Seit Jahrzehnten ist Teheran nicht nur eine Diktatur nach innen. Die Islamische Republik Iran hat ein Netzwerk bewaffneter Verbündeter und Stellvertreter in der gesamten Region aufgebaut und finanziert, von der Hisbollah im Libanon über die Hamas bis zu den Huthis im Jemen. Die Rolle der Revolutionsgarden und ihrer Verbündeten im syrischen Krieg ist ebenso wenig vergessen wie Irans militärische Unterstützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine, insbesondere durch die Lieferung iranischer Drohnentechnologie.
Die Europäische Union selbst verurteilt die iranische militärische Unterstützung für Russlands Angriffskrieg ausdrücklich. Im Februar 2026 ging sie noch einen entscheidenden Schritt weiter und nahm die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) offiziell in ihre Terroristenliste auf. Damit sollten Vermögenswerte der Organisation in der EU eingefroren werden, und europäischen Akteuren wäre es untersagt, den IRGC wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Und dennoch scheint Europa politisch weiterhin bereit, mit Repräsentanten desselben Machtapparates nach einem Ausweg zu suchen.
Die Machthaber erhöhen den Druck auf Oppositionelle
Das ist der paradoxe Tango der europäischen Iran-Politik. Mit der einen Hand sanktioniert man die Revolutionsgarden als Terrororganisation, mit der anderen sucht man weiterhin nach Gesprächspartnern innerhalb eines Systems, dessen Macht wesentlich auf eben diesen Revolutionsgarden beruht.
Noch schwerer wiegt, was innerhalb Irans geschieht. Hinrichtungen sind seit Jahren ein Instrument staatlicher Einschüchterung. Seit Beginn des Krieges hat sich der Druck auf Oppositionelle und Demonstranten nochmals verschärft. Das Regime in Teheran richtete auch in diesem Jahr hunderte Menschen hin, bei einem Massaker auf den Straßen starben im Jänner dieses Jahres tausende oder wurden schwer verletzt. Eltern warten vor Gefängnissen und Angehörige wissen oft nicht, ob ihre Kinder noch leben. Während Prozesse unter Bedingungen stattfinden, die rechtsstaatliche Standards vermissen lassen, verschwinden Gefangene häufig spurlos.
Gleichzeitig befindet sich das Land in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Nach aktuellen Berichten liegt die Inflation bei über achtzig Prozent. Arbeitslosigkeit, zerstörte Infrastruktur, sinkende Staatseinnahmen und der Wertverlust der Währung treffen vor allem jene Menschen, die keinerlei Verantwortung für die Politik der Islamischen Republik tragen. Das iranische Volk bezahlt damit nicht nur für die ideologische Außenpolitik der Machthaber, die zur internationalen Isolation und Krieg führt, sondern auch für einen skrupellosen Sicherheitsapparat, der seine Macht im Inneren verteidigt.
Das iranische Regime erinnert an einen angeschlagenen Boxer
Während breite Bevölkerungsschichten verarmen, hat sich rund um das politische und wirtschaftliche Machtzentrum der Islamischen Republik über Jahrzehnte eine privilegierte Elite von Millionären entwickelt. Europa muss genauer hinsehen, woher Vermögen stammen, die von Angehörigen oder Geschäftspartnern der iranischen Machtelite nach Europa transferiert und hier investiert werden. Wo konkrete Verbindungen zu sanktionierten Strukturen bestehen, braucht es konsequente finanzielle Ermittlungen und die Anwendung des europäischen Sanktionsrechts.
Nach Krieg, Sanktionen, wirtschaftlichem Zusammenbruch und wiederkehrenden Protesten ist die Islamische Republik nicht mehr das System, das sie der Außenwelt vorgibt zu sein. Sie steht noch. Standfestigkeit ist jedoch nicht dasselbe wie Stabilität. Das iranische Regime erinnert heute an einen angeschlagenenen Boxer, der noch auf den Beinen steht und deshalb versucht, seinem Gegner vorzumachen, er sei unverletzt. Hinter der demonstrativen Stärke stehen aber wirtschaftliche Erschöpfung, Inflation, Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Unzufriedenheit und zurecht die internationale Isolation.
Wird der Schah wieder zum Gesprächsthema?
Wer über eine politische Transition im Iran spricht, kommt derzeit am Sohn des ehemaligen Schahs, Reza Pahlavi, nicht vorbei. Man muss weder Monarchist sein noch seine politischen Positionen teilen, um diese Realität anzuerkennen. Aktuelle Erhebungen des unabhängigen Forschungsinstituts GAMAAN zeigen eine erhebliche Zustimmung zu Pahlavi und mit ihm verbundenen politischen Symbolen. Zumindest 45 Prozent der Befragten berichteten zuletzt, sie hätten eine anhaltend positive Haltung ihm gegenüber.
Gerade deshalb wäre es falsch, Reza Pahlavi zu ignorieren. Pahlavi selbst erklärt seit Jahren, nicht er, sondern die iranische Bevölkerung müsse entscheiden, ob ein zukünftiger demokratischer Iran eine Republik oder eine parlamentarische Monarchie sein soll.
Europa braucht eine Politik für die demokratische Opposition im Iran
Die EU sollte diejenigen unterstützen, die freie Wahlen, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und eine säkulare demokratische Ordnung fordern, und darauf bestehen, letztlich die Iraner selbst über ihre Verfassung und Staatsform entscheiden zu lassen. Das sind all die Prinzipien, die Reza Pahlavi gebetsmühlenartig in seinen Interviews wiederholt.
Die EU hat die Revolutionsgarden inzwischen selbst als Terrororganisation eingestuft. Gleichzeitig bleibt die illusorische Vorstellung lebendig, durch Verhandlungen mit dem bestehenden Machtapparat langfristige Stabilität herstellen zu können.
Eine Stabilität, die ausschließlich darauf beruht, eine Bevölkerung mit Gefängnis, Folter und Hinrichtungen zum Schweigen zu bringen, ist in Wirklichkeit eine Scheinstabilität. Europa muss deshalb parallel zur Diplomatie eine zweite Iran-Politik entwickeln. Europa braucht eine Politik gegenüber der iranischen Zivilgesellschaft und der demokratischen Opposition. Dazu gehören Kontakte zu unterschiedlichen demokratischen Oppositionsgruppen, und allen voran offizielle Gespräche mit Reza Pahlavi.
Iran ist mehr als die Islamische Republik
Wenn Offizielle mit Vertretern eines Systems verhandeln, dessen militärisches Rückgrat sie gleichzeitig als Terrororganisation einstufen, aber diejenigen auf Distanz halten, die einen demokratischen Übergang fordern, entsteht ein gefährliches Signal. Es sagt den Machthabern, haltet euch nur lange genug an der Macht, dann werden wir mit euch verhandeln. Genau dieses Signal muss sich ändern.
Die Islamische Republik ist nicht Iran. Eine jahrtausendealte Kultur darf nicht mit einem politischen System gleichgesetzt werden, das seit weniger als einem halben Jahrhundert brutal über dieses Land herrscht.
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