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Schule: Du merkst erst, dass es besonders war, wenn es vorbei ist

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02.07.2026
4 Min.

Dieser Beitrag unseres Volontärs erschien in der Tageszeitung "Die Presse" und sorgte dort für viel Aufsehen. Wir gratulieren Ensar zu seiner sensiblen Beobachtung und seinem Erfolg damit!

 

Die Schulzeit bleibt für viele Menschen unvergessen. (Foto: shutterstock)

„Ich hasse Schule!“ Wer hat diesen Satz nicht schon einmal gesagt oder zumindest gedacht? Wir stehen früh auf, schleppen uns müde in den Unterricht, schreiben Tests, machen Hausaufgaben und zählen manchmal die Minuten bis zum Läuten. Die Schule scheint etwas zu sein, das wir einfach nur hinter uns bringen müssen. Doch wenn wir sie dann wirklich hinter uns haben, wie ich jetzt mit 14 Jahren meine Zeit in der Mittelschule, kann sich das auch ganz anders anfühlen.

Mir ist oft aufgefallen, dass Erwachsene, wenn sie sich an ihre Schulzeit erinnern, nur selten von Mathematikaufgaben, Vokabeltests oder Arbeitsblättern erzählen. Stattdessen berichten sie von ihren Freunden, von lustigen Momenten und von Lehrern, die sie nie vergessen haben, von Erinnerungen, die noch viele Jahre später ein Lächeln auslösen.

Früher hat mich das gewundert. Ich dachte, die Schulzeit der Erwachsenen sei vielleicht ganz anders gewesen als meine. Doch jetzt beginne ich zu verstehen: Schule ist vielleicht viel mehr, als ich bisher dachte.

Die Sache mit dem Alltag

Das Komische am Alltag ist, dass er sich unendlich anfühlt. Wenn wir jeden Morgen dieselben Menschen sehen, dieselben Wege gehen und dieselben Räume betreten, denken wir automatisch, es würde immer so bleiben. Warum auch? Schließlich scheint noch so viel Schulzeit vor uns zu liegen. Doch während wir mit unserem Alltag beschäftigt sind, vergeht sie. Ein Tag. Eine Woche. Ein Monat. Ehe wir uns versehen, ist ein Schuljahr vorbei.

Ich betrete demnächst meine Schule, den Bildungscampus Sonnwendviertel in Wien Favoriten, ein letztes Mal und dann war’s das. Alle Schuljahre liegen hinter mir, jedes voller kleiner Momente, die mir damals ganz normal vorgekommen sind. Ein seltsames Gefühl.

Nicht nur ein Klassenzimmer

Denn ein Klassenzimmer besteht aus Tischen, Stühlen und vier Wänden. Aber eine Klasse besteht aus Menschen, die jeden Morgen denselben Raum betreten. Erst am Ende verstehen wir wirklich, wie besonders es ist, jeden Tag die gleichen Menschen zu sehen.

Eine Klasse besteht auch aus Gesprächen vor Unterrichtsbeginn, aus gemeinsamen Lachanfällen, aus peinlichen Situationen, über die Jahre später noch alle reden, und aus Freundschaften, die zwischen Hausaufgaben, Pausen und Schulausflügen entstehen.

Da sind unsere Sitznachbarn, jeden Tag die gleichen. Sie sind einfach da – genauso wie unsere Freundinnen und Freunde. Der Klassenwitz, den niemand außerhalb versteht. Dieser eine Lehrer, der immer denselben Spruch sagt. All diese scheinbar gewöhnlichen Augenblicke, in denen doch etwas Besonderes steckt, wenn sie einmal vorbei sind.

Auf einmal ist Schluss

Während das alles passiert, ist es nichts Besonderes. Es ist normal. Wir gehen einfach in die Schule, setzen uns auf unseren Platz, reden, lachen und beschweren uns. Und dann? Auf einmal ist Schluss, und alle gehen ihre Wege. Aus „Wir sehen uns morgen“ wird vielleicht ein „Wir sollten uns irgendwann mal treffen“. Aus täglichen Gesprächen werden Nachrichten, die immer seltener werden.

Vieles, was genervt hat, bekommt mit der Zeit eine andere Bedeutung. Lehrerinnen und Lehrer, die streng waren, sich aber eigentlich Mühe gegeben haben. Regeln, die wir nicht verstanden haben. Situationen, die sich unfair angefühlt haben. Jetzt merken wir, dass vieles nicht so einfach war, wie wir damals gedacht haben.

Natürlich ist das Ende auch aufregend. Etwas Neues beginnt, auf das wir lange hingefiebert haben. Doch beim Aufräumen betrachtet man ein Klassenfoto oder einen alten Stundenplan plötzlich mit anderen Augen. Sie werden zu Erinnerungsstücken. Auch der Schulweg, den wir bald zum letzten Mal gehen, wirkt anders – genauso wie das Schulhaus, das wir früher kaum wahrgenommen haben.

Ein leiser Abschied

Doch selbst der Abschied fühlt sich so normal an, dass er kaum wie ein Abschied wirkt. Tasche packen. Mit Freunden sprechen. Durch dieselben Gänge gehen wie immer. Niemand merkt, wann der Schulalltag zur Erinnerung wird.

Es ist ein leiser Abschied mitten in all der Freude darüber, etwas geschafft zu haben.

Vielleicht haben wir die Gewohnheit, den Wert von etwas erst zu erkennen, wenn es vorbei ist – von Menschen, von Orten, vielleicht auch von ganzen Lebensabschnitten. Vielleicht war Schule nie nur ein Ort zum Lernen, sondern ein Ort voller Geschichten, Fehler, Erfolge, Enttäuschungen und glücklicher Momente – ein Ort, der uns geprägt hat, ohne dass wir es bemerkt haben.

Viele Schülerinnen und Schüler wünschen sich, dass die Schulzeit schnell vorbeigeht. Das ist normal. Doch später werden sie sie vielleicht vermissen – auch wenn sie es nicht sofort zugeben. Dieses Gefühl des Dazugehörens, des gemeinsamen Erlebens. Wie konnten wir das so oft für selbstverständlich halten?

Genießt die Zeit

Meine Botschaft an alle, die nach den Ferien wieder in die Klassenzimmer kommen: Versucht nicht, jeden Schultag perfekt zu genießen. Das wäre unrealistisch. Es wird langweilige Tage geben, anstrengende Tage, Tage, an denen ihr einfach nur nach Hause wollt.

Aber schaut zwischendurch auf. Schaut euch um. Merkt euch die Gesichter. Lacht über die kleinen Witze. Führt Gespräche, die euch später in Erinnerung bleiben werden.

Denn irgendwann wird auch aus eurem Heute ein Gestern. Dann steht ihr vielleicht vor einem Klassenfoto und denkt: Damals wusste ich gar nicht, wie schön diese Zeit eigentlich war.

Die Schule wird uns irgendwann vergessen. Neue Schülerinnen und Schüler werden kommen, Lehrerinnen und Lehrer werden in Pension gehen, und vieles wird verblassen.

Deshalb: Genießt die Zeit, solange ihr da seid. Ich jedenfalls bereue es jetzt, am Ende meiner Mittelschulzeit, so oft gesagt oder gedacht zu haben: „Ich hasse Schule.“