Wir treffen Detlev Schmitt vor dem BIZ, dem Berufsinformationszentrum des AMS. Er sitzt mit seinem Rucksack neben einem Tisch voller Infobroschüren, das Handy zwischen beiden Händen. Während er erzählt, schaut er immer wieder auf die Liste der Lehrstellen auf seinem Display, bei manchen Betrieben wischt er weiter, bei anderen bleibt er kurz stehen.
„Ich hätte mir das Ganze ehrlich gesagt einfacher vorgestellt. Du denkst dir zuerst, du schickst ein paar Bewerbungen und dann wird schon irgendwer Ja sagen“, sagt der 17-Jährige, Schüler am BRG im 18. Bezirk. „In Wirklichkeit musst du ziemlich dahinter sein.“ Eine Richtung hat er dabei schon im Kopf. „Ich will in die Kfz-Technik gehen. Ich schraub daheim seit einiger Zeit an Mopeds herum und mein Vater hat früher auch viel an Autos gemacht. Das wäre etwas, wo ich mir vorstellen könnte, das jeden Tag zu machen.“
Aus zehn Bewerbungen wurden nur zwei Gespräche
Rund zehn Bewerbungen hat er bisher verschickt. „Bei ein paar hab ich gar nichts gehört, von anderen sind Absagen gekommen. Zwei Firmen haben mich immerhin zu einem Gespräch eingeladen.“ Überrascht hat ihn vor allem, wie lange manche Firmen brauchen, um überhaupt zu antworten. „Du schickst eine Bewerbung raus und wartest dann teilweise mehrere Wochen. Irgendwann weißt du gar nicht mehr, ob du noch eine Antwort bekommst."
Zeit hat er dabei nicht unbegrenzt. „Meine Eltern sagen, ich solle langsam schauen, weil ich nach der Schule nicht einfach ein Jahr herumhängen will“, sagt Detlev. „Ein paar Freunde haben schon eine Zusage. Da denkst du dir natürlich irgendwann: Was mach ich, wenn ich bis Sommer nichts finde?"
Steigende Jugendarbeitslosigkeit
So geht es vielen jungen Menschen in Österreich. Die Nachfrage nach Lehrstellen ist laut AMS zuletzt um 6,5 Prozent gestiegen, das Angebot an offenen Stellen aber nicht mitgewachsen. Heißt konkret, wer aktuell eine Lehrstelle sucht, konkurriert um deutlich weniger offene Plätze als noch vor einem Jahr, besonders in Wien. Dort stieg die Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen von Juni 2024 auf Juni 2025 um 4,8 Prozent.
„Wir befinden uns im dritten Jahr der Rezession", sagt Katharina Luger, stellvertretende Geschäftsführerin des AMS Wien, gegenüber campus a. Die betriebliche Personalnachfrage sei weiterhin deutlich geringer als früher, das betreffe mittlerweile auch Berufe, die früher als besonders krisensicher galten, etwa in der Technik.
Lev Tursky hat diese Phase hinter sich. Wir erreichen den 19-Jährigen telefonisch, während er bei Hainzl Industriesysteme arbeitet, einem Linzer Familienunternehmen mit rund 1.000 Mitarbeiter*innen, das Systeme für Automatisierung und Antriebstechnik entwickelt. Im Hintergrund hören wir immer wieder leise Geräusche aus dem Betrieb. „Ich hab mich für eine technische Lehre interessiert, weil ich schon immer gern gesehen hab, wie Maschinen funktionieren“, sagt Lev. „Bei Hainzl hat mich besonders gereizt, dass ich nicht nur zuschaue, sondern selbst mitarbeite und sehe, was wir hier machen.“
„Hoffentlich finde ich etwas, das zu mir passt.“
„Meine Bewerbungsphase war ziemlich zach. Ein paar von meinen Freunden hatten ihre Stellen schon fix und ich hab teilweise noch auf Antworten gewartet“, sagt der Lehrling. „Da hab ich mir gedacht: Hoffentlich finde ich jetzt etwas, das zu mir passt und nicht einfach nur irgendeine Lehrstelle.“ An einer Stelle muss er kurz lachen, als er von der Bewerbungszeit erzählt: „Damals hab ich bei jeder neuen Mail nachgeschaut, ob es endlich die Antwort ist, auf die ich gewartet hab“, sagt er. „Für mich war das Wichtigste, eine Stelle zu finden, bei der ich mir auch vorstellen konnte, länger zu bleiben."
Besonders betroffen sind laut AMS-Zahlen der Handel und das Gesundheits- und Sozialwesen, zwei Branchen, in denen auch viele Jugendliche ihre erste Stelle oder Lehre suchen. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel bestehen. Junge Menschen finden oft schwer eine Stelle, weil ihnen die passende Ausbildung für genau jene Berufe fehlt, in denen Fachkräfte gesucht werden.
Vor Ort im BIZ
Ein Nachmittag im BIZ in der Lehrbachgasse 18 zeigt, wie unterschiedlich der Stand bei den Jugendlichen selbst ist. Es ist viel los, die Atmosphäre angespannt. Manche blättern konzentriert durch Stellenangebote oder suchen am PC nach offenen Lehrstellen, andere warten auf ein Beratungsgespräch. Ein paar sind mit ihren Eltern da, andere allein.
Elias Huber, 17, steht mit seinem Rucksack vor einem Infostand und scrollt auf seinem Handy durch eine Liste mit offenen Stellen. Bei einer Bewerbung hält er kurz inne und zeigt sie einem Freund. „Ich interessiere mich für IT und würde gern in Applikationsentwicklung gehen“, sagt er. „Ich hab in der Schule ein bisschen programmiert und mir auch selbst Sachen beigebracht. Ich will nicht irgendeine Lehrstelle nehmen, nur damit ich eine hab.“
Sein Problem ist ein anderes als das vieler hier: „Bei mir ist das eher, dass ich einen ziemlich konkreten Plan hab“, sagt Elias. „Wenn das nicht klappt, müsste ich mir überlegen, ob ich eine andere Ausbildung mache oder doch weiter in die Schule gehe.“
Als auf dem Handy eines anderen Jugendlichen eine Absage aufpoppt, schaut Elias kurz hin. „Na super, genau das will man sehen“, sagt er nur, steckt sein Handy wieder ein und geht weiter.
Und jetzt?
Detlev bleibt vorerst dran. „Ein paar Bewerbungen laufen noch, deswegen wart ich mal ab. Wenn das nichts wird, hab ich aber schon einen Plan B und würde vielleicht noch ein Jahr Schule machen.“ Sein Plan B ist die HTL Rennweg.
Ganz oben auf seiner Liste steht die Schule aber nicht. Was er sich für die nächsten Wochen wünscht, klingt bescheiden und ist doch der Kern der ganzen Geschichte. „Ich will einfach irgendwann eine Stelle finden, die mir taugt. Es muss jetzt nicht gleich der perfekte Job sein, aber ich würd halt gern einmal irgendwo reinkommen und anfangen.“ Bis dahin bleibt ihm nur Weiterschicken und Warten.
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