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Einminuten-Politik: Wie geht eine Nationalratsrede viral?

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Volontärin · Universität Wien
31.07.2026
5 Min.

Eine selbstdurchgeführte Stichprobe von campus a zeigt, wer eine Politikerrede auf TikTok sieht, der schaut wahrscheinlich keiner sachlichen Debatte zu, sondern einer verbalen Attacke gegen die Konkurrenz. Das Rednerpult im Nationalrat wird auch zur Kulisse für Videos auf TikTok und Instagram. Doch welche Formel entscheidet darüber, ob eine Rede in den Feeds der Masse landet oder im Datenarchiv verstaubt?

Der Wiener Abgeordnete Yannick Shetty ist nicht nur Klubobmann der NEOS, er ist auch Liebling des TikTok-Algorithmus (Foto: APA-Images / APA / HELMUT FOHRINGER )

Wer sich alte TV-Duelle zwischen Bruno Kreisky und Alois Mock ansieht, kommt oft aus dem Staunen nicht heraus. Die Kontrahenten redeten friedlich, sachbezogen und in aller Ruhe miteinander. Heute kursieren Videos auf Social Media, in denen Politiker im Parlament einander „widerliche Zwischenrufe“ vorwerfen oder die FPÖ-Abgeordnete Lisa Schuch-Gubik sagt, sie sei kein Butterbrot, nur weil sie sich fühle wie eins.

Irgendwann in den 1980er-Jahren hat die Logik der Unterhaltungsmedien die Politik geschluckt, behauptete der Medienphilosoph Neil Postman. Während Menschen früher nur selten Reden aus dem Nationalrat zu Gesicht bekamen, sieht man heute auf TikTok im Handumdrehen die emotionalsten Aussagen, zugeschnitten vom PR-Team der Abgeordneten. Werden Politikerreden heute also bereits mit dem Blick auf ihre spätere Nutzung in sozialen Medien geschrieben?

Kürzer, einfacher, viraler

Das europäische Forschungsprojekt ParlaMint hat die Protokolle des österreichischen Nationalrats aus den Jahren 1996 bis 2022 analysiert. Das Ergebnis zeigt eine deutliche sprachliche Veränderung in den letzten Jahren. Die Satzlängen der Nationalratsreden werden kürzer, komplexe Schachtelsätze verschwinden, so ParlaMint.

Franz Reiter, Kommunikationswissenschaftler mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Universität Innsbruck, sieht darin Kalkül. Auf Kanälen wie TikTok funktionierten vor allem sogenannte „Soundbites“ besonders gut, sagt er. „Das sind kurze, prägnante Aussagen, die sofort hängen bleiben. Sie bedienen exakt die Schnelllebigkeit sozialer Medien“, so der Experte. Reiter macht vor allem drei Schlüsselfaktoren aus, die über den Erfolg auf Social Media entscheiden. „Emotionalisierung, Zuspitzung und Negativismus.“

Wenn FPÖ-Chef Herbert Kickl in einem kurzen Videoclip erklärt, die Partei sei „nicht rechtsextrem, sondern habe nur extrem oft recht“, oder wenn Grünen-Abgeordnete Leonore Gewessler mit einem Reiskorn das Steuersystem veranschaulicht, wirkten solche Momente weniger wie klassische Parlamentsreden. Die „Soundbites“, werden aus dem ursprünglichen Kontext der Parlamentsrede gelöst und über Plattformen wie TikTok verbreitet.

Was geht viral?

Um herauszufinden, welche Ausschnitte aus Nationalratsreden tatsächlich im Netz zirkulieren, hilft ein Blick auf TikTok. Die Videoplattform wird zunehmend zum Schauplatz für politische Debatten, gerade für junge Menschen.

Da die Plattform keine transparenten oder verlässlichen Ranglisten nach Aufrufen und Likes bereitstellt, führte campus a einen Selbstversuch durch. Für eine Stichprobe gaben wir die Suchbegriffe „Rede FPÖ“, „Rede SPÖ“, „Rede ÖVP“, „Rede NEOS“ und „Rede Grüne“ in die TikTok Suchleiste ein und werteten jeweils die ersten fünf vorgeschlagenen Clips aus, sofern sie direkte Parlamentsausschnitte enthielten.

Die Stichprobe soll nicht den gesamten politischen TikTok-Kosmos abbilden. campus a möchte herausfinden, welchen ersten Eindruck ein politischer Neuling auf der Plattform erhält.

Einer taucht immer wieder auf

Wer politische Inhalte auf TikTok sucht, landet schnell bei bekannten Gesichtern. Eines davon ist Yannick Shetty, Klubobmann der NEOS. Egal welche Partei wir in die Suchmaske eingaben, ein Video des Wieners schaffte es acht von zwanzig Mal unter die obersten Treffer.

Unabhängig von den Personen und ihren Parteien in den Videos, arbeiten sich thematisch insgesamt drei Viertel der analysierten Kurzvideos in negativer Form an der Konkurrenz ab. Im Zentrum stehen meist Zweifel an der Fachkompetenz oder Kritik an konkreten Entscheidungen. In weiteren zehn Prozent der Fälle richtet sich der Unmut gegen konkrete Gruppen wie zum Beispiel die gesamte Bundesregierung.

„Negative Informationen verbreiten sich auf Social Media schneller als positive“, sagt Reiter dazu. „Wenn in der Aussage jemand verbal angegriffen wird, verstärkt der Algorithmus solche Posts“ Über 85 Prozent der Kurzclips aus der campus a Stichprobe weisen genau solche negativen Inhalte auf.

Emotionen verkaufen sich

Die Themen Preise, Inflation und Budgetfragen führten die Rangliste mit Abstand an, darauf folgen Kriege, nationale Sicherheit und Klimapolitik. Genau die Hälfte der Videos unserer Stichprobe beschäftigten sich mit diesen Themen. Auch Migration, LGBTQ+ oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk tauchten vereinzelt auf.

„Das funktioniert besonders gut auf Social Media, emotionale Reaktionen fördern das Engagement“, sagt Reiter. „Mit viel Engagement boostet auch der Algorithmus solche Reden und erreicht damit viele User und Userinnen.“

Warum Lösungen untergehen

„Aussagen, die im Parlament funktionieren, sind häufig sehr sachlich, stellen die eigene Position dar und halten sich an parlamentarische Regeln“, sagt Reiter. „Politische Botschaften auf TikTok oder Instagram müssen dagegen leicht verständlich, zugespitzt und emotional sein, sowie mit der passenden Bildsprache arbeiten.“

Diese Logik spiegelt sich auch in der Auswertung wider. In den untersuchten Videos überwogen kurze, zugespitzte Botschaften. Konkrete politische Konzepte kamen nur drei Mal vor. Auch Zwischenrufe, Gelächter oder Applaus werden häufig in die Videos reingeschnitten.

Der Weg zum Clip

Welcher Ausschnitt es am Ende tatsächlich auf die Bildschirme schafft, entscheide sich in engem Austausch zwischen dem Social-Media-Team und den Abgeordneten vor, und nach den Sitzungen, sagt Christian Steiner, Leiter der SPÖ-Parteikommunikation. Für die Partei sei die Aufbereitung von Parlamentsreden für TikTok und Instagram ein durchdachter Prozess.

„Der beste Teil einer Rede ist emotional, konkret und kreativ, oder er ist inhaltlich prägnant und konzis“, sagt Steiner im Gespräch mit campus a. „Ist eine Rede packend, spannend und interessant für die Öffentlichkeit, wird sie verbreitet.“

Die Politik sei dem Algorithmus nicht völlig ausgeliefert, sagt er. „Das Feedback und die Kommentare der Community sind ein guter Hinweisgeber, wo Informationsdefizite bestehen“, so Steiner. „Für die Themensetzung an sich ist aber vor allem der parlamentarische Prozess die Richtschnur.“

„Wir wählen vor allem jene Ausschnitte aus, die zeigen, wie politische Entscheidungen das Leben der Menschen konkret betreffen oder ihre Sorgen, Wünsche und Anliegen aufgreifen", sagt Alina Huster, Pressesprecherin des Grünen Klubs im Parlament, auf Anfrage von campus a.

Demokratie im Kurzformat

„Komplexe Probleme werden vereinfacht. Eine tiefergehende Debatte ist auf Social Media oft nicht möglich“, sagt Reiter zu der Entwicklung der Videos. Die klassische Sachpolitik gerate dadurch zunehmend in den Hintergrund. Oft werde mehr Energie darauf verwendet, auf den Bildschirmen gut anzukommen, als tatsächlich nach tragfähigen Lösungen für reale Probleme zu suchen.

Postman beschrieb einst eine Politik, die sich immer stärker an den Regeln der Unterhaltung orientiert. Im Zeitalter von TikTok würde er diese Entwicklung vielleicht noch deutlicher erkennen. Erfolgreich ist, unserer Stichprobe nach, nicht die ausführlichste Botschaft, sondern jene, die Emotionen auslöst, sich zuspitzen lässt und im Gedächtnis bleibt.














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