Vor einigen Monaten bekam unsere Klasse einen neuen Mitschüler. Er war 15 Jahre alt und kam mit seiner Familie aus einem anderen Land in meine Stadt, weil sein Vater hier eine neue Arbeitsstelle angenommen hatte. Für ihn war der Umzug nicht einfach. Er musste seine Freunde zurücklassen und sich an eine neue Schule gewöhnen.
Schon in den ersten Tagen fiel mir auf, dass er sehr ruhig war. Während der Pausen saß er oft allein auf einer Bank oder beschäftigte sich mit seinem Handy. Im Unterricht meldete er sich nur selten und wirkte unsicher, wenn er vor der Klasse sprechen musste.
Eine Einladung nach Hause
Als wir im Geschichteunterricht ein Gruppenprojekt bekamen, wurde der Junge und ich einer Gruppe zugeteilt. Nach dem Unterricht fragte er mich vorsichtig, ob ich ihm bei einigen Aufgaben helfen könnte, weil er den Stoff noch nicht ganz verstanden hatte.
Da wir sowieso gemeinsam arbeiten mussten, lud ich ihn für den Nachmittag zu mir nach Hause ein. An diesem Tag hatten beide Elternteile frei.
Als er ankam, öffnete mein Vater die Tür und sagte lächelnd: „Hallo, schön, dass du da bist. Fühl dich wie zu Hause.“ Meine Mutter kam ebenfalls in den Vorraum und begrüßte ihn mit den Worten: „Herzlich willkommen! Wenn du etwas brauchst, sag einfach Bescheid.“
Ich merkte sofort, dass er noch etwas angespannt war. Deshalb zeigte ich ihm zuerst unser Haus und den Garten. Danach setzten wir uns an den Esstisch und tranken etwas.
Gemeinsam arbeiten und lachen
Anschließend begannen wir mit unserem Projekt. Zuerst arbeiteten wir konzentriert, doch nach und nach kamen wir ins Gespräch. Er erzählte von seiner alten Schule, seinen Freunden und davon, wie schwer ihm der Umzug gefallen war.
Dabei stellten wir fest, dass wir beide gerne Sport machen und dieselben Musikrichtungen mögen. Die Stimmung wurde immer lockerer, und irgendwann lachten wir sogar über lustige Erlebnisse aus der Schule.
Meine Mutter bereitete später Essen zu und fragte ihn, ob er mit uns essen möchte. Er nahm die Einladung gerne an. Während des Essens unterhielten wir uns über Schule und Hobbys. Danach beendeten wir unser Projekt und spielten noch eine Runde ein spannendes Spiel.
Kleine Gesten mit großer Wirkung
Am nächsten Tag bedankte er sich bei mir. Er sagte, dass er sich bei uns sofort willkommen gefühlt habe und dass ihm der Nachmittag geholfen habe, sich in der neuen Klasse wohler zu fühlen. Einige Wochen später hatte er bereits neue Freunde gefunden und war viel offener als am Anfang.
Was Gastfreundschaft für mich bedeutet
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Gastfreundschaft oft mit kleinen Gesten beginnt. Man muss niemandem etwas Besonderes schenken. Oft reicht es schon, freundlich zu sein, zuzuhören und jemanden willkommen zu heißen.
Besonders schön fand ich, wie glücklich er nach unserem gemeinsamen Nachmittag wirkte. Dabei habe ich gemerkt, dass Gastfreundschaft nicht nur beglückend ist, wenn wir sie bekommen, sondern auch, wenn wir sie schenken. Zu sehen, dass sich jemand durch meine Hilfe wohler fühlt, hat auch mich selbst sehr glücklich gemacht.
Deshalb bedeutet Gastfreundschaft für mich, offen auf andere Menschen zuzugehen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie dazugehören.