Der erste Schlag kommt hart und laut. Franz Fiskus’ Hand klatscht auf den Arm von CeCe Catch, der Knall geht durch den ganzen Raum. Fiskus packt sie und wirft sie quer über die freigeräumte Fläche, der Aufprall lässt die Bierbänke wackeln. Catch robbt sich hoch, wischt sich über die Stirn und holt zum Gegenschlag aus. Da hät das Publikum den Atem an. Sie trifft ihren Gegner und das Publikum jubelt. Immer wieder rufen die Fans: CeCe, CeCe, CeCe.
Einige Minuten zuvor wummert Bass aus den Boxen, eine Technikerin dimmt das Licht, der Keller erleuchtet rot. CeCe Catch und Franz Fiskus kommen hinter dem Publikum hervor und laufen durch den schmalen Gang zwischen den Zuschauenden hindurch, direkt auf die Bühne zu. Die Heldin in ihrem glitzernden Body im achtziger Jahre Stil, die Menge jubelt. Als der Bösewicht Fiskus als Steuerbeamter im Anzug und Krawatte um die Ecke kommt, schlagen ihm sofort Buhrufe entgegen. Kaum betritt Fiskus die Bühne, reißt er sich den Anzug vom Leib. Darunter kommt sein Kampfoutfit zum Vorschein, das Publikum brüllt.
Ein Sieg ohne Applaus
Der Abend hat ruhiger begonnen. Sonntagnachmittag, 16 Uhr, Lerchenfelder Gürtel. Draußen genießen die Menschen ihren Sonntagsspaziergang, drinnen im Lokal Weberknecht drängen sich die Fans die schmale Kellertreppe hinunter. Lüftungsrohre ziehen sich über die Decke, Bierbänke werden zu Sitzreihen, es ist eng. Die Show heute ist ausverkauft.
CeCe Catch ist zwar Liebling der Zuschauenden, am Ende setzt sich trotzdem Franz Fiskus durch. Der Ringrichter hebt seinen Arm in die Höhe, ein enttäuschtes Raunen geht durch die Reihen, Buhrufe füllen den Keller.
Wrestling in Wien hat Geschichte
Schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es öffentliche Showkämpfe im Prater. In der Nachkriegszeit erlebte das sogenannte Heumarkt-Catchen seine Blütezeit in den sechzigern, ehe sie die Showreihe 1997 beendeten, das Publikum blieb aus.
„Wrestling ist eine der besten, effektivsten Kampfkünste, um den Gegner zu kontrollieren, ihm Schmerzen zuzufügen, zu brechen oder gar zu töten,“ sagt Gerhard Hradil, der Veranstalter des Abends. „Deswegen ist es auch die älteste Kampfkunst.“ Hradil kennen viele in der Szene unter seinem Künstlernamen Humungus. Er gründete 1998 die Wrestling School Austria (WSA) und bildet seither Nachwuchswrestlerinnen und Wrestler in Wien aus.
Getötet wird hier natürlich niemand. Bei der WSA kämpfen sie nur zur Show, wer gewinnt, steht vorher fest. Die Fans begeistert der Sport weiterhin, Millionen verfolgen das Geschehen in der WWE. Das US-amerikanische Unternehmen ist der Platzhirsch in der Szene und die größte Wrestlingliga der Welt.
Seit 2012 gehört die Wiener Schule zur internationalen Organisation World Underground Wrestling (WUW), ihre Shows finden seit 2014 im Weberknecht in Ottakring statt. Der Verein ist mittlerweile in zwölf Nationen aktiv, von Österreich über Japan, Thailand, die Philippinen und Nigeria bis nach Australien und in die USA.
Künstlernamen und Prellungen
Nach einer kurzen Pause betritt Karate Hias die Kampffläche. Sein Gegner an diesem Abend ist Joe Bravo, knapp bekleidet, mit schulterlangen blondierten Haaren, die bei jeder Bewegung durch die Luft fliegen. Hias kontert jeden Angriff mit schnellen, präzisen Tritten, doch Bravo versucht sich mit verteidigenden Würfen durchzusetzen. Am Ende muss sich Bravo seinem Gegner geschlagen geben. Hias reckt die Fäuste triumphierend in die Höhe, das Publikum applaudiert.
Prellungen und Gehirnerschütterungen gehören zum Berufsrisiko der Kämpfenden. Sie alle tragen blaue Flecken auf Schultern, Rücken und Oberschenkeln, die sie später selbst auf Social Media zeigen.
Wer bei der WSA trainiert, braucht einen Künstlernamen. Aus Gerhard wird Humungus, auch Sick Bubblegum, Cabella oder Heinrich Himalaya kämpfen hier mit. Jede Figur bringt ihre eigene Inszenierung mit, ein Kostüm, Einlaufmusik und eine klare Rolle als Heldin oder Bösewicht. Die Szene sei bewusst offen für jeden, sagt Humungus im Gespräch mit campus a. Bei WUW-Shows kämpfen Frauen, Männer und nicht-binäre Personen gegeneinander, oft in ungleichen Konstellationen aus Größe und Statur.
Im Keller auf Matten, statt im Ring
Anders als beim Wrestling im Fernsehen gibt es hier weder Seile noch einen federnden Ring, nur Aufgabe oder K.o. entscheiden über Sieg und Niederlage. Der gesamte Kellerraum dient als Bühne, die Kämpfe finden direkt vor den ersten Reihen statt. Wer da sitzt, kann die Schweißtropfen der Kämpfenden riechen und hört jeden Schlag.
Die WSA trainiert wöchentlich, die Teilnahme kostet 35 Euro im Monat, ein Probetraining ist kostenlos. Newcomerinnen und Newcomer sind laut WSA ausdrücklich willkommen. Vor den Shows im Weberknecht trainieren sie besonders hart. Sie üben nicht nur Wurf- und Falltechniken, sie proben auch den genauen Ablauf der Kämpfe ein, damit jeder Treffer im Rahmen bleibt.
Die Fans sorgen für die gute Stimmung hier im Keller, sie machen die Kämpfe lebendig, bringen die Emotionen. Sie feuern den Publikumsliebling an, buhen die Bösewichtin aus und machen sich damit selbst zum Teil der Inszenierung. Die Tickets kosten 20 Euro, die WUW veranstaltet ihre Shows inzwischen fast monatlich und verkauft sie regelmäßig aus.
Enttarnung und Enttäuschung
Für den dritten Kampf des Abends betritt Ultimo Astralico den Keller, in einer engen Hose, oberkörperfrei. Astralico ist ein sogenannter Luchador, er trägt eine Maske über dem Kopf, inspiriert vom mexikanischen Lucha-Libre. Sein Gegner an diesem Abend ist Heinrich Himalaya. Der Hüne hat nur ein Ziel, er will Astralico die Maske vom Gesicht reißen und ihn vor dem Publikum enttarnen. Immer wieder greift er nach der Maske, Astralico weicht aus, dreht sich weg, schützt sein Gesicht mit beiden Händen.
Mitten im Gerangel verliert Himalaya das Gleichgewicht, stürzt von der Bühne die Treppen hinunter direkt ins Publikum. Die Fans hüpfen noch schnell zur Seite, das Publikum wird unruhig, bis sich der Wrestler wieder aufrafft und zurück auf die Bühne schleppt. Kaum steht er wieder, packt er seinen Gegner mit beiden Armen um die Hüfte, hebt ihn kurz über den Kopf und wirft ihn mit voller Wucht zu Boden. Astralico ist deutlich leichter und kleiner als Himalaya, nach dem Wurf bleibt er einen Moment lang regungslos liegen. Der Ringrichter kniet sich neben ihn, zählt Astralico an. Eins, zwei, drei und der Kampf ist vorbei. Himalaya gewinnt, doch die Fans buhen und pfeifen ihn aus.
Nach dem Ende der Show stehen die Fans noch vor dem Weberknecht kleinen Gruppen zusammen, besprechen den Abend, bevor sie sich in Richtung U-Bahn zerstreuen. Am Lerchenfelder Gürtel, wo tagsüber noch die Sonntagsspaziergänger unterwegs waren, hängt der Geruch von Bier in der Luft, drinnen wummern noch die letzten Bässe nach.
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