltern eigentlich Adolf genannt haben, winkt er ab. „Mein Vater hat Adolf geheißen“, sagt er. „Damals wurde bei uns einer der Söhne traditionellerweise benannt wie der Vater. In dem Fall war das ich.“ Es sei unnötig, sich über so etwas wie seinen Namen Gedanken zu machen. Da er selbst nie erlebt habe, wie der Name negativ aufgenommen wurde, war das für ihn auch nie ein Thema. „Es ist halt ein Name.“ Bei seinen Kindern hat er die Tradition trotzdem nicht weitergeführt. „Das hat aber weniger mit der Geschichte zu tun und mehr mit der Mode, ehrlich gesagt”, gibt er zu.
Als wir mit ihm sprechen, merkt er vielleicht, seine Antworten sind nicht das, womit wir gerechnet haben. Stattdessen gibt er uns den Kontakt von einem Freund von ihm, der ebenfalls Adolf heißt. Minuten später haben wir Adolf Zeller am Telefon. Er hat nicht viel Zeit und scheinbar auch keine Lust auf ein Gespräch zu diesem Thema. Trotzdem gibt er uns eine kurze Antwort auf die brennendste Frage: „Mein Vater hat so geheißen, mein Großvater auch. Mein Sohn heißt in sechster Generation Adolf. Wir haben keinen Adolf Hitler gebraucht, um unsere Söhne Adolf zu nennen. Das ist einfach Tradition.”
Wie lebt es sich
Wie sieht es nun mit den persönlichen Erfahrungen dieser beiden Adolfs mit ihrem Namen aus? Wir haben noch die Schilderungen von Name:Adolf im Hinterkopf. Einen Mann haben die ständigen Konfrontationen so sehr belastet, dass er sich sogar offiziell umbenennen ließ. Dolf steht nun in seinem Pass. Ein anderer bekam von seinen Mitschülern den Spitznamen „Führer”.
Als wir Fuchs fragen, ahnen wir schon, was kommen wird. „Niemand hat mich je darauf angesprochen“, sagt er. „Adolf zu heißen ist inzwischen gar kein Thema mehr.“ Ob es früher schlimmer gewesen sei, fragen wir, und ob junge Leute anders reagieren würden als ältere. Nein, nichts. Sowohl Fuchs als auch Zeller scheinen bei dem Thema abzublocken.
Der zweite Weltkrieg endete vor 81 Jahren. Laut Fuchs und Zeller spielt der Name inzwischen keine Rolle mehr. Womöglich ist die Wahrheit ein bisschen differenzierter. Der Vorname, das ist ein sensibles Thema. Ein Angriff darauf könnte sich nach einem Angriff auf die eigene Identität anfühlen. Das kann wehtun und Trotzreaktionen auslösen. Es scheint schließlich verwunderlich, dass ausgerechnet heute, wo das Aufreger-Potenzial einzelner Wörter so groß ist wie nie, ein Name wie dieser keine Wogen hochgehen lässt.
Kommentare