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Die eigene Familie in der NSDAP-Kartei: Auf der Suche nach dem Warum

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Volontärin · Universität Wien
19.08.2026
8 Min.

Im März 2026 veröffentlicht ein US-Archiv die alte NSDAP-Mitgliederkartei und die deutschen Medien SPIEGEL und Zeit macht die Daten für Nutzer zugänglich. Wer dort auf den Namen eines Angehörigen stößt, findet konkrete Fakten, aber selten Antworten auf die Frage nach den Motiven für den Parteieintritt und die Rolle der Vorfahren im Nationalsozialismus. Fünf Angehörige teilen ihre Geschichte mit campus a.

Welche Rolle spielten unsere Vorfahren im Nationalsozialismus? (Foto: privat)

Als Agnes Monka die digitalisierte NSDAP-Mitgliederkartei durchsucht, stößt sie auf den Namen ihrer Großtante. Die war 1944 mit gerade einmal 17 Jahren der NSDAP beigetreten. Für Monka ist der Fund weniger eine Antwort als der Ausgangspunkt für neue Fragen. Warum trat eine 17-Jährige der Partei bei? War es Überzeugung, Anpassung oder sozialer Druck? Die Karteikarte selbst verrät es nicht.

Monka ist nicht alleine. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im Nationalsozialismus beschäftigt heute noch Familien in ganz Österreich und Deutschland. Als die US-amerikanischen National Archives im März 2026 die NSDAP-Mitgliederkartei online stellen, machen sie 16 Millionen digitalisierte Objekte öffentlich zugänglich. Der SPIEGEL und die ZEIT haben die Daten anschließend für eigene Recherchetools aufbereitet, mit denen Angehörige die Kartei gezielt nach Personen durchsuchen können.

„Endlich hatte ich Fakten“

Als Matthias zum ersten Mal von der veröffentlichten NSDAP-Mitgliederkartei erfährt, sucht er sofort nach seinem Familiennamen. „Ich dachte nur, ach krass“, sagt er. Kurz darauf erscheint der Eintrag seines Großvaters auf dem Bildschirm, Matthias machte einen Screenshot und schickte ihn direkt in die Familiengruppe. „Alle waren überrascht“, sagt der 24-jährige Politikstudent. „In gewisser Weise war es sogar befreiend.“ Zum ersten Mal habe er konkrete Fakten statt bloßer Familienerzählungen gehabt. Für Matthias war ohnehin kaum vorstellbar, die eigene Familie könnte völlig unbeteiligt geblieben sein. Nun hatte er einen ersten Anhaltspunkt für weitere Recherchen.

Schon lange hätten ihn Familiengeschichten gestört, die häufig nur aus Erinnerungen, Vermutungen oder Erzählungen bestehen, sagt er. „Ich war immer davon ausgegangen, es muss auch in unserer Familie Geheimnisse geben.“ Die Karteikarte bringt Gewissheit, wirft aber auch neue Fragen auf. Besonders das Alter macht ihn stutzig. Sein Großvater sei der Partei bereits mit 16 Jahren beigetreten, steht da. Wurde er bewusst Mitglied oder kam die Aufnahme über die Hitlerjugend? „Die Kartei ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Matthias. Sie zeige zwar, ob jemand Mitglied war, nicht aber warum.

„Sie wollten möglichst nichts davon wissen“

Er dachte, seine Familie würde neue Informationen über ihren Großvater und Vater spannend finden. „Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall“, sagt er. „Sie wollten möglichst nichts davon wissen.“ Seine eigene Generation habe es vielleicht leichter, mit solchen Erkenntnissen umzugehen, weil es nicht um die eigenen Eltern gehe.

Wenn Matthias seinem Großvater heute noch eine einzige Frage stellen könnte, würde sie sich nicht unmittelbar um dessen Parteimitgliedschaft drehen. „Ich würde einfach wissen wollen: Wie hast du als Kind die Zeit vor und während des Krieges erlebt?“ Bei Gesprächen mit seinen Großeltern sei es früher meist bei wenigen, weitgehend harmlosen Geschichten geblieben. „Ich glaube aber, da ist noch mehr“, sagt Matthias. „Das würde ich so gerne herausfinden.“

„Ich suche keine Entschuldigung, ich suche Antworten.“

Warum trat eine 17-Jährige der Partei bei, nachdem ihr Bruder bereits im Krieg gefallen war? War es Überzeugung, Anpassung oder sozialer Druck?, all diese Fragen stellt sich Agnes Monka. „Was für einen Plan vom Leben hat man mit 17? Das sind doch genau die Fragen“, sagt sie. Dokumente könnten zwar Fakten liefern, aber selten Motive. „Eine Karteikarte sagt mir nicht, warum jemand eingetreten ist. Sie sagt mir nicht, was dieser Mensch gedacht hat.“

Porträtfoto von Agnes Monka

Journalistin Agnes Monka recherchiert seit Jahren zur Geschichte ihrer Familie.privat


Geschichte begleitet Agnes Monka schon lange, nicht nur beruflich. Die 37-Jährige aus Niedersachsen arbeitet als Journalistin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg und beschäftigt sich seit Jahren mit Ahnenforschung. Lange bevor die NSDAP-Mitgliederkartei veröffentlicht wurde, hatte sie bereits Unterlagen aus dem Bundesarchiv angefordert. Sie wusste, ihr Urgroßvater war Mitglied der NSDAP. Sie bekam zwar keine neuen Erkenntnisse zu ihrem Urgroßvater, doch ihre Recherche gab ihrer Familie emotionale Sicherheit.

Als die Datenbank online geht, sucht Monka trotzdem noch einmal. Dabei stößt sie auch auf ihre Großtante Ruth Alsmeyer, die 1944 mit 17 Jahren der NSDAP beitrat. „Das war für mich eher eine Randnotiz“, sagt sie. Angesichts der bereits bekannten Familiengeschichte habe sie die Mitgliedschaft ihrer Großtante nicht überrascht. Ihr Urgroßvater war Parteimitglied, ihre Urgroßmutter gehörte der NS-Frauenschaft an und ihre Großtante war im Bund Deutscher Mädel. „Mich interessiert nicht die Mitgliedschaft“, sagt sie. „Mich interessiert das Warum.“

Die Famile von Monka. Gertrud Alsmeyer (Urgroßmutter), Ruth Alsmeyer (Großtante), Ilse Alsmeyer (Großmutter) und Heinrich Alsmeyer (Urgroßvater)

v.l.n.r. Gertrud Alsmeyer (Urgroßmutter), Ruth Alsmeyer (Großtante), Ilse Alsmeyer (Großmutter) und Heinrich Alsmeyer (Urgroßvater)privat



Auch vielen Familienerzählungen begegnet Monka deshalb mit Skepsis. „Irgendwie waren im Nachhinein neun von zehn Deutschen im Widerstand“, sagt sie. „Das kann ja gar nicht sein.“ Ihr gehe es weder darum, Angehörige zu entlasten noch sie nachträglich zu verurteilen, sagt Monka. „Menschen sind komplizierter.“ Gleichzeitig sei ihr schon bewusst, ihre eigene Familie war Teil der Tätergesellschaft. „Das darf ich nicht ausblenden“, sagt sie. Je länger sie recherchiert, desto öfter sitzt sie vor den Akten ihrer Großväter aus dem Bundesarchiv. Dort liest sie von den Schlachten um Stalingrad und Dünkirchen. Orte, die sie sonst nur aus dem Geschichtsunterricht kannte.

Gerade dieser Widerspruch treibt sie bis heute an. Die eigentliche Suche beginnt für sie erst dort, wo die Karteikarte endet. „Ich suche keine Entschuldigung“, sagt sie. „Ich suche Antworten.“

Monka geht es wie vielen anderen, die in der veröffentlichten Kartei nach ihren Vorfahren suchen. Das Interesse an dem neuen Zugang ist groß. Die SPIEGEL-Suchmaske gehört nach ihrer Veröffentlichung über Wochen zu den meistgenutzten Angeboten der Plattform. Weitere Dokumente, Familiengespräche und Archivfunde ergeben nach und nach ein Bild, das häufig voller Widersprüche ist.

„Ich werde es nicht mehr herausfinden.“

Für Daniel V. beginnt die Geschichte nicht mit einer Datenbank, sondern mit einem vergilbten Kalenderblatt. Nach dem Tod seiner Mutter räumt der 45-Jährige aus Nordrhein-Westfalen das Elternhaus aus. Zwischen alten Unterlagen fällt ihm ein Foto seines Großvaters in die Hände. Es zeigt einen jungen Mann irgendwo im russischen Winter, er füllt Flüssigkeit in einen Lastwagen. V. hätte das Bild vermutlich kaum weiter beachtet, sagt er. Erst die Bildunterschrift lässt ihn innehalten „Da stand, er war Mitglied beim NSKK.“


Das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) war eine Gliederung der NSDAP. Die Organisation übernahm während des Zweiten Weltkriegs Transport- und Versorgungsaufgaben. „Ob er nur Versorgung gefahren hat oder auch Menschen transportiert hat?“, fragt V. „Ich weiß es nicht.“ Diese Frage lässt ihn nicht los, seit er das Foto gesehen hat.

Von diesem Moment an beginnt für V. die Suche nach Antworten. Über Reddit stößt er auf die veröffentlichte NSDAP-Mitgliederkartei und sucht gezielt nach seinem Großvater. Der Eintrag bestätigt, was er bereits vermutet hatte. Schon als Kind wusste V., sein Großvater war in Stalingrad. Über den Krieg selbst habe die Familie jedoch kaum gesprochen. „Als es für mich interessant wurde, war er nicht mehr da.“ Sein Großvater starb, bevor V. alt genug war, um seine Fragen zu stellen.

Daniel V. in einer Feuerwehruniform

Daniel V. engagiert sich ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehrprivat


Die Mitgliederkartei kann die Wissenslücken nicht schließen, die ihm bleiben. V. möchte sich nicht in Vermutungen verlieren und seinen Großvater ohne belastbare Dokumente weder verurteilen noch entlasten. „Wenn ich herausfinden würde, er war in Auschwitz, wäre das natürlich etwas ganz anderes“, sagt er. „Aber die Beweggründe kann mir heute niemand mehr erklären.“ Auch deshalb verzichte V. bewusst darauf, weitere Unterlagen beim Bundesarchiv anzufordern, sagt er. „Mein Leben ist sowieso schon spannend genug.“

Der Opa aus Brasilien

Marcus K. öffnet die NSDAP-Mitgliederkartei weil er überprüfen möchte, ob die Daten mit dem übereinstimmen, was seine Familie bereits weiß, sagt er. „Ich wollte eigentlich nur schauen, ob die Kartei vollständig ist.“ Tatsächlich fällt K. zunächst ein Fehler auf. In der Akte steht der falsche Geburtsort seines Großvaters. Die Parteimitgliedschaft selbst überrascht ihn dagegen nicht. „Ein Schockmoment war das nicht.“

Die Geschichte seines Großvaters ist in der Familie bekannt. Ende der 1920er-Jahre wanderte er nach Brasilien aus und trat dort in Rio de Janeiro der NSDAP bei. Nach eigener Aussage habe er damals nicht gewusst, was hinter der dortigen „Auslandsorganisation“ stand. Wie glaubhaft das ist, könne er selbst heute nicht mehr beurteilen, sagt K. Wieso sein Großvater in die Partei eintrat, weiß er auch nicht. Später kehrte sein Großvater nach Deutschland zurück. Während der NS-Zeit war er Blockwart, also ein lokaler Funktionär der NSDAP, sagt K. im Gespräch mit campus a. „Das ist natürlich erst einmal ein schwarzer Fleck.“

Dann beginnt K. zu recherchieren, im Entnazifizierungsverfahren stößt er auf Aussagen mehrerer Zeugen, die seinen Großvater entlasten. Sie berichten, sein Großvater habe das Amt kaum ausgeübt und sich sogar kritisch über Hitler geäußert. „So habe ich den ganzen Schwindel kommen sehen“, soll sein Großvater gesagt haben. Prüfen kann K. diese Aussagen nicht mehr, die Quellen würden neue Fragen aufwerfen, sagt er. „Für mich bleibt aber etwas Kritikwürdiges.“

„Geschichte wird erst dann wirklich greifbar, wenn sie die eigene Familie betrifft.“

Geschichte faszinierte Marc G. schon immer, dann wurde sie persönlich. Der 48-Jährige aus Burscheid in Nordrhein-Westfalen studierte Philosophie mit den Nebenfächern Geschichte und Politik, schon immer habe er sich für historische Zusammenhänge interessiert. Als die NSDAP-Mitgliederkartei veröffentlicht wurde, suchte er deshalb auch nach seinem Großvater, sagt er. „Ich habe eigentlich damit gerechnet, ihn zu finden.“

Porträtfoto von Marc G.

Marc G. hatte schon damit gerechnet, seinen Großvater in den Akten zu findenprivat


Im Elternhaus von G. hängen seit Jahren ein großer Stammbaum und Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte, sagt er im Gespräch mit campus a. Die Hinweise auf die Vergangenheit waren immer da, doch erst die Karteikarte macht offiziell, was er schon dachte. „Ich habe mich erstmal gefreut etwas zu finden“, sagt G. „Da habe ich gemerkt, das alles ist real.“ Die Karte bestätigt, sein Großvater trat bereits 1928 der NSDAP bei. Mitgliedsnummer 88436, ungewöhnlich früh.

Die NSDAP-Mitgliedskarte des Großvaters von Marc G.

Mitgliedsnummer 88436. G. fragt sich, wieso trat sein Großvater schon 1928 der Partei bei?privat


Heute fragt sich G., warum der Stammbaum im Flur ausgerechnet in den 1940er-Jahren angelegt wurde. Wollte seine Familie nur mehr über die eigene Geschichte wissen, oder spielte die nationalsozialistische Obsession von Abstammung eine Rolle? „Das ist schon ein bisschen verdächtig“, sagt G. „Das ist aber von mir auch nur Spekulation.“ Gerade diese Unsicherheit akzeptiert er.

Seinen Großvater hat G. nie kennengelernt. „Ich kenne ihn nur intellektuell, aber nicht emotional.“ Die Recherche verändert deshalb weniger seinen Blick auf den Großvater als auf Geschichte selbst. „Ich muss nur zwei Schritte in meiner eigenen Familie zurückgehen, und bin mittendrin“, sagt er. Die Geschichte hängt als Stammbaum im Flur und liegt als Parteiabzeichen in einer Schublade.


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