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Clemens J. Setz: "Ich würde lieber eine KI schriftlich imitieren als eine echte verwenden"

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Redakteurin · Paris-Lodron-Universität Salzburg
09.07.2026
7 Min.

Clemens J. Setz ist der aktuelle Superstar unter den deutschsprachigen Autoren und hat für seine Werke gefühlt jeden namhaften Literaturpreis gewonnen. Die Krönung war zuletzt der große Österreichische Staatspreis 2026, die höchste Kunstauszeichnung der Republik, für seinen Roman „Monde vor der Landung“. Mit campus a spricht der 43-Jährige über das Schreiben mit KI und was es heißt, wenn durch ChatGPT und Co. das Kultivieren des zwischenmenschlichen Gefühls verloren geht.

Der gebürtige Grazer zähle zu den bedeutendsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur, würdigte ihn Kulturminister Andreas Babler: "Er beschreitet in jedem seiner Werke neue, unerwartete Wege." (Foto: APA-Images / dpa / Jan Woitas )

campus a: Studien zeigen, mittlerweile sind rund 35 Prozent aller neu erstellten Websites und Online-Artikel vollständig oder teilweise mit künstlicher Intelligenz generiert. Glauben Sie, KI ist das Damoklesschwert für Autoren?

Clemens J. Setz: Nun, das Internet ist tatsächlich dead, das stimmt. 

Was kann die KI noch nicht?

Die KI allgemein und die LLMs speziell sind außergewöhnlich schlecht in: Zweideutigkeit, Weirdness und Geschmack. Letzteres im Sinne von erlesenener, vollkommener, exzentrischer Geschmack. Eben all das, was man nicht entwickelt, wenn man fast ausschließlich auf Hilfsbereitschaft und unterwürfiges Problemlösen optimiert wird. 

Und was heißt das konkret?

Eine einfache Übung: Man denke sich einen Menschen, der ein persönliches Vorbild ist, einer, von dem man jedes Mal mit einem wie ein Bienenstock summenden Kopf wegging, inspiriert, verwirrt, überhöht, wie durchröntgt von lauter unrealisiertem Potenzial. Diese Art von Stimme existiert in der KI-Welt überhaupt nicht. Und sie wird auch nicht gebaut. Das Geschäftsmodell ist nämlich ein ganz anderes: unzufriedene, aber abhängige Kunden zu generieren. Und die erzeugt man am besten durch flache, problemlösungsvirtuose Hilfsbereitschaft. 

Fällt dem Durchschnittsmenschen noch auf, ob etwas mit KI geschrieben wurde?

Vermutlich könnten sie es schon noch, aber es spielt im Alltag keine große Rolle mehr.  

Fällt Ihnen auf, wenn ein Text von KI geschrieben wurde?

Ja, noch erkenne ich viele plumpe Halluzinationen oder Fehler. Die werden aber bestimmt mit der Zeit weniger und weniger werden. 

Viele Menschen sagen, KI schreibt ohne Seele. Glauben Sie, Leser werden sich irgendwann diesen „seelischen Faktor“ zurückwünschen?

Naja, doch nicht nur einen vagen “seelischen Faktor“, sondern noch viel mehr: das hemmungslose Projizierendürfen auf eine vermutete Person hinter dem Buch, das Idealisieren, das Verdammen, das Drama um und die Neugier auf die Biografie des Menschen dahinter (ohne dass man ihn dafür persönlich kennen muss), das Erahnen und Kultivieren des zwischenmenschlichen Gefühls, das sich bei bestimmter Literatur immer einstellt, der Gesamtmythos eines Werks oder seine mysteriöse Unsichtbarkeit, sein Quer-im-Getriebe-der-Welt-Stehen. All das sind bekanntlich sehr beliebte und sinnstiftende Elemente der Literaturgeschichte. Deshalb werden Preise verliehen, deshalb streitet man über Bücher. Wozu das alles mühsam aus einer Kultur entfernen, nur damit jemand weit Entferntes noch übertriebener reich wird? 

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, selbst eine KI in Ihren Schreibprozess zu integrieren? 

Nein, bislang fiel mir kein Grund dafür ein. 

Warum nicht? 

Ich würde lieber eine KI schriftlich imitieren als eine echte verwenden. Ich schreibe nämlich freiwillig gern und mit Genuss. 

Wie recherchieren Sie für Ihre Bücher? 

Manchmal Google Books, wegen den gescannten Versionen seltener oder alter Bücher, aber sonst hauptsächlich in Büchern oder an konkreten Orten. 

Schon jetzt gibt es verschiedene KI-Modelle für verschiedene Aufgaben. Glauben Sie, dass es irgendwann eine Art „literarische KI“ gibt, die Weltliteratur verfassen kann?

Warum ausgerechnet Weltliteratur? Die KI könnte ja auch mal Dinge schreiben, die nur sie selbst schreiben kann. Wozu uns immer nur “täuschend echt” imitieren? Stellen wir uns vor, wir finden Schriften von Außerirdischen. Und dann stellt sich heraus, dass diese Schriften von den Außerirdischen bloß als Imitation unserer Literatur gedacht waren. Da wären wir doch arg enttäuscht, oder? Endlich einmal eine Alien-Literatur – und dann unterdrückt sie absichtlich alles, was „alien“ an ihr ist.

Viele Verlage hoffen, mit KI Kosten sparen zu können. Wie sinnvoll ist das?

Der Grund für das großangelegte Imitation Game (“täuschend echt”) ist ja ein ganz banaler: Wohlstandstransfer von der kulturellen Sphäre hin zu den KI-Firmen. Das ist alles. Der Verlag, der sich heute naiv freut – “Hey, wir müssen keine Tantiemen zahlen, wenn wir diesen Krimi von einer KI schreiben lassen! Und gekauft wird es sowieso! Hurra!” – denkt extrem kurzfristig. Denn die KI kann ja auch das Verlagsgeschäft übernehmen, das Lektorat, die PR und so weiter. Also freuen sich diese Leute lediglich darüber, dass sie selbst keine Arbeit mehr haben. 

Glauben Sie, dass die KI Unterhaltungsliteratur wie etwa Groschenromane komplett übernehmen wird, während literarisch anspruchsvolle Arbeit länger oder komplett dem Menschen vorbehalten bleibt?

Für mich ist die Frage “Kann KI auch literarisch anspruchsvoll schreiben” vollkommen irrelevant – die viel wichtigere Frage ist: Wohin schaust du, wenn du entscheiden willst, was trivial ist und was wertvoll. Das meinte ich vorhin mit “erlesener Geschmack”. Darin sind wir Menschen noch um Welten besser als die KI. Alle Menschen können in der Zukunft irgendwas kreieren, meinetwegen. Ich kann in einer Sekunde fünftausend hochkomplexe Romane erzeugen lassen. Cool, aber welchen soll ich jetzt lesen? Und warum und wie? Dafür braucht es Menschen. 

Warum braucht es dafür Menschen?

Man versuche es einmal selbst: Sprechen Sie mit Claude oder ChatGPT über Fragen des Geschmacks. Welche Szenen bei Nabokov oder Virginia Woolf berühren etwas Sublimes? Die KI wird da bloß eine Mischung aus Rezensionen von Goodreads, Blogs oder Essays anderer Autoren runterleiern. Ich habe es selbst oft überprüft. Die KI könnte natürlich sehr wohl einen exzentrischen, vollendet weirden Geschmack herausbilden, ganz wie ein Mensch, aber sie wird dafür nicht trainiert, sondern immer nur genau für das Gegenteil, die totale Hilfsbereitschaft, das totale Problemlösen. Vorbildsein und Geschmack speisen sich aber nicht aus Problemlösen und Hilfsbereitschaft. 

Gibt es etwas, worauf Sie beim Schreiben besonders achten würden, gerade weil KI es inzwischen ebenfalls beherrscht?

Ja, die schon erwähnten Dinge: Ambiguität, Geschmack, Exzentrizität, das eigene Leben als rätselhaftes Gesamtkunstwerk begreifen anstatt als Ressource. Eben die alten Tugenden, die es schon vor der KI zu erlernen galt, wenn man nicht vollkommen trostlos und unmündig durchs Universum treiben wollte. 

Verändert sich dadurch vielleicht sogar die Definition eines guten Autors?

Die gab es doch noch nie

Was bedeutet das für Kinder, die mit KI sozialisiert werden und dadurch einen völlig neuen Zugang zum Schreiben bekommen, den man ihnen auch nicht verbieten kann? 

Betrachten wir ein Beispiel, das bereits seit einiger Zeit in der Zukunft lebt: Schach. Ich kann die KI Stockfish für mich Schach spielen lassen und werde damit vermutlich jedes Spiel gewinnen. Magnus Carlson hat null Chancen gegen Stockfish. Aber wird dieser Umstand dazu führen, dass ich nun automatisch einen Sinn im Schachspielen sehe? Natürlich nicht. Es wird unendlich fad sein, auf diese Weise Schach zu spielen. Erziehung und Bildung für junge Menschen kann sich logischerweise nur auf das Näherbringen des Sinns konzentrieren, nicht auf ewig gleich bleibende Techniken. Was muss man erzieherisch tun, damit Schach eine lebendige Erfahrung bleibt? Die Antwort: es traditionell lernen, es anreichern mit Drama und Hype rund um berühmte Spieler, die Meisterwerke, die legendären Spiele der Vergangenheit studieren, das Heldenreise-Schema im Erlernen und Verfeinern der Kunst implementieren, und so weiter. Das geschieht in der Schachwelt mit vorbildlicher Klarheit und Weitsichtigkeit. 

Und was bedeutet das für die Autoren der Zukunft?

Dass die KI längst besser (und auch kreativer, poetischer) Schach spielt als jeder Mensch, hat also nicht zu einer Abschaffung von Schach geführt. Im Gegenteil, Schach ist interessanterweise sogar populärer als je zuvor. Man kann, wenn man will, gegen Gott (Stockfish) Schach spielen - und man tut das auch von Zeit zu Zeit, zur Inspiration. Aber man spielt hauptsächlich gegen Menschen. Wenn also über Literatur gesagt wird, dass sie nun endlich - endlich! - obsolet geworden sei, weil KI ebenfalls poetische Texte hinbekommt, dann darf man dabei nicht vergessen, dass dies nur aus einem von zwei Gründen gesagt wird: erstens aus Befürwortung des „transfer of wealth“ von Kultur zu KI-Konzernen, oder zweitens aus einer lange gehegten Abneigung gegenüber der Kulturtechnik des Lesens. (Ähnlich wie bei den Menschen, die einen “Kanon” verlangen – ein Kanon ist nur etwas für Leute, die Lesen hassen und daher möglichst wenig damit zu tun haben wollen.) 

Wenn Sie in zehn Jahren einen Roman lesen, der Sie zutiefst berührt, wäre es für Sie wichtig zu wissen, ob ihn ein Mensch oder eine KI geschrieben hat? 

Ich kann mir auf einer abstrakten Ebene vorstellen, dass in zehn Jahren das Wort „Mensch“ vielleicht was ganz anderes bedeutet. Heute kann ich das allerdings noch nicht denken, also sage ich jetzt: Ja, mich interessieren Texte-von-Menschen viel mehr als isolierte Texte. Texte sind interessante Satelliten rund um interessante Planeten. Texte sind Signale von Menschen, Blicke in fremde Biografien und Seelen. Aber, wie gesagt, vielleicht verwässert sich der Begriff Mensch durch Hybridisierung oder Neuralinks in der Zukunft so sehr, dass dieser Gedanke anachronistisch und unverständlich wird. Aber dann sitze ich hoffentlich irgendwo in einem Garten und spiele mit meinen Enkelkindern. 



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Der Ausbildungsplatz dieser Autorin in der campus a Akademie für Journalismus ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch Deichmann.

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