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Fotokabine sticht Smartphone: Warum stehen überall in Wien Fotoautomaten?

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Volontärin · Universität Wien
08.06.2026
4 Min.

In einer Welt, in der das Smartphone griffbereit ist und wir in Sekunden ein Selfie schießen, feiert die Fotokabine ein Comeback. Was macht die Faszination aus? Und warum setzen gerade Clubs auf das Konzept?

Nur ein kurzer Trend oder ein Comeback mit Dauer. Fotokabinen erobern die Wiener Clubs (Foto: Charlotte Ankerstein)

Es ist kurz nach zwei Uhr morgens im Wiener Club Das Werk. Vor der Fotokabine hat sich eine kleine Schlange gebildet, drei Freundinnen verschwinden nacheinander in der Kabine. Hinter dem Vorhang blitzt es dreimal. Wenige Sekunden später schauen sie grinsend auf den Fotostreifen in ihren Händen. Drei Fotos, auf einem geben sie einander einen Bussi, auf einem werfen sie ihre Arme in die Luft und auf dem letzten strecken sie die Zunge in die Kamera.

Wer in Wien ausgeht, trifft immer häufiger auf Fotokabinen. Sie stehen in der Grellen Forelle, im Werk und im Schikaneder. Hinter diesen drei und vielen weiteren Kabinen steht das Unternehmen Blitzkabine. Als Start-up im oberösterreichischen Steyr gegründet, stellen sie die Kabinen ausschließlich in Österreich her. Heute hat Blitzkabine auch ein Büro in Wien und vertreibt die Fotoautomaten in vier Ländern, mittlerweile sind es schon 130 Stück. 

Analoger Gegenentwurf zur ständigen Digitalität

Moritz Huber ist seit zwei Jahren bei Blitzkabine für den Vertrieb zuständig. „Wir verkaufen die Kabinen gar nicht“, sagt er. Stattdessen setzt das Unternehmen auf langfristige Kooperationen mit Kultur- und Freizeitstätten. Sie vermieten die Automaten also nur. Alleine in Wien stehen 15 Fotokabinen. Jede ist individuell gestaltet, die Automaten sollen zur Umgebung passen.

Das Comeback der Fotoautomaten passt zum aktuellen Analog-Trend. Im Gegensatz zur endlosen, digitalen Bilderflut auf dem Smartphone bietet der gedruckte Fotostreifen ein echtes und haptisches Erlebnis. Dieser analoge Gegenentwurf zur digitalen Schnelllebigkeit macht den neuen Erfolg aus.

Vor allem Techno-Clubs setzen auf die Kabinen

Im historischen Kino und Bar Schikaneder steht eine klassische, eckige Kabine mit der Aufschrift „Photoautomat“ und einem Samtvorhang, passend zum nostalgischem Kinocharme. In der Grellen Forelle ist das Modell moderner. Abgerundete Ecken, kein Vorhang, dafür das Clublogo und der Hinweis „Tag us on Insta & Co #GrelleForelle #Blitzkabine“. Hier steht die Kabine gut sichtbar zwischen Tanzfläche und Außenbereich.

Auch die Fotostreifen sind auf den jeweiligen Ort abgestimmt. Im Schikaneder sind die Ränder gold und tragen den Schriftzug des Kinos, in der Grellen Forelle haben die Streifen schwarze Ränder mit dem Clublogo. Für Betreiber*innen ist das ein VorteilWer ein Foto macht, nimmt nicht nur eine Erinnerung mit, sondern verbindet den Abend über den Fotostreifen direkt mit dem jeweiligen Ort. Damit sich niemand über unscharfe Bilder ärgert, grenzt sich Blitzkabine vom klassischen Passbildautomaten mit hochwertigen Linsen ab. Ihr Anspruch ist Premiumqualität, dafür verbaut das Unternehmen Spiegelreflexkameras.

Neben den Kabinen bietet Blitzkabine auch Fotoboxen an. Freistehende Apparate, die kurzfristig auf Hochzeiten oder Firmenfeiern zum Einsatz kommen. Die Fotokabine funktioniert anders. Reingehen, Vorhang zu und niemand schaut zu. 

Besonders Techno-Clubs schätzen das Konzept. Häufig gilt dort eine „No-Photo-Policy“, ein Fotografierverbot, die Clubs wollen die Privatsphäre der Gäste zu schützen und die Atmosphäre nicht durch blinkende Displays stören. Man ist zum Tanzen da, nicht für die Instagram Story. „Dafür ist eine Fotokabine natürlich recht praktisch, weil die Gäste trotzdem eine Erinnerung an den Abend schaffen können“, sagt Huber. „Auf zwei Quadratmetern können sie Fotos mit Freund*innen oder neuen Bekanntschaften machen, ohne andere ungefragt aufzunehmen.“

Das Comeback der Fotokabine

Der Reiz wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Fast jeder hat ein Smartphone in der Tasche, kann in Sekunden ein Foto machen. Trotzdem setzen sich Menschen in eine Fotokabine, posieren, bis der Auslöser losgeht, und warten, bis der fertige Fotostreifen aus dem Automaten kommt. Das kann auch mal dauern. „Es geht um das Erlebnis", sagt Huber. Der Fotostreifen ist eine physische Erinnerung, die nicht in der unendlichen Handygalerie untergeht. Wer ihn bekommt, pinnt ihn an den Kühlschrank oder klebt ihn ins Album. 

Die 22-jährige Hiba kommt aus Marokko und studiert in Wien. Als wir sie im Schikaneder treffen beschreibt sie genau diesen Reiz. Mehrere Fotostreifen hat sie bereits gesammelt. Zu Hause bekommen sie einen festen Platz: „Ich hänge sie an die Wand, an meinen Spiegel oder lege sie in meine Erinnerungsbox“, erzählt sie. Fotos in der Kabine möge sie lieber als gewöhnliche Aufnahmen mit der Kamera: „Es ist eine schöne Art, den Moment selbst festzuhalten.“ Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr Fotos mit ihrer Mutter: „Meine schönste Erinnerung in dieser Fotokabine habe ich mit meiner Mutter. Ich glaube, das sind die coolsten Bilder, die ich mit ihr habe.“

Der Retro-Charme macht den Reiz aus

Die Automaten drucken standardmäßig zwei identische Fotostreifen aus. So bekommen die Besucher*innen zwei Kopien desselben Moments. Einen, um ihn selbst zu behalten und einen zum Weitergeben. Obwohl die Kabine ein Kontrast zur Smartphone-Welt ist, fotografieren Nutzer*innen den Fotostreifen ab und teilen die Erinnerung online. 

Der Reiz der Kabine ist eigentlich ein Jahrhundert alt. 1925 stellte der sibirische Erfinder Anatol Josepho den ersten „Photomaton“ am New Yorker Broadway auf. Erstmals konnten sich Menschen für wenig Geld ein Porträt leisten, ganz ohne teure Fotograf*innen. Mit dem Aufkommen digitaler Technik Anfang der 2000er-Jahre galt der Fotoautomat als überholt. Geblieben ist er trotzdem und wird wieder populärer.

Huber sieht darin einen größeren Trend. „Alles, was es früher schon einmal gab, kommt irgendwann wieder, ob das jetzt Y2K-Sachen sind wie Low-Waist-Hosen oder der Mullet. Genauso ist es mit der Fotokabine.“, sagt er. Die erlebe seit ein paar Jahren wieder ein richtiges Revival. Gerade in einer so schnelllebigen Welt sei es etwas Besonderes, dir mit deinen liebsten Menschen oder auch mit Leuten, die du gerade erst kennengelernt hast, eine Erinnerung zu schaffen. „Am Ende hast du wirklich etwas Analoges in der Hand.“, sagt Moritz Huber „Ich glaube, das spielt eine große Rolle.“

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