Auf den ersten Blick unterscheidet diese Buchhandlung nichts von anderen ihrer Art. Ein einladender Raum, meterlange Regale. Bücher in allen Farben und aus allen Genres. Sogar ein eigenes Café. Das BuchQuartier im 14. Bezirk wirkt wie eine klassische Grätzlbuchhandlung.
Doch als sechs Frauen das BuchQuartier Ende 2025 eröffneten, entschieden sie sich für ein in Österreich einzigartiges Modell. Das Geschäft gehört einer dafür gegründeten Genossenschaft. Für einen einmaligen Betrag ab 250 Euro können Kunden beitreten. Dadurch gehört das BuchQuartier allen Mitgliedern gemeinsam. Einkaufen und Stöbern kann trotzdem jeder. Mitglieder sollen aber die Möglichkeit haben, über das BuchQuartier mitzuentscheiden.
„Getragen von vielen“
„Es gibt tatsächlich viele Menschen, die gerne eine Buchhandlung mitbesitzen würden“, sagt Simone Weinbacher-Traun. Sie ist Mitgründerin und stellvertretende Obfrau der Genossenschaft. Dem BuchQuartier würden vor allem Menschen beitreten, die Lust am „gemeinsamen Gestalten“ im Grätzl mitbringen.
„Als Einzelperson oder Unternehmerinnen-Duo wäre das natürlich schwieriger zu stemmen“, sagt ihre Kollegin Miriam Pühringer-Baumann. Für sie sei das Schöne an einer Buchhandlung das „endlose Stöbern und Schauen“. Um das zu ermöglichen, helfen die Mitglieder auch finanziell.
Besonders in der Aufbauphase sei die ehrenamtliche Mithilfe der Gemeinschaft unverzichtbar gewesen, sagen die Gründerinnen. Passend zum genossenschaftlichen Modell befindet sich das BuchQuartier in einem Gemeindebau. In dem leerstehenden Geschäftslokal gab es zu Beginn weder einen Boden noch Beleuchtung. „Durch die Kraft von ganz vielen Menschen ist in kürzester Zeit unglaublich viel passiert“, sagt Weinbacher-Traun. „Wir brauchen das gesellschaftlich viel mehr, dass wir gemeinsam solche Projekte angehen“.
Mittlerweile zählt das BuchQuartier mehr als 160 Mitglieder aus allen Altersgruppen. Die älteste Genossenschaftlerin ist 87 Jahre alt. Zurzeit sammelt auch eine eigene Jugendgruppe Ideen, wie Jugendliche die Buchhandlung nutzen können.

Ein frischer Wind im 14. Bezirk
Ein Mitglied der Genossenschaft ist Wolfgang Schwarz, der heute eine Buchbestellung abholt. Das BuchQuartier will „nicht nur Bücher verkaufen, wie Thalia“, sagt er. Sondern auch ein „soziales Zentrum für die Wohnbevölkerung“ sein. Das sei eine „mutige Idee“, sagt Schwarz. „Ich wohne auf der anderen Straßenseite und habe schon die Baustelle gesehen.“ Seit der Eröffnung komme er zum Bücher kaufen nur noch hierher.
Er ist nicht der Einzige, der mit Vorfreude auf das entstehende BuchQuartier geblickt hat. Im 14. Bezirk gab es lange Zeit nur eine Buchhandlung, ganz am Stadtrand. Diesen Mangel wollten die BuchQuartier-Gründerinnen beheben.
Unterstützung für die Idee gab es schnell: Rund siebzig Mitglieder waren schon Monate vor der Eröffnung finanziell und kreativ am entstehenden BuchQuartier beteiligt. Für Umbauarbeiten im Geschäftslokal und die Einrichtung der Buchhandlung konnte das Team in einer Crowdfunding-Kampagne 20.000 Euro einspielen. Außerdem bewilligte die Wirtschaftsagentur 12.000 Euro an Fördergeld für Maßnahmen nach längerem Leerstand. Am teuersten waren aber die Bücher selbst. Mit 30.000 Euro „ist das Geschäft da noch lange nicht voll.“
Wolfgang Schwarz lebt schon lange im 14. Bezirk. Seine Vernetzungen und Kontakte im Grätzl versuche er daher für das BuchQuartier zu nutzen, sagt er. Sieht er mögliches Interesse, wirbt er dort für die Buchhandlung. Solche Werbung durch Mitglieder ist nicht nur gut für die Verkaufszahlen. Mehr Kundschaft macht das Geschäft auch zu einem Treffpunkt für Menschen aus der Gegend.
Das Zwischenmenschliche im Vordergrund
Neben einer Buchhandlung haben die Gründerinnen im Bezirk vor allem einen Ort vermisst, an dem fremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Für Pühringer-Baumann fehlt diese Möglichkeit „gerade in großen Städten. Besonders jetzt, wo ganz viel digital passiert“.
Das hauseigene Café soll daher einen Ort zum Verweilen bieten. Ohne Zeitdruck oder Konsumzwang. Auf Veranstaltungen im BuchQuartier sollen Menschen aus unterschiedlichsten Gedankenwelten zusammentreffen. Sie können hier ins Gespräch kommen und über neue Dinge nachdenken. „Das belebt die Gegend“, sagt Pühringer-Baumann, die Veranstaltungschefin der Genossenschaft.
Schriftsteller kommen auch ohne Honorar
Im BuchQuartier gibt es immer wieder Workshops zu Themen wie Demokratie oder Genossenschaft. Das Programm bei den Lesungen ist vielfältig: Miezen im Mezzanin von Janina Lebiszczak porträtiert Katzen aus allen Wiener Gemeindebezirken, David Gulda zeichnet in Loew die Geschichte einer jüdischen Familie nach und Anna Felnhofer thematisiert in ihrem Roman Prosopon Verlust und Identität. Sie alle waren schon im BuchQuartier zu Gast. Stets mit Brot- und Weinbegleitung.
In den ersten Monaten will das Team „möglichst viel ausprobieren, um zu schauen, was wir können“, sagt Pühringer-Baumann. Dem hohen Anteil an feministischer Literatur im BuchQuartier entsprechend, versucht das Team dabei vor allem Autorinnen eine Bühne zu bieten.
Pühringer-Baumann freut sich besonders über die Schriftsteller, die von sich aus auf das BuchQuartier zugekommen sind, weil sie die Idee unterstützen möchten: „Die haben gesagt, wir möchten ohne Honorar zu euch kommen. Und das ist natürlich genial!“

Keine Reise ohne Herausforderungen
Im ersten Jahr befindet sich das Team noch in einem ständigen Lernprozess. Es geht darum, die Kundschaft und ihre Vorlieben besser kennenzulernen. Mit Barbara Blaha, Birgit Birnbacher, Vea Kaiser und Dimitré Dinev gehören vor allem Schriftsteller aus Österreich zu den Bestsellern im BuchQuartier.
Manche Menschen kaufen lieber online oder hätten Berührungsängste, sagt Weinbacher-Traun. Noch erzielt die Genossenschaft keinen Gewinn. Die Umsätze müssen die Fixkosten für Miete und Personal tragen. Noch muss sich das BuchQuartier im Bezirk etablieren. Im Sommer gab es generell weniger Kundschaft, jetzt rechnet das Team mit einem intensiven und hoffentlich erfolgreichen Weihnachtsgeschäft. „Ein großes Lernfeld“ ist auch noch, wie sich wirklich alle Mitglieder gut in die verschiedenen Arbeitskreise einbringen können.
Vieles funktioniert schon, anderes „wird noch funktionieren“, sagt Weinbacher-Traun. Oft sind es die kleinen Momente, die sie bestärken. Zum Beispiel eine Begegnung mit einer Dame kurz vor Ladenschluss. Die wollte zwar kein Buch kaufen, erzählt Weinbacher-Traun, dem Team aber mitteilen, wie schön sie dessen Anwesenheit in der Gegend fände. Das BuchQuartier sei ihr „Lichtblick im Bezirk“.
Bei einem Thema sind sich die Genossenschaftlerinnen sicher: Ihr Kerngeschäft wird nie aus der Zeit fallen. „Es lesen wesentlich mehr Menschen, als man glaubt in echten Büchern“, sagt Pühringer-Baumann. Ihre Kollegin pflichtet ihr bei: „Das Buch hat einfach etwas Verbindendes. Das darf man nicht unterschätzen“.
Zwei aktuelle Leseempfehlungen vom BuchQuartier-Team:
Als „überraschend fesselnd“ beschreibt Miriam Pühringer-Baumann den Roman Yesteryear von Caro Claire Burke, eine Gesellschaftskritik, in der ein Social Media-Tradwife in der harten Lebensrealität einer Frau im Jahr 1855 aufwacht.
Außerdem empfehlen beide Genossenschaftlerinnen den neu erschienenen Krimi Buberlpartie von Petra Hartlieb. Die Autorin betreibt selbst eine Buchhandlung in Wien und wird im Oktober für eine Lesung im BuchQuartier zu Gast sein.
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