Der Briefkasten klappert, als Rebecca Schweisgut ihn aufmacht. Zwischen Werbung und Rechnungen liegt da auch ein handbeschriebener Umschlag. Hat Pippa aus den Niederlanden geschrieben oder doch Emma aus Idaho? Zwar schreiben die beiden Brieffreundinnen, die Rebecca als Jugendliche über die Plattform PenPals kennenlernte, ihr immer seltener, doch der Kontakt bleibt nie ganz aus.
Seit sie 13 oder 14 Jahre alt war, schreibt Rebecca mit ihren Brieffreundinnen Pippa und Emma. „Ich fand das irgendwie romantisch“, sagt sie. Die Idee, mit Menschen aus anderen Ländern regelmäßig Briefe auszutauschen, habe sie damals fasziniert. Anfangs schrieben die drei zumindest alle drei Monate lange Briefe, häufig legten sie Teebeutel, getrocknete Blumen oder andere Kleinigkeiten bei. Sie wollten den anderen etwas über ihren Alltag erzählen.
Zeit für Gedanken
Heute haben sie seltener Kontakt. Meist schicken sie einander Postkarten und bleiben zusätzlich über soziale Medien in Verbindung. Trotzdem sind die Briefe für Rebecca etwas Besonderes geblieben. „Ich schätze das viel mehr wert als eine Nachricht über Instagram“, sagt die 22-Jährige. Während Nachrichten zwischen hunderten anderen Chats schnell verschwinden, sei ein Brief etwas, das bleibt.
Genau das ist es, was Rebecca an den Briefen schätzt. Sie liebt das Langsame, die Entschleunigung. Eine Nachricht auf dem Smartphone ist innerhalb weniger Sekunden verschickt und beantwortet. Für einen Brief muss sie sich bewusst Zeit nehmen, sie kann ihn nicht einfach nebenbei beantworten.
Österreicher verschicken weniger als halb so viele Briefe wie 2010
Die Bedeutung klassischer Briefe nimmt seit Jahren ab. Österreicher schreiben seit Jahren kontinuierlich weniger Briefe, im Schnitt rund sechs Prozent weniger pro Jahr. Während die Post hierzulande 2010 noch rund neun Milliarden Briefe zustellte, sind es heuer nur noch etwa vier Milliarden.
Gleichzeitig machen WhatsApp, Instagram oder E-Mails Kommunikation heute jederzeit möglich. Allein über WhatsApp und Instagram sind jeweils mehr als 3 Milliarden Menschen weltweit erreichbar. 2026 werden weltweit schätzungsweise 392,5 Milliarden E-Mails pro Tag verschickt, also rund 4,5 Millionen pro Sekunde. Umso ungewöhnlicher ist es da, wenn Menschen bewusst zu Papier und Stift greifen. Für campus a-Kollegin Anna Patsch liegt genau darin der Reiz. „Einmal im Monat setze ich mich hin, denke nach und schreibe einen Brief“, sagt sie. „Das hat für mich wirklich einen meditativen Charakter.“
Eine Überraschung im Briefkasten
Für Anna beginnt die Freude, bevor sie den neuesten Brief überhaupt liest oder schreibt. „Das Schöne daran ist, ich freue mich auch tatsächlich darüber, an den Postkasten zu gehen“, sagt sie. „Da sind ja sonst nur Rechnungen und Werbeprospekte drin. Ein handgeschriebener Brief ist dazwischen eine sehr angenehme Überraschung.“
Anna schreibt mit Kilian, einem Freund aus ihrer Schulzeit. Seit ihrer abgeschlossenen Matura schicken sich die beiden regelmäßig handgeschriebene Briefe. Zwar stehen sie auch über das Smartphone in Kontakt, Kurznachrichten seien jedoch nie ihre bevorzugte Form der Kommunikation gewesen. „SMS oder Telefonieren waren einfach nie so unser Ding“, sagt sie. „Das nutzte ich normalerweise eher, um ein Treffen zu vereinbaren.“
Stattdessen schreiben sie einander einmal im Monat. Sie erzählen von Neuigkeiten aus ihrem Alltag, berichten von Erlebnissen und schreiben über Gedanken, die sie beschäftigen. „In den Briefen formuliere ich alles sehr bewusst“, sagt Anna. Da liege der entscheidende Unterschied zur digitalen Kommunikation. „Ich überlege dann auch wirklich, was passiert ist“, sagt sie. „Das geht tiefer.“
Mehr als nur Papier?
Briefe sind für Anna und Rebecca mehr als nur die Kommunikation mit Freunden. Schon der Umschlag, die Handschrift und das Papier machen Briefe für sie persönlich. „Handschrift ist auch ein Charakterding“, sagt Anna. „Da erfahre ich so viel über die Emotionen der Person.“
Die Bedeutung der Briefe endet für beide Frauen auch nicht, wenn sie die Briefe gelesen haben. Sowohl Anna als auch Rebecca heben ihre Briefe bis heute auf. Sie sind Erinnerungsstücke an Menschen, Erlebnisse und eine bestimmte Zeit im Leben.
Für Rebecca gilt das auch für die Briefe von Pippa und Emma. Die Brieffreundschaften haben sich verändert, sie schreiben seltener, und manchmal auch online. Doch die alten Briefe bleiben.
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