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China-Expertin Susanne Weigelin-Schwiedrzik: „Auseinanderfallen der Russischen Föderation wäre für China das Worst-Case-Szenario“

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Volontärin · Universität Wien
27.09.2026
5 Min.

Die unipolare Weltordnung des 20. Jahrhunderts wird zunehmend durch eine multipolare Ordnung abgelöst. China steigt zur globalen Macht auf, die USA ringen um ihre Stellung und Europa droht, noch mehr Bedeutung zu verlieren. Auf diese Entwicklung blickt die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik in der Neuauflage ihres Buchs „China und die Neuordnung der Welt“. Im Interview mit campus a blickt sie auf eine angespannte Zukunft.

Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik: „Europa braucht eine Außenpolitik, die Beziehungen zu allen drei Großmächten pflegt, ein sogenanntes Multi-Alignment“ (Foto: Christoph Glanzl)

campus a: Sie sagen, die Weltordnung sei zunehmend von Verschiebungen und neuen Machtkonstellationen geprägt. Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren grundlegend verändert und warum ist China dabei ein zentraler Faktor?

Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Nach dem Ende des Kalten Kriegs etablierten sich die USA als mächtigstes Land der Welt in einer unipolaren Ordnung. Gleichzeitig ist China seit den 90er Jahren deutlich erstarkt und heute die zweitstärkste Weltwirtschaftsmacht. Diese Stärke bedroht die Stellung der USA. Deshalb kann die Weltordnung nicht in der Form bestehen bleiben, wie sie sich nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR entwickelt hat.

China, die USA und Russland werden häufig als die entscheidenden Großmächte beschrieben. Wie unterscheiden sich ihre Interessen und Strategien?

China, die USA und Russland betrachten sich als die drei stärksten Mächte der Welt und beanspruchen eine Sonderstellung. Sie stehen in einem Dreiecksverhältnis zueinander: In bestimmten Konstellationen verbinden sich zwei gegen den Dritten oder eine Macht versucht, die beiden anderen zu beeinflussen. Zurzeit stehen alle drei in starker Konkurrenz zueinander, keine ist jedoch stark genug, den beiden anderen ihren Willen aufzuzwingen.

Sie betrachten internationale Politik häufig als Zusammenspiel mehrerer Akteure. Wie verändert dieser Blick unser Verständnis aktueller Konflikte?

Wir können gewisse politische Züge von Donald Trump besser verstehen, wenn wir sie in das Dreiecksverhältnis zwischen den USA, China und Russland einbetten. Trump versuchte zunächst, Russland gegen China zu gewinnen. Das hat nicht funktioniert, deshalb versucht er nun, die beiden Mächte gegeneinander auszuspielen. Diese Vorgehensweise ist historisch in Dreieckskonstellationen häufig zu beobachten.

China ist wirtschaftlich eng mit Europa und den USA verflochten, steht mit beiden aber gleichzeitig in strategischer Konkurrenz. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Die Öffnung Chinas Ende der 1970er-Jahre hat dem Westen geholfen, aus der Krise der 70er-Jahre herauszufinden. Europa und die USA entwickelten sich wirtschaftlich gut, deindustrialisierten dabei aber ihre Wirtschaften. Deshalb sprechen wir heute von einer Abhängigkeit von China. Während wir vor zehn Jahren noch von wirtschaftlicher Verflechtung sprachen, wird China seit 2015 zunehmend als Konkurrent wahrgenommen. Seit dem Krieg in der Ukraine wird diese Konkurrenz zur Bedrohung.

Susanne Weigelin-Schwiedrzik und ihre Buch: China und die Neuordnung der Welt

Die Buchpräsentation zu ihrem neuen Buch: China und die Neuordnung der WeltDalia Eisl


Was war der konkrete Anlass für Ihr Buch? Wann entstand die Idee, sich mit diesen Entwicklungen und der veränderten Weltordnung in einem Buch auseinanderzusetzen?

Der konkrete Anlass für die überarbeitete Neuauflage war zunächst, dass die erste Auflage von 2023 ausverkauft war. Gleichzeitig hat sich seitdem viel verändert: etwa durch Trumps Amtsantritt und die Neuausrichtung der US-Außenpolitik sowie den Krieg gegen den Iran. Auch die Beziehungen zwischen China und Europa und die Rolle des Globalen Südens haben sich weiterentwickelt. Deshalb habe ich mehrere Kapitel überarbeitet und eines zu BRICS und der Shanghai Cooperation Organization neu geschrieben.

Mit BRICS und der Shanghai Cooperation Organization (SCO) wachsen internationale Zusammenschlüsse außerhalb der klassischen westlichen Bündnisstrukturen. Wie stark verändern diese Formate die bestehende Weltordnung?

Noch verändert sich nicht so viel. Allerdings beobachten die drei Großmächte und die EU, wie BRICS und SCO neue Formate ausprobieren und sich zunehmend Länder aus dem Globalen Süden anschließen. China und Russland müssen deshalb eine breitere Debatte zulassen. Das zeigte sich zuletzt beim BRICS-Gipfel in Neu-Delhi.

Welche Rolle spielt Russland in Chinas außenpolitischer Strategie?

Russland braucht China, damit seine Wirtschaft nicht zusammenbricht, China braucht Russland, um sein Bedrohungspotenzial gegenüber Taiwan aufrechtzuerhalten. Beide Länder können sich gegen die Politik von Donald Trump am besten gemeinsam wehren. Trotz ihrer Zusammenarbeit haben China und Russland etwa beim Ukrainekrieg unterschiedliche Vorstellungen. Ein Regimewechsel oder gar ein Auseinanderfallen der Russischen Föderation wäre für China dennoch das Worst-Case-Szenario.

Warum wäre ein Regimewechsel oder ein Auseinanderfallen Russlands für China das Worst-Case-Szenario?

Für China könnte dadurch die über 4000 Kilometer lange Grenze zu Russland zu einer Bedrohung werden. Ein prowestliches Regime oder neue unabhängige Staaten könnten den westlichen Einfluss bis an Chinas Nordgrenze ausweiten. China müsste dann möglicherweise Truppen dorthin verlegen und wäre sowohl im Norden als auch an seiner Pazifikküste unter Druck. Das würde auch seine Pläne bezüglich Taiwan und des Südchinesischen Meeres beeinflussen.

Taiwan gilt als einer der gefährlichsten möglichen Konfliktherde zwischen China und den USA. Warum hat Taiwan eine so große strategische Bedeutung?

Taiwan hat eine strategisch sehr wichtige Position. Wenn China und die USA um die Zukunft Taiwans streiten, geht es vor allem darum, welches der beiden Länder den Pazifik vor der chinesischen Haustür beherrscht. Deshalb sind die Spannungen so zugespitzt.

Welche Faktoren könnten eine Eskalation rund um Taiwan verhindern oder begünstigen?

Die US-Marine hat Schwierigkeiten, mit der Aufrüstung Chinas mitzuhalten, gleichzeitig scheut das chinesische Militär das enorme Risiko eines Krieges um Taiwan. Xi Jinping hat bei Trumps Besuch in Peking im Mai 2026 betont, ein Konflikt um Taiwan würde unweigerlich zu einer Auseinandersetzung zwischen China und den USA führen. Da dabei zwei Atommächte aufeinandertreffen würden, schlug er eine „konstruktive strategische Stabilität“ als eine Art Gentleman's-Agreement vor. Trump gab daraufhin die Waffenlieferungen an Taiwan nicht frei.

Kann Europa eine eigenständige geopolitische Rolle spielen, ohne sich vollständig auf eine der drei Großmächte zu stellen?

Europa baut derzeit militärische Eigenständigkeit auf, weil die USA Europa möglicherweise nicht mehr im bisherigen Maß schützen können. Gleichzeitig würde eine stärkere Abkopplung von Russland und China erhebliche wirtschaftliche Einbußen bedeuten. Europa braucht deshalb eine Außenpolitik, die Beziehungen zu allen drei Großmächten pflegt, ein sogenanntes Multi-Alignment. So könnte Europa sich jeweils mit der Macht verbinden, wenn eine andere es zu stark bedrängt. Dafür braucht es allerdings auch militärische Stärke.

Welche Rolle könnte Europa in einer multipolaren Weltordnung einnehmen?

Die EU kann sich derzeit nicht sicher sein, einen starken Platz in einer multipolaren Welt zu finden. China bezeichnet Europa als „natürlichen Pol“, während Russland und die USA derzeit kein Interesse an einer europäischen Polfunktion zeigen. Ein Pol kann die Regeln einer Weltordnung mitbestimmen. Sollte Europa diese Position nicht erreichen, müsste es sich mit der Rolle einer Mittelmacht begnügen und seine Interessen stärker über andere Mächte durchsetzen.

Wie könnte eine solche multipolare Weltordnung konkret aussehen?

Bisher sind die Vorstellungen noch nicht klar. Denkbar wäre eine Ordnung mit verschiedenen Ebenen: An der Spitze stehen die drei Nuklearmächte, darunter weitere einflussreiche Staaten. Diese könnten von den Großmächten genutzt werden, um Unterstützung für ihre jeweiligen Anliegen zu gewinnen. Es spricht einiges dafür, dass zumindest China eine solche Weltordnung vor Augen haben könnte.

 



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