„Die Vorlesung kann ich mir online anschauen, die Strecke nicht.“ Alina ist 22 und studiert in Salzburg. Heute schwänzt sie die Uni, das ist Wetter war schon am Morgen zu gut, um nicht aufs Rad zu steigen. Jetzt sitzt die Sportstudentin auf einer Bank am Straßenrand, die Beine noch schwer von den gefahrenen Kilometern. Sie scrollt durch ihr Handy und öffnet die App Strava und geht die Segmente der Strecke durch. Platz vier in ihrer Region, drei Sekunden hinter Platz drei. Sie steckt das Handy weg und trinkt einen Schluck aus der Flasche.
Rennradfahren, das ist auch Leistungsdruck. Das wird durch Social Media und Apps wie Strava immer klarer. Besonders junge Menschen spüren den Druck, sich bei jeder Fahrt mit anderen messen zu müssen. Doch warum ist das so und warum boomt Rennradfahren trotzdem weiterhin, gerade unter jungen Erwachsenen?
Vom Nischensport zum Trend
Rennradfahren war lange nur eine Sache für Männer Mitte vierzig in der Midlife-Crisis, so zumindest das Klischee. Im Salzburger Fahrradladen Bergspezl beobachten die Mitarbeiter seit einiger Zeit einen deutlichen Wandel. Immer mehr Kunden in ihren Zwanzigern fragen nach Rennrädern oder Gravelbikes und sind bereit, tausende Euro dafür zu bezahlen. Ein „günstiges“ Einsteigerrad kostet mindestens 2.000 Euro, Profi-Räder aus Carbon liegen bei 10.000 bis 15.000 Euro. Helm, Trikot, Schuhe und Zubehör kommen mit weiteren 300 bis 600 Euro dazu.
„Es geht mir nicht nur ums Fahren, es geht mir um die gute Zeit mit meiner Gruppe und das gute Gefühl danach”, sagt Alina. Dieses Gefühl von Zugehörigkeit ist wohl auch einer der Hauptgründe, warum Radeln gerade jetzt so boomt. „Bei mir in der Uni fahren fast alle Rennrad, das hat sich schnell herumgesprochen.“, sagt Alina. „Den Trend konnte ich als Sportstudentin gar nicht verpassen.“
Florian wohnt auch in Salzburg und fährt seit drei Jahren Rennrad, auch er nutzt die App Strava regelmäßig. Angefangen hat er wegen seines Onkels, noch ohne Hype, ohne App. Heute ist das Rad fester Bestandteil seines Alltags. Drei bis vier Mal pro Woche fährt er Rennrad, wenn das Wetter es zulässt. Wenn er an Tagen ohne Motivation online sieht, wie Freunde draußen trainieren, rafft er sich auch eher auf. Er braucht die Herausforderung. „Jedes Mal, wenn ich eine Strecke fahre, versuche ich besser zu sein als beim letzten Mal“, sagt er. „Das treibt mich an.“
Strava: Motivation oder Falle?
Schon vor dem Trend kam die App Strava. 2009 gegründet, haben inzwischen 150 Millionen Menschen die App auf dem Handy. Das Prinzip ist simpel. Jede Fahrt wird per GPS erfasst, Kilometer, Höhenmeter und Geschwindigkeit werden automatisch ausgewertet. Wer möchte, teilt die Aktivität mit der Community und erhält dafür „Kudos“, also Likes von anderen Nutzern.
Das Herzstück der App sind die sogenannten Segmente. Fest definierte Streckenabschnitte, auf denen Strava automatisch misst, wer am schnellsten gefahren ist. Wer ein Segment anführt, trägt den Titel „Queen of the Mountain“ oder „King of the Mountain“, kurz „QOM“ und „KOM“. Wer am schnellsten ist, wird zur Königin oder zum König des Bergs. Diese Titel zu holen, kann echt anspornen, aber auch durchaus problematisch werden.
Wenn jemand das „KOM“ mit einer bessere Zeit holt? Kein Problem, sagt Florian. Er gibt den anderen sogar ein „Kudos“. „Ich finde es faszinierend, wenn jemand bei Strecken, die ich selbst hart erkämpft habe, noch mehr Leistung draufhaut.“ Gleichzeitig weiß er, dass nicht alle so entspannt mit sich selbst umgehen. Seine Mutter laufe fast jede Woche und beschwere sich, weil sie zu langsam sei, sagt Florian. „Dabei hat sie allein damit, dass sie sich bewegt, schon viel mehr geschafft als jemand, der nur auf der Couch liegt.“
Was der Wettkampf mit uns macht
Julia Buchner ist Sportpsychologin und begleitet Athleten in ihrer mentalen Entwicklung, von der Wettkampfvorbereitung über Selbstvertrauen bis hin zur Emotionsregulation. Strava kennt sie gut, viele ihrer Klienten nutzen die App, ihre Einschätzung ist differenziert. Die App könne motivieren, Fortschritte sichtbar machen und Gemeinschaft schaffen. Gleichzeitig beobachte sie, wie der ständige Vergleich Druck aufbaut. „Der Fokus verschiebt sich dann leicht von den eigenen Bedürfnissen zum Vergleich mit anderen“, sagt sie. „Dann bleiben Fragen wie: Andere trainieren mehr, müsste ich das auch tun?“
Alina kennt dieses Gefühl, nur ist sie selbst diejenige, die sich unter Druck setzt. Die 22-Jährige fährt seit zwei Jahren Rennrad, Strava hatte sie von Anfang an. „Ich glaube, ich habe die App installiert, noch bevor ich mein erstes richtig langes Stück gefahren bin“, erzählt sie und lacht. Anfangs war es nur zum Tracken, zum Schauen, wie weit und wie schnell sie fährt, doch mit der Zeit habe sich das verändert, sagt sie. „Jetzt schaue ich auch, was die Anderen machen.“
Je mehr Alina in die Rennrad-Community einsteigt, desto größer wird der Druck auf Strava, besonders mit ihren Studienkollegen vergleiche sie sich stark, sagt sie. „Ich sehe, dass andere schon achtzig Kilometer gefahren sind, und ich bin noch gar nicht geradelt, da fühle ich mich schlecht.“
Der Vergleich kann motivieren oder entmutigen
„Das Rad gibt mir so viel, aber manchmal glaube ich, Strava nimmt mir auch etwas davon wieder weg“, sagt sie. Ein Spannungsfeld, das viele kennen, die regelmäßig fahren, auch wenn sie es nicht immer so klar benennen können wie Alina.
Im Körper passiert während eines Wettkampfs einiges. Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet, auch Testosteron kann auf Siege oder Niederlagen folgen. Das beeinflusst Energielevel, Konzentration und Stimmung, egal ob Profi oder Hobbyfahrer. Wettkampferlebnisse werden deshalb emotional wie körperlich sehr intensiv erlebt und genau das macht sie so verlockend.
Grundsätzlich sei kompetitives Verhalten nichts Schlechtes, sagt Buchner. Es könne motivieren und Leistung fördern, besonders bei Menschen, die sich gerne messen oder klare Ziele verfolgen. Problematisch werde es erst, wenn der eigene Selbstwert fast ausschließlich von Leistung abhängt. Dieses Phänomen sieht sie als gesellschaftlichen Trend. „Erfolg wird häufig stark mit persönlichem Wert, Anerkennung und Sichtbarkeit verbunden“, so Buchner. Soziale Medien verstärkten diesen Eindruck zusätzlich.
Wenn der Spaß auf der Strecke bleibt
Social Media zeigt nur die Highlights. Die schlechten Tage, die abgebrochenen Touren, die Beine, die einfach nicht wollen, landen selten im Feed. Wer regelmäßig Bestzeiten und Traumstrecken anderer sieht, bekommt schnell das Gefühl, selbst nicht genug zu leisten. „Besonders Menschen mit einem leistungsorientierten oder selbstkritischen Persönlichkeitsstil reagieren darauf sensibel“, sagt die Buchner.
Was aber tun, wenn die Freude am Sport kippt? Buchners Rat ist simpel. „Einen Schritt zurücktreten und dich fragen, warum du überhaupt angefangen hast“, sagt sie. „Was hat früher Spaß gemacht?“ Oft helfe es, den Fokus weg von Leistung und Vergleich zu verschieben, zurück zum eigenen Körpergefühl, zur Natur, zur Gemeinschaft. Manchmal brauche es eine Pause, ein neues Ziel oder sogar eine andere Sportart, sagt die Sportpsychologin. „Freude und Motivation entstehen langfristig meist dort, wo Sport nicht nur Druck, sondern auch persönliche Bedeutung und positive Emotionen vermittelt.“
Florian sieht das ähnlich. Strava ist für ihn ein Werkzeug, kein Maßstab. Der Sport selbst steht an erster Stelle, das Fahren, die Natur, das Abschalten nach einem langen Arbeitstag. „Strava ist eine nette App, um zu motivieren.“, sagt er. „Aber der Sport steht bei mir an vorderster Stelle, und das wird mit und ohne Strava so bleiben.“
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