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Kurz scrollen, schon mittendrin in der Politik

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27.06.2026
4 Min.

Politische Meinungsbildung passiert heute nicht mehr nur durch Zeitungen, Fernsehen oder Gespräche in der Schule. Viele Jugendliche begegnen Politik täglich auf TikTok, Instagram oder in Reels. Doch dort entscheidet oft ein Algorithmus mit, welche Botschaften sichtbar werden und welche nicht.

Soziale Medien und digitale Technologien prägen unseren Alltag mehr denn je. Welche Chancen und Herausforderungen bringt die digitale Vernetzung mit sich? (Foto: Gerd Altmann)

Eigentlich will man nur kurz scrollen. Ein lustiges Video, ein Rezept, ein Outfit, ein Meme. Doch dazwischen erscheint plötzlich ein politischer Beitrag. Jemand erklärt in 30 Sekunden, warum eine Partei angeblich die einzige Lösung sei. Ein anderer Clip behauptet, die Medien würden etwas verschweigen. Kurz danach kommt eine politische Werbung, die gar nicht sofort wie Werbung aussieht. Genau das macht politische Inhalte auf sozialen Medien so wirkungsvoll. Sie kommen nicht wie eine lange Nachrichtensendung daher, sondern wie ein normales Video im Alltag. Die Person spricht direkt in die Kamera, verwendet einfache Sprache und wirkt oft sehr überzeugt. Dadurch kann ein Beitrag seriös wirken, obwohl man gar nicht weiß, woher die Informationen stammen.

Was Annie Waldherr im Gespräch wichtig machte

Im Gespräch mit Annie Waldherr wurde besonders klar, dass unser Feed nicht zufällig entsteht. Sie sagte sinngemäß: „Der Feed, wie ich ihn sehe, ist sehr stark algorithmengesteuert.“ Dieser Satz fasst das Problem gut zusammen. Wir sehen auf TikTok oder Instagram nicht einfach alles, was es gibt. Die Plattformen wählen aus, was uns wahrscheinlich interessiert, aufregt oder möglichst lange auf der App hält. Wenn ich ein politisches Video bis zum Ende anschaue, es like oder kommentiere, merkt sich die Plattform dieses Verhalten. Danach bekomme ich oft ähnliche Inhalte angezeigt. So entsteht schnell der Eindruck, dass eine bestimmte Meinung besonders verbreitet ist. In Wirklichkeit sehe ich aber nur einen Ausschnitt der politischen Wirklichkeit.

Seriös oder unseriös?

Seriös wirken politische Inhalte dann, wenn sie nachvollziehbar erklären, woher ihre Informationen kommen. Gute Beiträge nennen Quellen, ordnen Aussagen ein und tun nicht so, als gäbe es für jedes Problem eine einfache Lösung. Wenn eine Journalistin, ein Wissenschaftler oder eine bekannte Nachrichtenredaktion etwas erklärt, ist das meistens leichter überprüfbar als ein anonymer Account. Unseriös wirken dagegen Videos, die nur mit Wut, Angst oder Feindbildern arbeiten. Typische Warnzeichen sind Sätze wie „Das darf niemand wissen“, „Alle Medien lügen“ oder „Nur wir sagen euch die Wahrheit“. Solche Formulierungen sollen Misstrauen erzeugen und Menschen emotional packen. Besonders gefährlich ist das, wenn keine Quellen genannt werden oder wenn Bilder und Videos aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Warum Algorithmen Vertrauen verändern

Algorithmen beeinflussen nicht nur, was wir sehen, sondern auch, wem wir vertrauen. Wenn mir ständig ähnliche Beiträge angezeigt werden, wirken diese Inhalte irgendwann normaler und glaubwürdiger. Andere Meinungen oder Fakten tauchen dagegen vielleicht kaum noch auf. Dadurch kann mein Feed wie eine eigene kleine Wirklichkeit wirken. Das verändert auch das Vertrauen in Nachrichten. Wenn jemand immer wieder hört, klassische Medien seien gekauft oder würden absichtlich lügen, glaubt man seriösen Quellen irgendwann vielleicht weniger. Gleichzeitig wirken kurze Videos von Influencern persönlicher und näher. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie besser recherchiert sind.

Aktuelle Studien zeigen das Problem

Dass Algorithmen politische Inhalte beeinflussen können, zeigen auch neue Studien. Eine aktuelle Untersuchung zu TikTok während des US Wahlkampfs 2024 kam zu dem Ergebnis, dass politische Empfehlungen nicht gleichmäßig verteilt wurden. Bestimmte Accounts bekamen häufiger parteinahe oder gegnerische Inhalte angezeigt. Das zeigt, dass Plattformen politische Wahrnehmung mitprägen können. Auch für Österreich ist das wichtig, weil Jugendliche soziale Medien sehr stark nutzen. TikTok, Instagram und Snapchat gehören laut Jugend Internet Monitor 2025 zu den wichtigsten Plattformen für junge Menschen. Politische Meinungsbildung findet also längst nicht mehr nur im Politikunterricht oder in Nachrichtensendungen statt, sondern mitten im Feed.

Was mir besonders hängen geblieben ist

Mir ist besonders hängen geblieben, dass politische Botschaften auf sozialen Medien oft gar nicht wie Politik wirken. Ein Video kann lustig geschnitten sein, trendige Musik verwenden und trotzdem eine klare politische Botschaft transportieren. Gerade deshalb schaut man manchmal weniger kritisch hin. Ich finde politische Inhalte gut, wenn sie verständlich erklären, worum es geht, und wenn sie Quellen nennen. Schlecht finde ich Beiträge, die nur provozieren oder Menschen gegeneinander aufhetzen. Besonders misstrauisch werde ich, wenn jemand behauptet, ein kompliziertes Problem in wenigen Sekunden komplett erklären zu können.

Wie man Desinformation erkennt

Desinformation erkennt man oft daran, dass ein Beitrag sehr emotional ist, aber keine überprüfbaren Belege liefert. Auch schlechte Bildqualität, dramatische Musik, aus dem Zusammenhang gerissene Szenen oder anonyme Quellen können Hinweise sein. Wichtig ist außerdem, zu prüfen, ob andere seriöse Medien dasselbe berichten. Ein einzelnes TikTok oder Reel sollte nie die einzige Grundlage für eine politische Meinung sein. Besser ist es, mehrere Quellen zu vergleichen. Dazu gehören Nachrichtenportale, Faktenchecks, offizielle Seiten und auch unterschiedliche politische Perspektiven. Der Feed kann ein Anfang sein, aber er sollte nicht das Ende der eigenen Recherche sein.

Fazit

Soziale Medien haben politische Meinungsbildung stark verändert. Jugendliche sehen politische Botschaften heute schnell, emotional und oft nebenbei. Algorithmen entscheiden mit, welche Inhalte sichtbar werden. Dadurch können Menschen informiert werden, aber auch einseitig beeinflusst oder getäuscht werden. Deshalb ist es wichtig, dem eigenen Feed nicht blind zu vertrauen. Nur weil ein Video oft auftaucht, ist es nicht automatisch richtig. Und nur weil jemand selbstbewusst spricht, ist seine Aussage nicht automatisch wahr. Politische Meinung braucht mehr als ein paar Sekunden Video. Sie braucht Quellen, Vergleich und die Bereitschaft, auch die eigene Meinung zu hinterfragen.




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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Universität Wien.