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„In meinen Träumen kann ich noch gehen“

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Volontärin · Universität Wien
03.06.2026
6 Min.

Dominik Ungerank aus Südtirol ist 21 Jahre alt, als er sich im September 2020 mit einem Freund zum Berg Botzer aufmacht. Wenige Stunden später stürzt er kurz vor dem Gipfel 200 Meter in die Tiefe, seitdem ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. Wie geht es ihm heute, als er mehr als fünf Jahre später mit dem Hubschrauber zum Berg zurückkehrt?

Das Bergsteigen musste Dominik Ungerank aufgeben. Seine Leidenschaft für Sport ist geblieben. (Foto: Dominik Ungerank)

Es ist ein sonniger Tag im August 2025. Für Dominik und seine Familie steht ein Ausflug mit dem Hubschrauber an. Ziel ist der Berg, an dem sich im September 2020 sein Leben veränderte. Der Freund, mit dem er damals die Bergtour machte und der ihn nach dem Unfall wiederbelebte, ist ebenfalls mit dabei. Perfekte Wetterbedingungen, genau wie am Tag des Absturzes.

Der Weg zum Gipfel

5. September 2020: Es ist der internationale Tag der Querschnittlähmung, was Ungerank zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß. Für diesen Samstag ist wie immer eine Bergtour geplant, die Wahl fällt auf den knapp 3.250 Meter hohen Botzer im Ridnauntal in Südtirol, Teil der südlichen Stubaier Alpen. „Zu diesem Zeitpunkt war ich schon auf mehr als dreißig Gipfeln, auf dem Botzer allerdings noch nicht“, so Ungerank. „Auf dem Gletscher war ich noch am Seil gesichert, danach hängte ich mich aus. Wenig später, nur etwa 100 Meter unter dem Gipfelkreuz, hielt ich mich an einem Felsen fest. Der brach ab und ich stürzte 200 Meter in die Tiefe.“ Sein Freund eilt zu ihm, bemerkt keinen Herzschlag und beginnt mit der Wiederbelebung.

Die Bergrettung rückt mit dem Hubschrauber an und bringt ihn ins Krankenhaus nach Bozen. Sein Freund kann erst drei Stunden später ins Tal zurückgebracht werden. Grund dafür sind mehrere Bergunfälle, die sich an diesem Tag ereignen. Am Wetter liegt es jedoch nicht. Es herrschen weiterhin perfekte Bedingungen.

Der Absturz

Der Absturz hinterlässt schwere Spuren: ein Schädel-Hirn-Trauma samt offener Kopfverletzung, mehrere innere Blutungen, ein offener Bruch an der linken Elle und Speiche, drei Liter Blutverlust, ein zertrümmertes Knie, eine gebrochene Rippe, welche sich allmählich in die Lunge bohrt und eine Rückenmarksverletzung auf Höhe des zwölften Brustwirbels.

In Bozen versetzen die Ärzte Dominik in ein künstliches Koma. Sie operieren seine Wirbelsäule sowie Elle und Speiche und entscheiden gemeinsam mit seiner Familie gegen eine Operation der offenen Kopfverletzung. Zu groß erscheint das Risiko, dabei eine wichtige Arterie zu verletzen. Die Verletzung heilt schließlich ohne chirurgischen Eingriff ab.

Zwischen Leben und Tod

Ob er die schweren Verletzungen überleben wird, ist lange ungewiss. Die Ärzte gehen zeitweise davon aus, dass falls er überhaupt überlebt, er Essen und Sprechen neu lernen muss. Zeitweise steht es so schlecht um ihn, dass das Krankenhaus trotz der damals geltenden Corona-Beschränkungen Ausnahmen für Besuche seiner Angehörigen zulässt. Später erfährt er, sein Herzschlag ist bei jedem Besuch seiner Familie angestiegen.

Nach zwei Wochen verlegt man ihn von Bozen nach Brixen und beendet das künstliche Koma. „Als mir der Arzt sagte, dass ich nie wieder gehen kann, war das ein Schock. Ich hatte in der Zeit schlimme Gedanken und habe psychologische Hilfe angenommen. Dann kam ein anderer junger Mann zu mir, der erst seit wenigen Jahren im Rollstuhl saß und hat mir von seinem Weg erzählt. Das hat mir geholfen, genau wie die Unterstützung meiner Familie, die immer zu mir stand und mit der neuen Situation gut umgehen konnte“, so Dominik. Nach einem Monat Aufenthalt im Krankenhaus von Brixen verlegen ihn die Ärzte schließlich nach Sterzing, näher zu seiner Familie. Dort operieren sie sein Knie. Gleichzeitig folgen zahlreiche Ergo- und Physiotherapien.

Von Anfang Januar bis Mitte Mai 2021 verbringt Ungerank mehrere Monate im Rehabilitationszentrum in Bad Häring in Tirol. Die Einrichtung ist unter anderem auf Menschen mit Querschnittlähmung spezialisiert. „In Bad Häring habe ich wichtige Dinge gelernt, um meinen Alltag im Rollstuhl selbstständig bewältigen zu können. Ich habe gelernt, wie ich mit dem Rollstuhl umgehe, zum Beispiel Treppen fahre. Außerdem war das Verhältnis zu den anderen Patienten sehr gut, das hat mir viel Kraft gegeben. Ich war einfach für alles dankbar, was ich dazulernen konnte.“

Ein neuer Alltag

Vor dem Unfall arbeitet Dominik als Tischler, danach kann er den Beruf nicht mehr ausüben. Er beginnt als technischer Zeichner in einer anderen Tischlerei.

„Per Gesetz hätte ich sechs Stunden am Tag für Vollzeit arbeiten müssen. Eines Tages nahm mich mein Chef zur Seite und meinte, ich solle täglich eine halbe Stunde länger arbeiten, weil ich mehr Zeit auf der Toilette benötige. Ich war schockiert. Dafür konnte ich nichts. Meine Kollegen müssen das mitbekommen haben, gesagt hat allerdings niemand etwas.“

Der Vorfall belastet ihn. Auch fachlich stößt er an Grenzen.

„Prinzipiell eignet sich ein Bürojob im Rollstuhl gut. Bei mir war allerdings die Kopfverletzung ein Problem. Ich habe seitdem Schwierigkeiten, mir Dinge zu merken. Wenn ich zum Beispiel neue Programme am Computer lernen muss, ist das eine ziemliche Herausforderung“, sagt Dominik.

Heute arbeitet er in einer sozial engagierten Organisation in Südtirol. In einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung begleitet er kreative Projekte, bringt eigene Ideen ein und unterstützt bei Bastel- und Holzarbeiten. Die praktische Arbeit bereitet ihm besonders viel Freude.

Veränderungen

Ganz ohne Herausforderungen verläuft der Alltag im Rollstuhl nicht. Viele Dinge erfordern mehr Planung als früher, etwa Urlaubsreisen oder Restaurantbesuche. „Man muss immer schauen, ob die Unterkunft überhaupt barrierefrei ist oder ob es rollstuhlgerechte Toiletten gibt“, erzählt er.

Geändert hat sich seit dem Unfall auch seine Beziehung zum Sport, zumindest teilweise. Vor dem Absturz war das Bergsteigen seine große Leidenschaft, mehr als dreißig Gipfel hatte er bereits bestiegen. Auf Sport verzichten kann und will er jedoch bis heute nicht. Statt in die Berge zieht es ihn inzwischen aufs Rad. „Ich tracke immer meine Zeiten und versuche, mich zu verbessern“, sagt er. Im Winter fährt er Ski oder geht Langlaufen. Auch Sledge Hockey hat er bereits ausprobiert. Sport zählt nach wie vor zu den wichtigsten Dingen in seinem Leben. Er gibt ihm Halt und hilft ihm dabei, fit zu bleiben und die körperlichen Anforderungen des Alltags im Rollstuhl zu bewältigen.

Auch andere Beziehungen haben sich verändert. „Nach dem Unfall habe ich ein paar Freundschaften verloren. Es hat sich eben gezeigt, wer die wahren Freunde sind“, so Dominik. Auch seine Langzeitbeziehung zerbricht. „Ob der Unfall daran die alleinige Schuld trug, kann man so nie sagen. Er hat aber sicherlich dazu beigetragen.“

Was sich allerdings nicht verändert hat, ist er selbst. „Klar gehe ich heute manche Situationen anders an als früher. Ich gebe nicht so schnell auf und lasse mich nur schwer entmutigen. Wenn ich zum Beispiel mit dem Rolli stecken bleibe, denke ich mir irgendwie finde ich schon einen Weg. So ist es eigentlich in allen Lebenslagen. Trotzdem bin ich immer noch derselbe Mensch wie vor dem Unfall auch“, sagt Ungerank.

Was bleibt

Was bleibt sind Träume, in denen er noch zu Fuß unterwegs ist, ein zweiter Geburtstag, der jährlich am 5. September gefeiert wird, und die Sehnsucht nach den Bergen. „Das Bergsteigen ist das, was mir am meisten fehlt. Einfach der Weg dorthin. Ich bin immer gegangen, bis meine Beinmuskeln gebrannt haben. Ich wollte Bestzeiten schlagen, auch die von anderen. Da oben verspürte ich Freiheit. Heute hat das Radfahren diesen Platz eingenommen, auch wenn es sich anders anfühlt.“

Eines stellt Dominik jedoch klar: Romantisieren möchte er seine Geschichte nicht. „Wenn ich den Unfall rückgängig machen könnte, würde ich das tun. Natürlich. Aber das ist meine Realität. Mit der habe ich mich arrangiert.“

Wieder auf Augenhöhe

Zurück im Hubschrauber: das Gipfelkreuz ist nun in Sichtweite, beinahe auf Augenhöhe. „Es war extrem zu sehen, wie weit ich abgestürzt bin. Es ist wirklich ein Wunder, dass ich überlebt habe.“

Und so erreicht er den Gipfel doch noch. Nicht an jenem Tag im August 2020 und nicht auf dem Weg, den er sich damals vorgestellt hat. Doch keineswegs weniger beeindruckend. 






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