Eigentlich hätte das englischsprachige Bachelorprogramm „Quantum Science and Technology“ an der Johannes Kepler Universität in Linz im Wintersemester 2026 starten sollen. Es wäre das erste grundlegende Quanten-Bachelorstudium in Österreich gewesen und eines der wenigen in ganz Europa. Doch jetzt fordern die von der der Bundesregierung geplanten Kürzungen an den Universitäten ihr erstes Opfer, ausgerechnet in diesem zukunftsweisenden Feld.
Hintergrund sind die Budgetvorgaben für 2027 und 2028 sowie offene Fragen zur Finanzierung der darauffolgenden Leistungsvereinbarungsperiode bis 2030. Ohne ausreichende Planungssicherheit sehe sich die JKU derzeit nicht in der Lage, den neuen Studiengang wie vorgesehen umzusetzen. Ob und wann das Bachelorprogramm tatsächlich starten kann, bleibt damit vorerst offen, die JKU Linz hofft weiterhin auf Herbst 2027.
Im Wissenschaftsministerium sorgt die Entwicklung für Irritation. Man habe erst durch Medienberichte von der Absage des geplanten Studiengangs erfahren. Bisher sei keine Studienkennzahl für das Programm eingelangt. Ohne diese Voraussetzung sei kein entsprechender Studienplan zuordenbar. Zudem verweist das Ministerium darauf, dass die derzeit geltende Leistungsvereinbarung zwischen Bund und Universitäten noch bis Ende 2027 läuft.
Quantenmechanik in der Industriestrategie 2035 verankert
Das mögliche Scheitern des Linzer Studiengangs wiegt schwer, da die Quantentechnologie als eine der wichtigsten Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts gilt. Für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Österreich steht dabei viel auf dem Spiel. Wer bei der Industrialisierung der Quantenmechanik die Nase vorn hat, sichert sich die Wertschöpfung und die hochqualifizierten Arbeitsplätze von morgen. Dass die Politik und die Universitäten hier nun ins Stocken geraten, widerspricht den eigenen Ambitionen.
Die Förderung von Zukunftstechnologien ist fest in der österreichischen Industriestrategie 2035 verankert, mit der Österreich seine Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit stärken will. Bis 2035 soll das Land gemessen am Industrial Production Index zu den zehn leistungsstärksten Industriestandorten der OECD zählen. Quantencomputer sind dabei einer der wichtigsten technologischen Motoren dieser Transformation.
Österreich verfügt über florierende Quanten-Startups
Zudem droht Österreich damit, ein wertvolles Erbe leichtfertig zu verspielen. Die heimische Quantenforschung genießt weltweit einen exzellenten Ruf, der nicht zuletzt durch den Physik-Nobelpreis für Anton Zeilinger, der ein Interview zu dem Thema mit campus a aus Zeitgründen ablehnte, im Jahr 2022 gekrönt wurde.
Außerdem verfügt Österreich bereits über mehrere erfolgreichen Firmen im Quantenbereich. So entwickelt das Innsbrucker Unternehmen AQT Quantencomputer auf Basis der Ionenfallentechnologie, die in Deutschland und Polen bereits Anwendung finden. Ebenfalls in Innsbruck beheimatet ist das Startup ParityQC, das eine proprietäre Quantencomputerarchitektur vermarktet, die mit allen unterschiedlichen Ansätzen für den Bau von Quantenrechnern kompatibel ist. Neue Wege in der Quantenkommunikation beschreitet zudem das Wiener Startup zerothird, das Verschlüsselungstechnologien auf Basis der Quantenkryptografie entwickelt. Auch die Forschung liefert internationale Erfolge. Ein Team der Universität Wien entsandte im vergangenen Jahr den weltweit ersten Quantenprozessor ins All.
Das Bachelorprogramm an der JKU Linz hätte genau jene Brücke für Studenten schlagen sollen, die die Politik so oft fordert: den Transfer von der akademischen Spitzenforschung direkt in die industrielle Praxis.
Ausgebildete Fachkräfte als einzig wirklicher Engpass
Hannes-Jörg Schmiedmayer, Physiker und Professor für Quantenphysik am Atominstitut der Technischen Universität Wien hält den Stopp des Studiengangs für „eine Katastrophe und einen schweren Rückschlag“. Österreich gehöre in der Quantenforschung zur absoluten Weltspitze: von den Grundlagen bis zur Anwendung. „Wir haben hier nicht nur exzellente Wissenschaft, sondern inzwischen auch ein lebendiges Ökosystem aus Start-ups und teils schon mittelständischen Unternehmen, die international konkurrenzfähig sind,“ sagt Schmiedmayer gegenüber campus a.
Entscheidend sei, dass diese Firmen in ihrer Entwicklung nicht durch fehlende Ideen, fehlendes geistiges Eigentum oder fehlende Patente begrenzt sind. Der einzige wirkliche Engpass sei die Verfügbarkeit hervorragend ausgebildeter Fachkräfte. „Wer hier die Ausbildung kürzt, kappt genau die Ressource, von der das Wachstum dieser Unternehmen abhängt und damit auch die Chance, dass aus österreichischer Forschung österreichische Wertschöpfung entsteht und nicht abwandert,“ sagt er.
„Die richtige Frage ist nicht Quantenphysik oder Philosophie“
Schmiedmayer lehnt es jedoch entschieden ab, Sparmaßnahmen stattdessen auf die Geisteswissenschaften zu verlagern. „Ohne Geistes- und Kulturwissenschaften laufen wir als Gesellschaft in eine Katastrophe, womöglich sogar in die Selbstzerstörung. Sehr viele der Probleme, die wir aktuell haben, entstehen gerade daraus, dass Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und anderswo sich den Geistes- und Kulturwissenschaften verweigern,“ so Schmiedmayer. Sei es historisches Denken, die ethische Reflexion oder das Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge. „Eine Technologie zu beherrschen, ohne zu verstehen, wofür und in welcher Gesellschaft man sie einsetzt, ist brandgefährlich,“ betont er.
Das eigentliche Problem sei also nicht die Aufteilung innerhalb eines schrumpfenden Budgets, sondern dass die Regierung überhaupt an der Zukunftsfähigkeit von Bildung und Wissenschaft spare. Die richtige Frage sei nicht „Quantenphysik oder Philosophie", sondern ob ein Land wie Österreich es sich leisten wolle, ausgerechnet bei der Bildung den Rotstift anzusetzen. „Dass ein gerade erst geplanter Zukunftsstudiengang als Erstes fällt, ist dabei besonders bezeichnend: Was noch keine etablierte Struktur und keine Lobby hat, ist am leichtesten zu streichen und genau das macht es so kurzsichtig,“ sagt Schmiedmayer.
Quantenmechanik könnte Vorsprung zu USA und China ermöglichen
Damit benennt er einen bemerkenswerten Widerspruch: Denn ausgerechnet die Quantenmechanik mit ihren vielversprechenden Anwendungsfeldern könnte sich als jener technologische Dreh- und Angelpunkt erweisen, der Österreich und somit Europa im Rennen mit den USA und China endlich wieder ansatzweise konkurrenzfähig macht.
Denn die möglichen Anwendungsfelder reichen weit über die Grundlagenforschung hinaus. In der Medizin könnten hochpräzise Quantensensoren künftig etwa die Bildgebung verbessern und selbst kleinste Magnetfelder im Körper erfassen. In der Kommunikation ermöglicht die Quantenkryptographie eine abhörsichere Datenübertragung, ein Bereich, in dem Österreich historisch eine Spitzenstellung einnimmt. Auch in der Chemie und Arzneimittelforschung versprechen Quantencomputer Fortschritte, da sie komplexe molekulare Prozesse simulieren können, an denen herkömmliche Rechner scheitern. Das könnte die Entwicklung neuer Wirkstoffe deutlich beschleunigen.
In den Materialwissenschaften wiederum eröffnen quantenmechanische Simulationen die Möglichkeit, neue Materialien, von leistungsfähigeren Batterien bis hin zu Supraleitern, gezielt zu entwickeln. Darüber hinaus reichen die Einsatzmöglichkeiten von Sensorik für Navigation und Materialprüfung bis hin zu einer gesamten Zulieferindustrie aus Kryotechnik, Lasern und Spezialelektronik, an die Österreichs Industrie unmittelbar andocken könnten. Der rote Faden bleibt: All das funktioniert nur mit Menschen, die diese Technologien verstehen und beherrschen. Und die bildet man nicht über Nacht aus.
Auswirkungen auf Wirtschaftsstandort nicht abzusehen
Rainer Blatt, Experimentalphysiker an der Universität Innsbruck und Forscher für Quantenoptik- und Information, sieht die Situation weniger dramatisch. „Es ist natürlich sehr schade, wenn gerade für Zukunftstechnologien Studiengänge aufgrund von Budgetkürzungen nicht eingerichtet werden können,“ so Blatt gegenüber campus a. Welche Prioritäten eine Universität hier setze, hänge auch von lokalen Gegebenheiten ab, wie den verfügbaren Ausbildungskapazitäten und der zu erwartenden Studierendenzahl und „wurde sicher unter Berücksichtigung auch anderer Studiengänge“ getroffen. „Interessenten werden sich gegebenenfalls an anderen Standorten bewerben können und es ist an dieser Stelle nicht abzusehen, was das für den österreichischen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort bedeutet,“ so Blatt.
Sorgen macht sich Blatt über die nun womöglich fehlenden, entsprechend ausgebildeten Fachkräfte. „Die Quantenmechanik ist heute schon eine wesentliche Grundlage für Industrie und Wirtschaft, mit einem hohen Anteil am BIP. Die neueren nun verfügbaren Quantentechnologien finden bereits Eingang in den österreichischen Markt und in die Industrie,“ so Blatt. Weitere Firmen und marktfähige Technologien könnten daraus nur entstehen, wenn das entsprechend ausgebildete Personal auch in Österreich verfügbar ist. Daher seien Studiengänge im Bereich der Quantentechnologien zukunftsfähig und für Österreich auch langfristig notwendig, sagt Blatt.
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