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Honig von den Dächern Wiens: Warum Bienen die Großstadt lieben

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Volontärin · Universität Wien
23.05.2026
5 Min.

Bienen leisten einen großen Beitrag für uns und die Natur. Während ihr Überleben durch Klimawandel, Intensivlandwirtschaft und falsche Flächenpflege bedroht ist, boomt in Wien seit den 2010er-Jahren eine kleine, unauffällige Revolution auf den Dächern: die urbane Bienenwirtschaft.

Matthias Kopetzky scheut keine Bienenstiche und kümmert sich ohne Schutzkleidung und Handschuhe um seine Honigbienen. (Foto: Julia Höllhuemer)

Mitten in der Stadt, zwischen Beton und Straßenlärm, summt es auf einer Dachterasse in Meidling. Ausgerechnet hier, wo man es am wenigsten erwarten würde, finden Honigbienen ideale Lebensbedingungen. Matthias Kopetzky, Gründer der Wiener Bezirksimkerei, betreut den Großteil von rund 200 Bienenvölkern auf den Dächern Wiens. So auch hier in der Eichenstraße in Meidling, auf der Dachterasse direkt über seinem Büro.

„Für die Honigproduktion ist die Hauptstadt der ideale Ort“, sagt Kopetzy. Zusammen mit drei weiteren Imkerinnen betreut er die Hauptstadtbienen. Dass sich Honigbienen ausgerechnet hier besonders wohlfühlen, mag widersprüchlich klingen, stimmt aber. Wien hat die größte Biodiversität in Österreich, auf dem Land ist die niedriger. Das liege an der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Fläche, sagt Kopetzky. Durch den Verlust von strukturreichen Lebensräumen finden viele Insekten dort weniger Nahrung und Rückzugsräume. 

Kopetzky blickt von der Dachterrasse direkt zu den Balkonen der Nachbarn. Die Bienenstöcke würden sie aber gar nicht mitbekommen. „Bienen sind standorttreu, interessieren sich auch nicht für Essen. Wir grillen hier oben sogar, das ist gar kein Problem.“

„Land ist noch sehr weit hinten“

„Am Land ist man gedanklich und geistig noch sehr weit hinter dem, wo wir eigentlich hinmüssen.“ Ein Blick in die Gärten genüge, um das zu sehen, so Kopetzky. „Da fahren dauernd Rasenmähroboter herum, da bleibt keine einzige Blüte stehen“, sagt der Imker. Viele würden bei der Gartengestaltung außerdem auf Pflanzen wie die beliebte Kirschlorbeerhecke setzen. „Die sind nichts, außer giftig.“, so Kopetzky. Wien mache das besser, mit kleinen ungesteuerten Grünflächen und einer hohen Vielfalt an Bäumen und Pflanzen durch die Stadtparkplanung. 

Zudem seien klimatische Extremwetterereignisse in der Stadt weniger zu spüren als in ländlichen Gebieten. Sogar Wildbienen mögen das urbane Umfeld. „Die gibt es in Österreich nirgends so zahlreich wie in der Hauptstadt.“, sagt Kopetzky. „Hier ist es etwas wärmer als am Land, das lieben die Bienen.“ 

Hier über seinem Büro stehen fünf Bienenstöcke. Ohne Schutzkleidung oder Handschuhe holt Kopetzky die einzelnen Rahmen voller Bienen heraus. Kopetzky bewegt sich ganz langsam, aber bestimmt. Er hat keine Angst vor seinen Schützlingen, Bienen sehen einen gar nicht, wenn man stillsteht. Ganz verhindern kann er Stiche aber auch nicht, schon weil er bei der Arbeit keine unbequeme Schutzkleidung tragen will. „Aber Bienenstiche sind eh gesund.“

Landhonig teils stärker belastet als Stadthonig

Stadthonig sei von der Qualität nicht schlechter als Landhonig, sagt Thomas Zelenka, Imker der Uni Wien. Ganz im Gegenteil: Aufgrund von Pflanzenschutzmitteln, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, finde man in ländlichen Honigproben vereinzelt sogar mehr Rückstände von Schadstoffen.

Von einer Belastung des Honigs könne man in Österreich auch in ländlichen Gebieten nicht sprechen, so Kopetzky. Die Pestizide würden eher den Bienen als dem Produkt schaden. „Sie filtern fast alles heraus, was nicht in den Honig gehört. Das kann sie extrem schwächen und auch töten.“ Die Luftqualität habe auf den Honig auch keinen Einfluss: „Die Blüten sind nie lange genug offen, um Abgase aufzunehmen.“ 

Ob nun städtischer oder ländlicher Honig besser schmecke, könne man nicht allgemein festmachen, sagt Kopetzky. Dazu gäbe es bis jetzt noch keine Forschung, geschmackliche Unterschiede könne er sich jedoch gut vorstellen. Alleine die verschiedenen Vorgehensweisen, etwa eine Tendenz zur zweifachen Ernte im Frühjahr und Sommer am Land, würden den Geschmack mit Sicherheit beeinflussen. Und auch die jeweils dominierenden Pflanzensorten, welche die Bienen ansteuern, bestimmen das Aroma.

Kopetzky fasst vorsichtig an die Ecken einer der Platten im Kasten und zieht sie langsam heraus. Die Bienen krabbeln wild durcheinander. Kein Tierchen ist einzeln zu erkennen. Er bückt sich und betrachtet das Gewusel ganz genau. „Hier muss sie irgendwo sein”, sagt er leise und kneift die Augen zusammen. Schnell erkennt er die Königin zwischen all den Drohnen und Arbeiterinnen. Für Laien wäre das unmöglich, sie ist nur etwas größer als der Rest.

 „Da kann man ein Bison hinstellen, aber keine Wildbienen“

Wenn Kritiker behaupten die Bienenwirtschaft würde die Nahrungskonkurrenz zwischen Wildbienen und Honigbienen verschärfen, können das die beiden Imker nicht nachvollziehen. Die Bienenarten hätten schon immer nebeneinander koexistiert. Die Debatte spiele lediglich „die Guten“ gegeneinander aus. „In Wahrheit ist der Mensch an der Zerstörung des Lebensraumes der Waldbiene schuld.“, so Zelenka. 

Die Kritik sei in sich schon widersprüchlich und nicht wissenschaftlich fundiert. Während die Magistratsabteilung für Umweltschutz Orte für die Ansiedelung von Honigbienen schließt, um die Wildbienen zu schützen, stelle die Stadt gleichzeitig die richtige Bearbeitung dieser Flächen ein. Auf ehemaligen Magerwiesen blühe heute beispielsweise gar nichts mehr: „Es wächst dort nur noch Gras.“, sagt Kopetzky. „Da kann man einen Bison hinstellen, aber keine Wildbienen.“ 

Falsche Flächenbearbeitung „zerstört ganze Populationen“

Die Nahrungskonkurrenz zwischen den Bienenarten sei also nicht das Problem, sondern die fehlenden Blühflächen und Nistmöglichkeiten, so Kopetzky. „Wenn ich in Wien jeden Straßenrand immer bis auf fünf Millimeter abmähe, dann nehme ich ihnen die Habitate weg, in denen sie sich vermehren können.“ Die Kreiselmäher der Stadt würden außerdem nicht nur das Gras zerkleinern, sondern auch alle Insekten töten, die darin unterwegs sind, sagt Kopetzky. „Da werden ganze Populationen zerstört. Und das in einem Gebiet, in dem man behauptet, die Honigbienen würden die Wildbienen gefährden.“

Einzelpersonen können gegensteuern und ihren Garten ganz einfach bienenfreundlich gestalten. „Man muss nur die Wildnis zulassen“, sagt Kopetzky dazu. Die Menschen müssten aufhören, alles steuern zu wollen. Viele Pflanzen, die die oft beseitigt würden, seien essenziell für die Biodiversität. Außerdem solle man nur Dinge pflanzen, die natürlicherweise in Österreich wachsen. „Die Insekten sind hier ja auch nur auf die eingestellt.“ 

Die Dachterrasse ist voll mit Hochbeeten und Töpfen, überall stehen verschiedene heimische Pflanzen. Das ist Kopetzky wichtig. Auch am Boden wuchern Gewächse. Sogar ein „besonders hartnäckiger“ Schnittlauch hat sich durch die Waschbetonplatten gekämpft. Kopetzky bewässert die Beete extra für die Bienen. Die mögen das Wasser am liebsten direkt von der Pflanze.

Honigbiene „ein Botschafter für’s Klima“

Der jährliche Weltbienentag am 20. Mai ehrt den slowenischen Imkerpionier Anton Janša. Der wurde an diesem Tag im Jahr 1734 geboren. Heute habe er vor allem symbolischen Wert, so Zelenka. Die Honigbiene sei ein „Botschafter für‘s Klima“, sagt er. „Durch sie werden die Leute vielleicht darauf aufmerksam, wie wichtig alle Insekten für unser Klima sind.“ 

„Der Erinnerungstag ruft den Menschen also vielleicht ein wichtiges Thema ins Bewusstsein. Das geht uns alle etwas an.“, sagt Kopetzky. „Am Ende des Tages sorgen Honig- wie Wildbienen eben auch dafür, dass wir etwas am Teller haben.“ 




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