„Haben Sie noch einen Augenblick Geduld", wiederholt die blecherne Stimme zum elften Mal. Die Musik im Hintergrund ist nervtötend und unmöglich auszublenden. Es ist mein fünfter Versuch, jemanden von der Wien Energie zu erreichen. Seit 15 Minuten hänge ich in der Warteschlange. Genauso gestern Abend und heute morgen. In der Zwischenzeit habe ich zweimal versucht, den Live Chat zu erreichen. Ohne Erfolg. Das Zimmer um mich ist stockdunkel.
Wo alles anfing
Es ist ungefähr 18:30 Uhr, als ich montags Nachhause komme. Ich habe meinen Wocheneinkauf getätigt, meine Arme sind beladen mit Joghurt, Nudeln, Salat und Ben&Jerrys Eiscreme, die Sorte Schokoladenbrownie, die das dreifache von dem kostet, was man bereit sein sollte, für Eis auszugeben.
Mit dem Ellbogen drücke ich gegen den Lichtschalter meiner Wohnung. Nichts passiert. Ich drücke den Schalter wieder nach oben. Wieder nach unten. Nichts. Irritiert, aber noch nichts allzu böses ahnend, werfe ich den Einkauf auf das Sofa neben der Eingangstür und gehe in die Küche. Ich schalte testweise den Ofen und den Herd an. Auch hier tut sich nichts.
Als die erwachsene, unabhängige Frau, die ich bin, weiß ich natürlich, was im nächsten Schritt zu tun ist. Entschlossen rücke ich meinen Schreibtischstuhl in den Vorraum und platziere ihn unter dem Sicherungskasten. Einmal raufgeklettert, mit der Handytaschenlampe in der Hand, werfe ich einen kennerischen Blick ins Innere. Dann öffne ich Google. „Welche Schalter müssen im Sicherungskasten oben sein“, tippe ich. „Alle“, lautet die Antwort. Tja, das ist leider der Fall.
Mama und Papa wissen Bescheid
Zeit, meine Eltern anzurufen. Mein Vater hebt ab, wie er es immer tut, unabhängig von seiner Lebenslage. Diesmal sitzt er auf einem Fahrrad, auf dem er neben meiner Mutter durch Italien radelt. Nach kurzer Diskussion haben die beiden schließlich eine Antwort für mich parat. Meine Mitbewohnerin, von der ich die Hauptmiete erst vor wenigen Tagen übernommen habe, muss den Strom abgemeldet haben.
Jetzt, wo sie es sagen, kommt mir die Information durchaus bekannt vor. Irgendwas hat meine ehemalige Mitbewohnerin erwähnt, aber es ist mir damals zwischen neuem Wlan-Vertrag, Haushaltsversicherung und Sofaablöse wohl nicht wichtig genug erschienen, um mir darüber weiter Gedanken zu machen.
Also klemme ich mich hinter meinen Laptop, den hatte ich glücklicherweise im Büro aufgeladen, und mache mich daran, einen neuen Vertrag abzuschließen. Das geht überraschend einfach, die Zeit hätte ich mir auch problemlos schon vor zwei Wochen nehmen können. Ganz wichtig, das Startdatum. Ab wann will ich mit Strom beliefert werden? Heute, bitte. Nachdem ich auf den letzten Button geklickt habe, bleibe ich zehn Minuten lang im stillen, dunklen Raum sitzen. Dann gehe ich zum Lichtschalter. Klick. Nichts. Einen Versuch war es wert.
Nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas gut ist
Als ich am nächsten Morgen aufwache, gehe ich als erstes an mein Handy. Sollte man eigentlich nicht, ich weiß, aber ich will sehen, ob es inzwischen wieder mit dem Wlan verbunden ist. Fehlanzeige. Hoffnungsvoll probiere ich mich am Lichtschalter. Immer noch nichts. Mein Eisfach ist inzwischen abgetaut, der Kühlschrank fühlt sich nicht kälter an, als die Luft am Balkon an diesem heißen Sommertag.
Im Büro stoße ich auf wenig Mitgefühl gegenüber meiner misslichen Lage. Stattdessen findet der Chefredakteur meine Blackout-Geschichte nun doch äußerst erzählenswert. Jetzt, wo ich ein persönliches, authentisches Trauma damit verbinde, scheint die Story spannend genug zu sein. Ich willige ein. Es gibt nichts, was im modernen Kapitalismus nicht verwertet werden könnte.
Abends dusche mit dem Licht meines Laptops. Es ist heller als erwartet, eigentlich kein großes Problem. Nur beim Shampoo greife ich zweimal nach der falschen Flasche. Außerdem drücke ich jedesmal reflexartig den Lichtschalter, wenn ich wieder ins Bad gehe.
Eingeschränktes Homeoffice
Am nächsten Tag soll mein Büro umziehen, wir arbeiten also alle im Homeoffice. Kein guter Zeitpunkt für mich. Ich habe jede Menge Menschen anzurufen, einen wichtigen Artikel zu schreiben und keinen Ort, um meinen Laptop anzustecken. Die mobilen Daten meines Smartphones neigen sich dem Ende zu.
Eine Zeit lang sitze ich bei Thalia. Die Ledersofas sind bequem und die Ladestationen langsam, aber zuverlässig. Nur kommt telefonieren mit Lautsprecher (um das Telefonat aufzeichnen zu können) auf Dauer dort nicht besonders gut an. Dann kommt mir eine Idee. Ich wandere erneut die Mariahilferstraße entlang, zurück nach Hauses, denn im Keller gibt es einen Wäscheraum. Wenn ich mich recht erinnere, ist neben dem Lichtschalter eine Steckdose.
Leider ist mein Kabel zwar etwas zu kurz, um den Laptop auf den Boden zu stellen, aber wenn ich ihn umständlich auf meinem Schoß platziere, kann ich einigermaßen bequem weiterarbeiten und habe für die Redaktionskonferenz später meine Ruhe. Nur die eine Waschmaschine läuft und macht dabei ein wenig Lärm, das kann ich aber ausblenden.
Ich habe seit zwei Monaten nicht mehr geraucht. An diesem Abend werde ich rückfällig. Ich sitze am Balkon und telefoniere mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin. Sie erzählt, bei ihrem Einzug sei ihr damals dasselbe passiert. „Sowas passiert dir einmal und nie wieder“, lacht sie. Inzwischen habe ich wenigstens die wichtigsten Informationen von meinem Stromanbieter. Sobald die Anmeldung von Wien Energie bei den Wiener Netzen eingelangt ist, kann es sich nur mehr um Stunden handeln (um bis zu 48 Stunden).
Von Schock bis Annahme
Am vierten und fünften Tag habe ich mich weitgehend mit meinem Schicksal abgefunden. Eine neue Routine habe ich auch etabliert. Duschen, bevor die Sonne draußen untergeht und die Arbeitszeit verbringe ich abwechselnd bei Thalia, Starbucks und in meinem Wäschekeller.
Wenigstens einen Vorteil hat meine Situation, ich kann mit gutem Gewissen jeden Tag essen gehen. „Einmal am Tag braucht der Körper was Ordentliches“, hat meine Mutter immer gesagt. Das nehme ich mir gerne zu Herzen. Nachdem ich mich den ganzen Tag von Rohkost und Billa-Brötchen ernähre, gönne ich mir zum Abendessen jeweils einen Restaurantbesuch.
Schließlich bekomme ich vom Wiener Netze-Live Chat die befreiende Information, der Strom geht wieder. Nur muss ich ihn jetzt noch selber einschalten. Schön, wenn die Techniker einem so viel zutrauen. Ich streife durch unser ganzes Haus, befrage eine Nachbarin, telefoniere mit der Hausverwaltung und dem Hausbetreuer.
Schließlich habe ich alle Infinity Stones gesammelt, um den Stromkasten zu finden, ich kann diesen jetzt auch öffnen und den Strom wieder einschalten. Ich betrete meine Wohnung und die Deckenlampe brennt. Ich fühle, als würde ich am Ende meiner Heldenreise den wertvollen Schatz finden. Meine ganze 60er-Jahre-Wohnung scheint in goldenes Licht getaucht.
Erleichtert lasse ich mich auf das Sofa fallen. Heute Abend werde ich endlich die Süßkartoffeln kochen können, auf die ich mich schon seit Montag freue.
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