„Mit diesem einfachen Trick wirst auch du in nur 20 Minuten am Tag entspannt zum Millionär“, verspricht der selbsternannte Teilzeitmillionär vor „seinem“ frisch bezahlten Sportwagen und mit pomadig glänzenden Haaren auf Social Media. Für den großen Reichtum brauche es keine harte Arbeit, keine gute Idee, nur ein paar Klicks und die richtigen Tipps für Kryptospekulationen und Aktienmärkte.
Das klingt interessant, insbesondere für junge Menschen zunehmend die finanziell für die Zukunft vorsorgen wollen. Wer heute studiert, kann häufig nur schwer abschätzen, wie viel von der gesetzlichen Rente später übrigbleiben wird. Private Vorsorge wird deshalb wichtiger. Das erkannte auch Bundeskanzler Christian Stocker und schlug sein Zukunftsdepot vor.
Doch was ist mit denen, die gerade erst anfangen? Am Monatsende reicht das Geld meist nur noch für Pasta mit Pesto. Wer gut gejobbt oder ein paar Extraschichten übernommen hat, dem bleiben vielleicht noch 50 oder 100 Euro übrig. Lohnt es sich überhaupt, damit schon zu investieren? Oder warten wir besser, bis nach dem Studium das erste richtige Gehalt auf dem Konto landet? campus a hat bei drei Finanzexperten nachgefragt, was sich mit kleinen Beträgen tatsächlich anfangen lässt.
Was bringen 50 Euro überhaupt?
„Mit solchen Beträgen lohnt es sich nicht zu investieren“, sagt Gerald Hörhan ziemlich trocken, als wir ihn nach den Möglichkeiten für Studierende mit 50 Euro im Monat fragen. Ist das Thema also erledigt?
Nicht ganz. Als „Investment Punk“ möchte Hörhan auf seinem YouTube-Kanal und in der Investment Punk Academy Menschen zu finanzieller Freiheit verhelfen, sagt er in seinen Videos. Je länger wir telefonieren, desto klarer wird, seine anfängliche Aussage muss ich differenzierter betrachten. Bevor es überhaupt darum geht, was ich aus meinen 50 Euro machen kann, kommt es zunächst auf die eigene finanzielle Situation und den Zeitraum an, für den das Geld zur Verfügung steht.
Josef Obergantschnig, ehemaliger Fondsmanager und Autor mehrerer Finanzbücher, rät deshalb, zunächst zu überlegen, wann wir das Geld wieder brauchen. „Wer beispielsweise in zwei Jahren Geld für ein Auto oder einen Umzug benötigt, sollte anders mit seinem Geld umgehen als jemand, der es erst in 20 Jahren wieder braucht“, empfiehlt er.
Wichtig sei, rund zehn Prozent des eigenen Einkommens als Notgroschen zurückzulegen, sagt Obergantschnig. „Wer schon während des Studiums eine solche Gewohnheit entwickelt, kann den Betrag später mit steigendem Einkommen entsprechend erhöhen.“
Mit 50 Euro anfangen?
„Ein typischer Fehler ist es, zu glauben, kleine Beträge würden nichts bringen“, sagt Fabio Girardi, Ökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien. „Selbstverständlich wird aus 50 Euro nicht innerhalb weniger Jahre ein Vermögen. Trotzdem kann ein kleiner Betrag einen wichtigen Zweck erfüllen. Wir lernen, wie Investieren funktioniert“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.
„Wer mit 50 Euro anfängt, beschäftigt sich automatisch mit Fragen, die sonst schnell abstrakt bleiben“, sagt Girardi. „Was passiert, wenn die Kurse steigen? Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Investment plötzlich zehn Prozent im Minus steht? Wie viel Risiko möchte ich überhaupt eingehen?“
Gerade für junge Menschen sieht Girardi darin einen Vorteil. „Sie haben Zeit, Erfahrungen zu sammeln und ihren Umgang mit Geld zu entwickeln.“ Für den Einstieg empfiehlt er, zunächst Wissen zu sammeln. „Podcasts, Bücher und YouTube können dabei helfen, die ersten Grundlagen zu verstehen. Insbesondere junge Menschen sollten Informationen aus unterschiedlichen Quellen vergleichen. Nicht jeder Finanzkanal im Internet liefert automatisch gute Ratschläge.“
Wer investieren möchte, braucht außerdem erstmal ein Wertpapierdepot bei einer Bank oder einem Online-Broker wie Trade Republic, Scalable Capital oder flatex. Gerade bei kleinen Beträgen lohnt sich ein Blick auf die Gebühren. Je nach Anbieter können etwa Ordergebühren oder laufende Depotkosten anfallen. Bei einer monatlichen Anlage von 50 Euro können solche Kosten einen spürbaren Teil des Betrags ausmachen.
Nicht alles auf eine Karte setzen
Obergantschnig rät, vor allem auf eine breite Streuung und einen langen Anlagehorizont zu setzen. „Wer sich nicht ständig mit seinen Investments beschäftigen möchte, kann beispielsweise einen Aktienfonds oder einen ETF nutzen“, sagt er. „Beim klassischen Aktienfonds wählt ein Fondsmanagement die Unternehmen aus, ein ETF bildet einfach einen Index nach.“ Bei ETFs kommt es für Obergantschnig zudem darauf an, auf eine längere Entwicklungsgeschichte von mindestens drei Jahren zu achten.
Außerdem rät Obergantschnig dazu, nicht das gesamte verfügbare Geld in risikoreichere Anlagen zu stecken. Eine Aufteilung von etwa 70 bis 80 Prozent zu 20 bis 30 Prozent sei für ihn zum Beispiel sinnvoll, wobei Anleger den größeren Teil vergleichsweise sicher anlegen und den kleineren zum Sammeln von Erfahrungen nutzen können.
Für Studierende mit 50 Euro im Monat könnte das beispielsweise bedeuten, 35 bis 40 Euro langfristig und breit gestreut anzulegen und den Rest zu nutzen, um verschiedene Anlageformen kennenzulernen.
Geduld zahlt sich aus
Ein weiterer Vorteil junger Anleger ist für Obergantschnig der lange Zeitraum, über den sie das Geld investieren können, ohne es akut zu gebrauchen.
„Wer mit Anfang 20 investiert und das Geld erst Jahrzehnte später benötigt, kann kurzfristige Kursschwankungen aussitzen“, erklärt der Autor und verweist dabei auf Untersuchungen des Yale-Ökonomen und Nobelpreisträgers Robert Shiller. In der von ihm genannten historischen Betrachtung lag die Wahrscheinlichkeit eines realen Verlusts bei einem Anlagezeitraum von 20 Jahren bei etwa 0,1 Prozent. Ein realer Verlust berücksichtigt dabei auch die Inflation, also den allgemeinen Anstieg der Preise. Wer sein Geld über einen langen Zeitraum investiert, hatte damit in der Vergangenheit gute Chancen, es zu vermehren.
Welche Anlage könnte für 50 Euro infrage kommen?
Wer mit 50 Euro im Monat anfangen möchte, muss nicht gleich zehn verschiedene Produkte kaufen. Obergantschnig sagt, ein breit aufgestellter globaler Aktienfonds könnte eine mögliche Grundlage sein.
Ein bekanntes Beispiel ist der MSCI World. Der Aktienindex bilde die Entwicklung von rund 1.300 großen und mittleren Unternehmen aus verschiedenen Industrieländern ab, sagt Obergantschnig. „Wer einen ETF kauft, der diesen Index nachbildet, investiert dadurch indirekt in viele dieser Unternehmen gleichzeitig.“
„Wer zusätzlich Unternehmen aus sogenannten Schwellenländern berücksichtigen möchte, kann sich beispielsweise den MSCI ACWI anschauen“, so Obergantschnig. ACWI steht für All Country World Index. Der Index umfasst neben Industrieländern auch sogenannte Emerging Markets.
Damit sei bereits ein großer Teil des weltweiten Aktienmarktes abgedeckt, sagt Obergantschnig. Wer erste Erfahrungen gesammelt habe und sich an riskantere Anlagen herantasten möchte, könne einen kleineren Teil des Geldes dafür verwenden.
Aber bitte nicht auf die schnelle Million hoffen
„Gerade bei kleinen Beträgen ist die Versuchung groß, nach der Anlage zu suchen, die aus 100 Euro möglichst schnell 1.000 Euro macht“, sagt Hörhan. „Viele glauben deshalb, sie müssten in exotische Dinge wie Dubai-Immobilien, Meme-Stocks oder Shitcoins investieren. Damit verdienen sie aber kein Geld“, sagt der Investment Punk. Meme-Stocks sind Aktien, deren Kurse teilweise stark durch Internettrends und soziale Medien beeinflusst werden. Shitcoins sind wiederum besonders spekulative Kryptowährungen.
Niemand solle also erwarten, mit ein paar hundert Euro reich zu werden, sagt Hörhan. Der Vorteil daran, mit solchen Beträgen zu investieren, läge vor allem in den Erfahrungen, erklärt er. Die seien entscheidend, nicht die kleinen Gewinne.
Wissen ist möglicherweise die wichtigste Investition
Bei einem Punkt sind sich die drei Experten trotz unterschiedlicher Schwerpunkte einig: Wer investieren möchte, sollte sich zumindest mit den Grundlagen beschäftigen.
„Auch das Thema Steuern sollte nicht unterschätzt werden“, sagt Hörhan. Je nach Anlageform und persönlicher Situation könnten unterschiedliche steuerliche Regeln gelten. „Wer investiert, sollte sich deshalb zumindest mit den grundlegenden steuerlichen Fragen auseinandersetzen.“
Studierende müssen also kein Finanzstudium absolvieren oder ein Vermögen anhäufen, bevor sie anfangen können zu investieren. Es geht zunächst darum, die wichtigsten Begriffe zu verstehen, die eigenen finanziellen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und nicht jedem Versprechen von schnellen Gewinnen hinterherzulaufen.
Was also tun mit den 50 Euro?
Die Antwort der Experten fällt weniger spektakulär aus, als es die Versprechen der Finanz-Influencer aus den Werbungen vermuten lassen. Die 50 Euro müssen nicht möglichst schnell zu 500 oder 1.000 Euro werden. Wenn die eigenen finanziellen Voraussetzungen stimmen, können sie ein Einstieg sein, um erste Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, wie langfristiges Investieren funktioniert.
Der „arme Student“ wird mit seinen 50 Euro also nicht über Nacht zum Finanzhai. Aber er kann schon einmal eintauchen, Erfahrungen sammeln und lernen, bevor es später um größere Summen geht.
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