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Hohe Suizid-Rate in Österreichs U-Haft

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Volontär · Fachhochschule Wien der WKW
22.07.2026
5 Min.

EXKLUSIV. Mindestens jeder zweite Todesfall in Österreichs Untersuchungshaft ist ein Suizid. Das zeigen bisher unveröffentlichte Daten des Justizministeriums. Schuld ist nach Meinung von Experten nicht die Justiz, sondern die Politik, die ihr die nötigen Mittel für menschenwürdige Bedingungen in der schwierigen Phase der U-Haft verweigert.

Justizanstalt Josefstadt: Hier sitzen die mit Abstand meisten U-Häftlinge in Österreich ein. (Foto: APA-Images / KURIER / Juerg Christandl )

Ein 23-jähriger Student greift seine Mutter an und randaliert wenig später in einem Einkaufszentrum. Wegen Tatbegehungsgefahr landet er in Untersuchungshaft. Am Morgen des 10. Mai ist er tot. Mithäftlinge in der Gemeinschaftszelle der Justizanstalt Josefstadt entdecken die Tragödie. Der Student hat sich das Leben genommen. Der Fall sorgte für Schlagzeilen und eine Debatte über die Zustände in der Untersuchungshaft. Eine campus a-Recherche zeigt nun: Es handelte sich um keinen Einzelfall. 

Daten des Justizministeriums

Ausgangspunkt der Recherche war eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz im Justizministerium: Wie viele Menschen sterben in österreichischer Haft und woran? Nach vier Wochen kam die Antwort. Zwischen 2015 und 2024 gab es insgesamt 387 Todesfälle, 101 davon waren Folge eines Suizid. 

Ein näherer Blick auf diese Zahlen zeigt ein eindeutiges Muster. In der Strafhaft, also nach dem Prozess und dem Urteil des Gerichtes, ist nicht einmal jeder fünfte Todesfall ein Suizid. In der Untersuchungshaft ist es mit 52,8 Prozent mehr als jeder zweite. 38 von 72 im genannten Zeitraum verstorbene Untersuchungshäftlinge starben von eigener Hand. Selbst im Maßnahmenvollzug, der Haftform für psychisch kranke Rechtsbrecher, gab es weniger Suizide.

Dunkelziffer

Unter die „sonstigen Todesursachen“, eine in der Anfragebeantwortung des Justizministeriums eigens ausgeweisene Kategorie, könnten weitere Suizide fallen. „Die Kategorie ‚Sonstige‘ umfasst insbesondere die Todesursachen natürlicher Tod, gewaltsamer Tod beziehungsweise Überdosis, Unfall oder ungeklärte Todesursache“, heißt es dazu im Schreiben des Ministeriums.

Wer also in einem österreichischen Gefängnis an einer Überdosis stirbt, etwa weil er Medikamente hortet und sie auf einmal einnimmt, scheint nicht bei den Suiziden auf. Ebenso wenig wie Todesfälle mit ungeklärter Ursache, von denen ebenfalls ein Teil auf Suizide entfallen könnte. Bei den 72 in U-Haft Verstorbenen blieben 34 Todesursachen ungeklärt, also fast die Hälfte.

Eine einfache Erklärung scheint sich dafür anzubieten: In der Strafhaft sitzen Menschen jahrelang. Sie sterben an Krankheit oder Altersschwäche, was zwangsläufig einen im Vergleich zur U-Haft viel niedrigere Anteil an Suiziden ergibt. Doch diese Erklärung greift bei näherer Betrachtung zu kurz. Denn nur ein Drittel aller Häftlinge sitzt in U-Haft, und das viel kürzer als in der Strafhaft. Dass zwischen 2015 und 2024 trotzdem fast gleich viele U-Häftlinge (38) wie Strafhäftlinge (39) sich das Leben genommen haben, muss also andere Gründe haben. 

Fehlende Ressourcen

Das Justizministerium wollte zu diesen Daten nach telefonischen und schriftlichen Anfragen von campus a keine weitere Stellungnahme abgeben. Expertinnen und Experten sehen die Ursachen für die vielen Suizide in U-Haft allerdings gar nicht bei der Justiz oder beim Strafvollzug, sondern bei der Politik, die falsche Regelungen trifft und mangelnde Ressourcen für einen menschenwürdigen Vollzug der U-Haft bereitstellt. 

Den renommierten Strafverteidiger Werner Tomanek etwa, der seit Jahrzehnten Mandanten in der Josefstadt betreut, überrascht der Befund nicht. „Es hat sich inzwischen ja herumgesprochen, wie überladen die Haft ist. In der U-Haft geht den Insassen dann auch noch auf jeder Ebene mehr ab als im tatsächlichen Vollzug, also in der regulären Strafhaft nach dem Urteilsspruch. Dass ein Mensch, über den kein Gericht befunden hat, nur zweimal in der Woche duschen darf, ist ein Skandal“, sagt der Anwalt. Die Untersuchungshaft werde außerdem zu inflationär verhängt und lasse sich nahezu endlos verlängern. 

Sensibilität gefragt

In der Josefstadt, der größten Haftanstalt des Landes, sind von 78 vorgesehenen psychiatrischen Wochenstunden nur 18 besetzt. Die Anstalten sind überbelegt, die Justizwache ist unterbesetzt. Unter diesen Bedingungen Suizidgefahr zu erkennen ist schwierig. Beamte und Ärzte treffen so im Minutentakt Entscheidungen, für die eine Stunde nötig wäre.

Dabei wäre in der U-Haft besondere Sensibilität und deshalb auch ein erhöhter Aufwand an Betreuung erforderlich. Hier sitzen Menschen ein, die ihre Verhaftung unmittelbar aus ihrer vertrauten Umgebung und ihrem sozialen Umfeld gerissen hat und die sich unversehens in einem rund um die Uhr überwachten kahlen Raum wiederfinden. Ohne Schuhbänder, was Suizide womöglich weniger verhindert als die Gedanken darauf lenkt. 

„Ich halte mich für einen psychisch recht widerstandsfähigen Menschen“, sagt eine ehemalige österreichische Politikerin, die wegen einer inkriminierten Verwendung von Geldern der öffentlichen Hand in Untersuchungshaft landete. „Doch als ich mich nachts in dieser schrecklichen Zelle wiederfand, dachte auch ich daran, mir das Leben zu nehmen.“ Die ihr angebotenen Psychopharmaka habe sie gerne genommen, obwohl sie zu diesem Mittel weder davor noch danach je gegriffen hat.

Namentlich genannt werden will sie nicht, ebenso wenig wie ein auf Häftlinge spezialisierter langjähriger Psychiater, der politische Konsequenzen für allzu offene Worte fürchtet. „Die Strafhaft ist hart, aber sie hat eine Erzählung: ein Urteil, eine Frist, ein absehbares Ende. Die Untersuchungshaft kennt diese Erzählung nicht. Sie ist ein Warten.“

Internationaler Vergleich

Ein direkter Vergleich der österreichischen U-Haft-Daten mit anderen Ländern liegt campus a nicht vor. Dennoch interessant ist ein genauerer Blick in die sogenannten SPACE-Statistik des Europarats. Sie erfasst und vergleicht jährlich die Gefängnisbelegung und die Bewährungssysteme in den europäischen Staaten. Civio, eine spanische gemeinnützige Organisation, die mit Datenjournalismus für Transparenz und Verantwortlichkeit in Politik und Verwaltung kämpft, hat auf Basis dieser Daten Suizide von nicht rechtskräftig Verurteilten miteinander verglichen. 

Auch hier schneidet Österreich denkbar schlecht ab. Demnach kommen hierzulande 47,3 Suizide auf 10.000 nicht rechtskräftig verurteilte Häftlinge. Der europäische Schnitt liegt bei 17,5 Suiziden. Nur Tschechien (51 Suizide je 10.000 nicht rechtskräftig Verurteilten) und Lettland (50,3 Suizide) liegen in diesem traurigen Ranking vor Österreich. Wobei die tschechischen Zahlen mit den österreichischen aufgrund anderer Haftstrukturen nicht vergleichbar sind.

Ohne Urteil

In den Daten, die das Justizministerium campus a in der Anfragebeantwortung übermittelt hat, fehlt ein Opfer. Jener 23-jährige Student, der, offenbar psychisch verwirrt, seine Mutter angegriffen hatte. Sein Fall datierte mit dem Jahr 2025, das in der aktuellen Statistik noch nicht enthalten ist. Fest steht: Er bleibt, wie so viele U-Häftlinge vor ihm, ohne Urteil.

Hilfe im Krisenfall: Wenn Sie selbst von Suizid-Gedanken betroffen sind oder jemanden kennen, der Unterstützung braucht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenlos unter 142 erreichbar. Bereit steht auch die Hotline von „Rat auf Draht für Kinder und Jugendliche unter der Nummer 147. Weitere Anlaufstellen unter suizid-praevention.gv.at.








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