Campus a: Haben Sie als Weltmeisterin fünf konkrete Tipps, mit denen Studierende sofort besser lernen können?
Luise Maria Sommer: Ich möchte den Spieß lieber umdrehen. Suchen Sie sich aus den Tipps, die gleich noch kommen, Ihre vier persönlichen Favoriten aus und setzen Sie zumindest zwei davon in kleinen Schritten wirklich um, das bringt mehr als fünf neue Tipps, die dann doch nur auf dem Papier bleiben.
Sie sind Gedächtnisweltmeisterin, Autorin und Memo-Coach. Wie kam eine Pädagogin und Dolmetscherin dazu, sich ihrem Gedächtnis so zu widmen?
Das begann eher zufällig. In einem Vortrag lernte ich die Mnemotechnik der alten Griechen kennen. Das sind Methoden, um sich Inhalte leichter zu merken, indem wir diese in Bilder oder Geschichten verwandeln und diese mit bekannten Orten verknüpfen. Ich probierte sie mit überraschendem Erfolg aus und war sofort begeistert. Zunächst trainierte ich junge Menschen und nahm später dann selbst an Wettbewerben teil. Daraus wurden österreichische Meistertitel, ein Guinness-Rekord und schließlich der Titel Senior World Memory Champion.
Sie galten früher als vergesslich. Was war der Wendepunkt?
Ich hatte tatsächlich oft das Gefühl, vergesslicher zu werden. Der Wendepunkt kam nach diesem Vortrag, von dem ich gerade sprach. Ein gutes Gedächtnis ist keine Frage der Begabung, sondern der Methode, jede und jeder kann sie lernen. Als ich begann, bewusst mit Bildern und Verknüpfungen zu arbeiten, merkte ich mir plötzlich viel mehr.
Gibt es Menschen, die grundsätzlich ein schlechtes Gedächtnis haben?
Ich glaube, viele Menschen unterschätzen ihr Gedächtnis. Entscheidend sind Aufmerksamkeit, Interesse, die richtige Technik und vor allem der Wille. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede, ein gutes Gedächtnis lässt sich aber in jedem Alter trainieren.
Welche Tipps helfen sofort?
Volle Aufmerksamkeit statt Multitasking, das ist meine erste Regel. Zweitens hilft es, neue Inhalte mit dem eigenen Vorwissen zu verknüpfen. Drittens lohnt sich Wiederholung. Wiederholen Sie den Stoff anfangs häufiger, später in größeren Abständen, manchmal auch auf kreative Weise, etwa mit der Frage, wie Sie es einem wissbegierigen siebenjährigen Kind erklären würden. Auch Bewegung, ausreichend Wasser und Schlaf unterstützen das Lernen.
Viele Studierende markieren im Skript und lesen es dann mehrfach durch. Die Lernforschung hält ausgerechnet diese beiden Methoden für wenig wirksam. Was raten Sie stattdessen?
Markieren und wiederholtes Lesen fühlen sich zwar nach Lernen an, bringen aber zu wenig. Das Gehirn merkt sich viel besser, was es selbst verarbeitet hat. Fassen Sie Gelerntes deshalb unbedingt in eigene Worte, am besten schriftlich, denn Handschrift hilft beim Merken, zum Beispiel auf einer Mindmap. Für auditive Typen funktioniert auch lautes Sprechdenken, bei dem Sie das Wichtigste einfach laut zusammenfassen. Noch wirksamer ist es, sich selbst Fragen zum Text zu stellen und diese etwa bei einem Waldspaziergang zu zweit zu beantworten, das bringt zusätzlich Austausch und Bewegung. Mein Lieblingstest bleibt die Frage, ob Sie das Gelernte einem neugierigen siebenjährigen Kind erklären könnten. Wenn ja, haben Sie es wirklich verstanden.
Schadet es, alles zu googeln oder die KI zu fragen und im Handy zu speichern?
Digitale Hilfsmittel sind sinnvoll, aber wir sollten nicht jede Denkarbeit abgeben. Nach dem Googeln lohnt sich der bewusste Satz „Das merke ich mir“. Je mehr Orientierungswissen wir im Kopf haben, desto leichter kann dort Neues andocken.
Verändert KI, wie Studierende sich Wissen aneignen, und was bedeutet das für das Gedächtnis?
Lernen bedeutet immer, Neues mit bereits vorhandenem Wissen zu verknüpfen und sozusagen andocken zu lassen. Genau hier liegt die Gefahr bei ChatGPT und Co. Viele fragen zu schnell nach, bevor sie überhaupt überlegt haben, was sie selbst schon zu einem Thema wissen. Fragen Sie sich deshalb vor jeder KI-Anfrage kurz, was Sie eigentlich schon dazu wissen. Je besser Ihr vorhandenes Orientierungs- und Strukturwissen ist, desto leichter lassen sich neue Informationen dort verknüpfen, und desto besser können Sie KI auch nutzen. Machen Sie daraus ruhig eine kleine Challenge unter Mitstudierenden – nicht, wer das neueste Smartphone, sondern wer das klügste Smartbrain hat. Wer sich immer weniger selbst merkt, lässt sein Gedächtnis verkümmern. Nicht umsonst wurde „Brainrot“ 2024 zum Wort des Jahres gewählt.
Sie haben selbst unter Wettkampfdruck abgeliefert. Was hilft gegen einen Blackout in der Prüfungssituation?
Mein Rezept gegen den Blackout besteht aus drei Zutaten: Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung. Die inhaltliche Vorbereitung habe ich bereits beschrieben. Zusätzlich hilft es, die Prüfungssituation im Geiste durchzuspielen, etwa mit jemandem, der Sie abfragt, notfalls tut es auch ein Stofftier, dem Sie selbstsicher Ihre Antworten geben. Nutzen Sie dabei die Macht der Bilder, nicht nur beim Merken des Stoffs, sondern vor allem, wenn Sie sich selbst in ruhigen Momenten in der Prüfung sehen, auf einer Parkbank, im Zug oder abends vor dem Einschlafen, so konkret und positiv wie möglich. Mein Geheimtipp nutzt das olfaktorische Gedächtnis. Finden Sie Ihren Lieblingsduft, setzen Sie ihn beim Lernen unaufdringlich ein, etwa am Handgelenk, und schnuppern Sie in der Prüfungssituation daran.
Wie sieht eine gute Lerneinheit ganz konkret zeitlich aus, also wie lange am Stück und mit welchen Pausen?
Das Prinzip der Pomodoro-Technik, konzentriertes Arbeiten mit einem Küchenwecker, ist wahrscheinlich bekannt, Sie müssen es aber für sich selbst abwandeln. Bei mir sind 45 bis 50 Minuten die ideale, ununterbrochene Fokuszeit. Wichtig ist dabei das Handy in den Flugmodus zu versetzen. Danach folgen etwa 10 bis 15 Minuten Pause, möglichst abwechslungsreich und immer mit Bewegung kombiniert, zum Beispiel Dehnen, Strecken oder kurz Rausgehen. Nach drei solchen Durchgängen, etwa am Vormittag, kommt eine längere Pause, am Nachmittag wiederholen sie das Ganze. Wenn nötig, hängen Sie noch eine Abendeinheit an, aber bitte ohne Horrorfilm als Belohnung danach, denn die retroaktive Hemmung verhindert dann das Vernetzen und Einsinken des Gelernten.
Welchen Rat geben Sie Studierenden zum Semesterstart?
Planen und genießen Sie Ihre wohlverdienten Pausen nach intensiven Lerneinheiten, am besten in der Natur und immer wieder auch ohne Handy.
Sie haben uns am Anfang aufgetragen, uns Favoriten herauszusuchen. Welchen Tipp legen Sie uns zum Schluss noch ans Herz?
Haben Sie sich einige Tipps gemerkt, die ich bisher genannt habe? Wenn ja, haben Sie schon etwas gelernt. Als fünften Tipp: Sehen Sie Ihr Lernen im größeren Zusammenhang. Ein kluger Kopf hat einmal gesagt, Lernen sei Vorfreude auf sich selbst. Setzen Sie sich klare Ziele, lernen Sie nicht nur für die Prüfung, sondern freuen Sie sich über Ihr wachsendes Wissensnetz. Und: Werden Sie außerdem zum „Heavy Reader“ und kultivieren Sie Ihr Lesen. Tauchen Sie auch in fachfremde Gebiete ein, etwa als Technikerin in die Philosophie oder als angehender Historiker in die Quantenphysik. Jean Paul Sartre hat einmal gesagt, Lesen sei gelenktes Schaffen. Autorinnen und Autoren liefern den Text, erst durch Ihr Lesen und Hindurchgehen wird er lebendig. Bleiben Sie neugierig, verknüpfen Sie fleißig und genießen Sie Ihr wachsendes Wissensnetz.
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