Spät abends, während andere schon schlafen, sitzt Divayanshi Jha noch immer an ihrem Schreibtisch. Im Licht der kleinen Schreibtischlampe bereitet sich die indische Content Creatorin auf den Aufnahmetest für das Medizinstudium vor. Vor ihr liegen Biologiebücher, Chemieformeln und Physikaufgaben. Das Handy hat sie ausgeschaltet, die nächste Pause verschiebt sie auf später. Selbst wenn sie den Stift aus der Hand legt, verlässt sie der Stoff nicht. „Ich kann zwar körperlich eine Pause machen, aber im Kopf sitze ich trotzdem die ganze Zeit noch am Schreibtisch“, sagt die junge Inderin im Gespräch mit campus a.
Der Stress zahlt sich nicht aus, seit Monaten bereitet sie sich zwar auf den National Eligibility cum Entrance Test, kurz NEET vor, die wichtigste Aufnahmeprüfung für ein Medizinstudium in Indien. Doch die Prüfung wird wegen mutmaßlichen Betrugs annulliert. Daraufhin gehen tausende Studierende wie Jha im ganzen Land auf die Straße. Aus ihrer Enttäuschung entsteht eine landesweite Protestbewegung.
Andere gehen nicht auf die Straße, sie trifft die Situation härter. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von Kandidatinnen und Kandidaten, die den zusätzlichen Stress kaum mehr aushielten, viele suchten psychiatrische Hilfe. Mehr als zwanzig junge Menschen nahmen sich das Leben.
Eine Prüfung erschüttert Indien
Am 3. Mai 2026 schreiben mehr als zwei Millionen junge Menschen die NEET-Prüfung. Vier Tage später erreichen sie erste Hinweise auf mögliche Unregelmäßigkeiten, Fälscher hätten die Testfragen vor der Prüfung öffentlich gemacht und auf verschlüsselten Messengerdiensten wie Telegram gegen Geld verbreitet.
Laut offizieller Darstellung leitet die Teststelle diese Informationen am 8. Mai an Ermittlungsbehörden weiter. Am 10. Mai bestätigt die National Testing Agency, die staatliche Prüfungsbehörde Indiens, kurz NTA, erstmals öffentlich laufende Untersuchungen. Zwei Tage später folgt eine Entscheidung ohne historisches Vorbild. Die gesamte NEET-Prüfung wird annulliert. Innerhalb weniger Minuten verlieren fast zwei Millionen junge Menschen ihre Planungssicherheit. Wenige Wochen später muss die Prüfung wiederholt werden.
Was zunächst wie ein weiterer Prüfungsskandal wirkt, entwickelt sich innerhalb weniger Wochen zu einer politischen Bewegung mit internationaler Aufmerksamkeit. Tausende protestieren gegen die Regierung von Indiens Premierminister Narendra Modi. Aktivisten organisieren Demonstrationen, Künstler und Intellektuelle schließen sich an.
Die Kakerlakenproteste
Besonders sticht dabei die Cockroach Janta Party hervor. Hinter der sogenannten Kakerlakenbewegung stehen vor allem junge Aktivistinnen und Aktivisten wie Abhijeet Dipke und Saurav Das, die den Protest über soziale Medien organisieren und koordinieren. Der Name ist bewusst provokant gewählt. Er geht auf eine Äußerung des damaligen Vorsitzenden Richters des Obersten Gerichtshofs Indiens, Surya Kant, zurück. Er soll Demonstrierende und Medienschaffende sinngemäß als „Kakerlaken“ bezeichnet haben.
Über Plattformen wie Instagram und X verbreiten sich Bilder von Kundgebungen, Reden und Demonstrationen im ganzen Land. Immer mehr Studierende schließen sich an. Längst geht es dabei nicht mehr nur um die Wiederholung einer Prüfung. Die Bewegung wirft der Regierung vor, sie habe das Vertrauen einer ganzen Generation verspielt. Die Forderungen reichen von einer unabhängigen Untersuchung und Reform der NTA bis zum Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan.
Studierende versammeln sich vor Behördengebäuden in Neu-Delhi, Universitäten werden zu Treffpunkten für Demonstrationen und in sozialen Netzwerken verbreiten sich schnell Videos und Aufrufe. Tausende fordern Aufklärung über den Skandal, Konsequenzen für die Verantwortlichen und eine grundlegende Reform des indischen Prüfungssystems.
Der Test als „Symptom für die ineffiziente Regierung“
„Für viele ist so ein Test eine entscheidende Schranke, überhaupt eine Karriere machen zu können“, sagt Martin Gaenszle, Indologe und Südasienexperte der Universität Wien im Gespräch mit campus a. Mediziner würden in Indien hohes gesellschaftliches Ansehen genießen, sagt er. „So ermöglichten sie einer Familie oft den sozialen Aufstieg.“
Der eigentliche Konflikt dreht sich laut Gaenszle jedoch längst nicht mehr ausschließlich um den NEET-Test. „Es geht grundsätzlich um die Art und Weise, wie das Bildungsministerium diese Dinge gemanagt hat“, sagt er. „Ähnliche Probleme gab es schon früher. Die jungen Menschen sehen darin ein Symptom für eine ineffiziente Regierung.“ Steigender Konkurrenzdruck und wirtschaftliche Unsicherheit verschärften die Folgen jedes Fehlers im Bildungssystem.
Die annullierte Zukunft
Für Jha ist der Druck ständiger Begleiter im Alltag. „Es gab Phasen, in denen das Lernen praktisch der Mittelpunkt meines gesamten Tages war. Und selbst wenn ich gerade nicht gelernt habe, habe ich ständig daran gedacht, ich sollte eigentlich lernen.“ Die Unsicherheit über die Zukunft verstärke diesen Druck zusätzlich. Weil Hunderttausende um eine begrenzte Zahl an Studienplätzen konkurrieren, beginne man automatisch, sich ständig mit anderen zu vergleichen.
"Die Prüfung galt eben nicht als Einzelfall. Die Menschen verstanden sie als Symptom für strukturelle Probleme“, sagt Gaenszle. „Wer jahrelang lernt und dann erfährt, er muss alles wiederholen, reagiert mit Wut. Genau daraus entstand der Protest.“
Auch in ihrem Umfeld beobachtet Jha wie unterschiedlich viele mit dem Druck umgehen. „Manche sprechen offen über Stress und Erschöpfung, vor allem im Freundeskreis.“ Viele versuchten ihre Sorgen jedoch zu verbergen. „Statt ernsthaft darüber zu reden, hat sich fast eine Kultur entwickelt, in der über den Leistungsdruck gescherzt wird“, erzählt sie. Nach einer Prüfung höre man häufig Sätze wie: „Ich bin komplett fertig.“ Alle lachten darüber, weil jede und jeder wisse, wie sich das anfühle.
Premierminister Modi reagiert auf die Proteste
Für Gaenszle überrascht diese Dynamik kaum. „Die wirtschaftliche Entwicklung verlief in den vergangenen Jahren längst nicht so positiv, wie Premierminister Narendra Modi sie nach außen darstellt. Gleichzeitig herrscht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit“, sagt er. Der Prüfungsskandal sei deshalb lediglich der Auslöser, der das Fass zum Überlaufen brachte. Bereits 2025 hätten junge Menschen in Nepal mit ähnlichen Protestbewegungen politische Veränderungen angestoßen.
Umso überraschender ist die Reaktion der Regierung. Premierminister Modi hatte sich lange demonstrativ hinter seinen Bildungsminister Pradhan gestellt. Am 25. Juli reichte Pradhan dennoch seinen Rücktritt ein. Für die Cockroach Janta Party ist dies der erste große Erfolg ihrer Bewegung. Kurz darauf erklärt sie ihre Proteste für beendet, auch wenn viele ihrer Forderungen nach Reformen des Bildungssystems weiterhin offenbleiben.
Modis schwierige Gratwanderung
Noch während der Proteste hielt Gaenszle einen Rücktritt des Bildungsministers für unwahrscheinlich. „Modi inszeniert sich seit Jahren als starker Regierungschef. Rücktritte kommen in seinem Kabinett selten vor“, sagte der Süasienexperte. „Würde er seinen Bildungsminister entlassen, könnte das als Eingeständnis politischen Versagens verstanden werden.“
„Selbst ein neuer Bildungsminister würde die eigentlichen Probleme kaum innerhalb kurzer Zeit lösen“, sagt Gaenszle. Er rechne nicht mit schnellen Reformen. „Das betrifft längst nicht nur das Prüfungssystem. Das reicht bis in den Justizapparat hinein.“
Trotz aller Kritik möchte Jha das Bild der jungen Generation in Indien jedoch nicht ausschließlich von Druck und Protesten bestimmen lassen. „Ich glaube, meine Erfahrungen unterscheiden sich ein wenig von dem Bild, das viele Menschen im Ausland haben“, sagt sie. Natürlich gebe es Sorgen um die Zukunft, gleichzeitig erlebe sie aber auch Zusammenhalt unter den Studierenden. „Hinter jeder dieser Zahlen sitzt ein junger Mensch an seinem Schreibtisch und fragt sich, wie seine gesamte Zukunft aussehen wird.“ Jha wünscht sich, die Menschen außerhalb Indiens würden hinter den Schlagzeilen die Betroffenen sehen.
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