Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Lebensarbeitszeit müsse steigen. Die CDU-Politikerin stieß damit eine Debatte an, die Deutschland seit zwei Wochen beschäftigt. Ökonomen und Politiker zeigten sich empört.
Scharfe Kritik von allen Seiten
Nun erreichte die Diskussion einen neuen Höhepunkt. Wissenschaftler des Pestel Instituts fordern nun einen Anhieb des Pensionsantrittsalters bei Beamten, denn die leben im Schnitt fünfeinhalb Jahre länger als Arbeiter, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2021 zeigt. Männliche Beamte haben im Schnitt ab dem 65. Lebensjahr eine Lebenserwartung von weiteren 21,5 Jahren. Bei männlichen Arbeitern sind es nur 15,9 Jahre, also eine Differenz von etwa fünfeinhalb Jahren.
Den daraus abgeleiteten Vorschlag kritisiert der deutsche Chef des Beamtenbundes Volker Geyer scharf: „Wollen wir jetzt wirklich anfangen, die durchschnittlichen Lebenserwartungen bestimmter Berufs- oder Statusgruppen in die Debatte um die sozialen Sicherungssysteme einzuführen?“, fragte er im Interview mit der Augsburger Allgemeine. Er warnt vor solchen Diskussionen und bezeichnet die Idee als absurd. Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Deutschland lehnt eine längere Arbeitszeit für Beamte rundwegs ab.
Debatte auch in Österreich angestoßen
Wie realistisch wäre eine solche Regelung in Österreich und wie bewerten heimische Experten diesen Ansatz? Bereits 2015 kritisierte der Sozialwissenschaftler Bernd Marin den frühen Pensionsantritt scharf, besonders bei Beamten und speziell in Wien, wie der Kurier damals berichtete. „Wiener Gemeindebediensteten, die im zarten Alter von 53 gesundheitsbedingt wegen Burn-outs in Frühpension gehen, werden zehn Jahre zur ruhegenussfähigen Dienstzeit zugerechnet. Wer mit 53 die gleiche Pension kriegt wie mit 63 wird da nicht gehen? Da wird Klientel bedient. Was früher Wohnung oder Job waren, ist heute die Frühpension im geschützten Sektor. Auf Kosten aller.“
Nach dieser Einordnung stellt sich die Frage, welche Sicht Marin auf die aktuelle Debatte hat. „Angesichts der dramatisch großen Unterschiede an Langlebigkeit beziehungsweise Kurzlebigkeit nach Berufen sowie Einkommens- und vor allem Bildungsschichten ist diese Forderung selbstverständlich auch in Österreich und überall in Europa und weltweit „denkbar“ und durchwegs auch vernünftig, rational begründbar,“ sagt er. Diese Debatte werde daher auch seit Jahren in akademischen und politischen Zirkeln lebhaft geführt. Laut Marin sollte es aber zu denken geben, dass sie bisher keinerlei entsprechende Reformen ausgelöst hat.
Was bei den Beamten anfinge, würde dann aber womöglich kein Ende nehmen, meint Marin. Schließlich leben etwa auch Frauen länger als Männer. Langlebigere Gruppen anders zu behandeln würde letztendlich das Umlageverfahren, nach dem das österreichische Pensionssystem funktioniert, infrage stellen.
Viel komplexer als bisher angenommen
Laut Marin lassen sich zudem die Auswirkungen von Arbeit und Beruf auf die Lebensdauer empirisch schwerer nachweisen, als lange angenommen. Auch die Komplexität von Fairness und Gerechtigkeit als Leitprinzipien der Pensionspolitik sei höher als bisher geglaubt. Einfache Lösungen würden daher kaum funktionieren, obwohl sie auf den ersten Blick wünschenswert erscheinen.
Politische Zustimmung für ein solches Vorhaben ist in Österreich auch kaum zu finden, kein Wunder angesichts der mächtigen Wählergruppe der Senioren. Nur ein Sprecher des Österreichischen Cartellverbands (ÖCV), eine Vereinigung von fünfzig katholischen farbentragenden Studentenverbindungen, wagt sich vor: „Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der steigenden Belastung des öffentlichen Haushalts ist es durchaus legitim, auch über eine Anpassung der Arbeitszeit beziehungsweise -dauer im öffentlichen Dienst zu diskutieren.“ Gleichzeitig sei es wichtig, differenziert vorzugehen und nicht alle Berufsgruppen unter dem Begriff „Beamte“ über einen Kamm zu scheren. Deren körperliche und intellektuelle hoch anspruchsvolle Arbeit müsse anerkannt und dürfe nicht geschmälert werden.
Weder sinnvoll, noch seriös
Christoph Badelt, Vorsitzender des Produktivitätsrats, Präsident des Fiskalrats und Wirtschaftswissenschaftler, sagt: „Die Lebenserwartung ist zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen stets unterschiedlich. So haben zum Beispiel Menschen mit höherer Bildung oder Menschen mit höheren Einkommen eine höhere Lebenserwartung. (übrigens zwei Merkmale, die auch für Beamten gelten, Anmerkung). Da Sie hier keine klare Grenzen ziehen können, halte ich die erwähnten Vorschläge für nicht seriös.“ Wichtig wäre es allerdings, das Pensionsalter insgesamt an die Lebenserwartung zu knüpfen und für Menschen die eine niedrigere Lebenserwartung haben, einen sozialen Ausgleich zu finden, so Badelt. Ähnlich argumentiert die Arbeiterkammer und die FPÖ.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) sieht auch keinen Handlungsbedarf. „In Österreich liegt das durchschnittliche Pensionsantrittsalter der Bundesbeamtinnen und –beamten über jenem in der gesetzlichen Pensionsversicherung“, sagt er.
„Das Leben muss mehr als Arbeit sein“
Sogar die Hochschülerschaft lehnt eine solche Forderung ab. Eine steigende Lebenserwartung solle nicht automatisch mehr Arbeitsjahre bedeuten. „Das Leben muss mehr als Arbeit sein,“ so eine Sprecherin.
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