„Was ich mit René Benko gemeinsam habe: Baustellen.“, steht auf einem der Plakate, die seit Mittwoch am Oskar-Kokoschka-Platz hängen, die Angewandte lädt zum Festival. Schon im Eingangsbereich beginnt die Kunstaustellung als Baustelle, mit Plakaten die zwischen Stahlgerüsten und Planen spannen.
Bis Samstag zeigt die Kunstuni Abschlussarbeiten Filme und Musik der Studierenden, sie geben auch Lesungen und Workshops. Am Mittwoch eröffnet Rektorin Ulrike Kuch das Festival am Oskar-Kokoschka-Platz. Der gehört am Mittwoch ganz den Studierenden des Instituts für Sprachkunst. Aus dem Platz sollen sie „einen Ort aus Sprache und Sprechen“ machen.
Kunst als Ort der Gemeinschaft
Im Innenhof des Unigebäudes ist von der Baustelle nichts mehr zu spüren, hier steht eine Skulptur in der Form eines Baumstamms. Um den Kern herum windet sich ein gebrannter Brotteig, als würde er wie eine Pflanze um den Stamm wachsen.
„Menschen sollen gemeinsam Zeit verbringen, gemeinsam Kunst erschaffen und anschließend gemeinsam essen“, sagt Sascha Zaitseva, Leiterin des Keramikstudios an der Universität. Neben der Statue steht eine kleine Schale mit Öl, Besucher*innen können ein Stück Brot von der Skulptur abbrechen und in das Öl tunken.
„Die Gäste sollen das Kunstwerk nicht nur betrachten, sie sollen es teilen und konsumieren“, sagt Zaitseva. Die Idee entstand zu Beginn des Ukrainekriegs, aus einem Gefühl der Hilflosigkeit entwickelten die Studierenden einen Raum für Begegnung und Zusammenhalt. Gemeinschaft werde gerade in Krisenzeiten besonders wertvoll, sagt Zaitseva. Die Skulptur solle das feiern und zur Gemeinschaft einladen.
Zwischen Innovation und Gesellschaftskritik
Im ersten Stock des Gebäudes öffnen sich Räume wie einzelne Mikro-Welten. Jeder Raum setzt eigene Regeln, eigene Materialien, eigene Gedanken.
In einem Zimmer steht ein kleiner Server auf einem weißen Tisch. Daneben liegt eine detaillierte Anleitung, die Schritt für Schritt erklärt, wie jeder eine eigene Cloud aufbauen kann. Die Arbeit soll technische Strukturen aus dem Hintergrund in die Hand der Nutzer:innen verschieben. Aus passiven Konsument:innen von Technologie sollen so aktive Gestalter*innen ihrer digitalen Infrastruktur werden.
Ein paar Türen weiter stellt der Absolvent Dominik Leitner sein Projekt „Mind the Gap“ aus. Er beschäftigt sich mit tiroler Bräuchen und Maskentraditionen. In einem kleinen Buch sammelt er Fotografien von Masken. Neben die Bilder hat er Analysen geschrieben, die historische Kontexte sichtbar machen sollen und Fragen nach rassistischen oder ausgrenzenden Erzählmustern stellen. Leitner will mit dem Namen auf eine Lücke zwischen Tradition und kritischer Reflexion verweisen und die Frage stellen, wie stark Bilder und Bräuche gesellschaftliche Zugehörigkeit definieren.
Engagement statt nur Kritik
„Die Regeln im Fußball wurden von Männern für Männer erstellt“, sagt die Absolventin Nadine im Gespräch mit campus a. Unter dem Titel „PERIOD OUT“ stellt sie für ihre Abschlussarbeit ein Fußballtor mitten in einem der Räume aus, davor ruht ein Ball, als hätte jemand den Spielbetrieb kurz angehalten. Rundherum hat sie Plakate aufgehangen auf denen Spielerinnen ihre Arme heben und ein Dreieck mit den Händen formen.
„Das soll ein Signal sein, mit dem Spielerinnen anzeigen können, sie müssen das Spielfeld wegen ihrer Menstruation kurz verlassen“, sagt Nadine. Spielerinnen fehle bisher eine offiziell vorgesehene Möglichkeit, das Spielfeld während der Menstruation kurzfristig und ohne Nachteile zu verlassen, sagt sie, das wolle sie anprangern.
Aus der Auseinandersetzung mit der Lücke im Regelwerk entwickelt Nadine nicht nur ein gestalterisches Projekt. Sie schrieb auch ein Beschwerdeschreiben an den Fußballweltverband FIFA und initiierte eine Petition, um strukturelle Veränderungen im internationalen Fußball anzustoßen, sagt sie.
Kunst, die Haltung zeigt
Die Räume der Universität füllen sich am Mittwoch mit Besucherinnen und Besuchern, zwischen den Gästen huschen die Absolvent*innen durch die Gänge und prüfen die letzten Details ihrer Arbeiten. Sie wirken aufgeregt, scheinen stolz und erleichtert. Nach Monaten intensiver Arbeit präsentieren sie ihre Abschlussprojekte der Öffentlichkeit.
Immer wieder geht es in den Projekten nicht nur um Beobachtung und Darstellung, sondern um Eingriff und Veränderung. Die Absolvent*innen sind mit ihrem Studium zwar fertig, doch die Kunst bleibt für sie „unfinished business“
Kommentare