Vor einem Haus in einer stillen Straße
stand ein Baum, der alles sah.
Im Frühling trug er Licht in Blättern,
im Winter Eis im Haar.
Und jeden Tag, zu jeder Stunde,
hob ein Mann die Kamera.
Er hielt die Welt im kleinen Rahmen,
wie sie gerade war.
Der Baum verging und wurde wieder,
bei Regen, Sonne, Schnee.
Und jedes Bild blieb festgehalten,
ein leises „Ich vergeh“.
Die Jahre gingen über Wege,
der Mann bekam ein müdes Gesicht.
Doch immer noch stand er am Fenster
und ließ den Baum nicht aus dem Licht.
Er zeigte seiner kleinen Enkelin,
wie man das Sehen lernt:
„Ein Augenblick ist nicht verloren,
wenn man ihn entfernt.“
Sie wuchs heran mit Bild und Licht,
mit Sommer, Frost und Wind.
Und lernte, wie die Zeiten fließen,
ohne dass sie still sind.
Dann wurde eines Tages leiser
das Haus, das immer sprach.
Der Stuhl am Fenster blieb nun leer,
wo früher Klick für Klick geschah.
Kein Ruf mehr kam durch die Gardinen,
kein Schritt auf altem Holz.
Der Baum stand draußen unverändert,
doch drinnen schwieg der Stolz.
Da wusste sie, noch ehe Worte kamen:
die Zeit hat ihn genommen.
Und sie trat vor den alten Baum,
mit seiner alten Kamera.
Die Hände ruhig, fast wie damals,
als er noch bei ihr war.
Der Baum stand da in spätem Licht,
so wie er immer stand.
Doch diesmal hielt nicht er die Zeit —
sie hielt sie in der Hand.
Und während sie den Auslöser drückte,
wurde ihr leise klar:
Der erste Klick war einst ihr Anfang —
als sie geboren war.
Und nun, im letzten Abendlicht,
stand sie dort ganz allein.
Der Baum blieb Zeuge aller Zeiten,
vom ersten bis zum letzten Sein.