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Japan zwischen westlichem Einfluss und seiner Eigenständigkeit

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Volontärin · Universität Wien
17.09.2026
9 Min.

Japan und die USA sind seit Jahrzehnten politisch, wirtschaftlich und militärisch miteinander verbunden. Trotzdem fühlt sich Japan im Alltag erstaunlich wenig westlich an. Eine Reise von Tokyo über Kyoto und Osaka bis nach Okinawa zeigt, wie ein Land Einflüsse aufnimmt und daraus etwas Eigenes kreiert.

Trotz Links-Verkehr haben wir den Verkehr auf der Insel Okinawa gemastert. (Foto: Dalia Eisl )

Es ist sechs Uhr morgens, wir sind übermüdet und gleichzeitig viel zu aufgeregt, um zu schlafen. Nach 18 Stunden im Flugzeug sind wir endlich in Tokyo angekommen. Für uns geht es wenig später im Shinkansen, dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug, nach Kyoto weiter. Nur nicht die Augen schließen, das haben wir einander verboten. Wir wollen unbedingt den Mount Fuji aus dem Zugfenster sehen. Also reden wir über unseren Flug, unsere Erwartungen und all das, was uns in den nächsten Tagen noch erwarten wird.

Um uns herum herrscht Stille, wir sind die einzigen, die laut miteinander sprechen. Die anderen Passagiere lesen, schlafen oder schauen aus dem Fenster. Niemand unterhält sich laut, niemand telefoniert. Also senken wir fast automatisch auch unsere Stimmen. In den U-Bahnen, Bussen und auf den Straßen geht es uns genauso. Wir fühlen uns unsicher. Überall ist es so auffallend ruhig. Kein Geschrei, keine Musik, nur vereinzelt leise Gespräche. Schon in den ersten Tagen merken wir, Japan hat seinen eigenen Rhythmus. Ein Land, das technologisch und wirtschaftlich Teil der westlich geprägten Welt ist, folgt im Alltag eigenen Regeln.

Tokyo‘s U-Bahn

Wir bewegen uns mit der U-Bahn und öffentlichen Bussen durch Tokyo.Dalia Eisl


Ein eigener Rhythmus

Als meine Freundinnen und ich unsere Sommerreise für dieses Jahr planten, war klar: Unser Ziel ist Japan. Die Skyline von Tokyo, richtiges Sushi und die Altstadt von Kyoto haben uns überzeugt. Wenig später hatten wir den Flug gebucht. Wir hatten uns vorbereitet, Reiseführer gelesen und Podcasts gehört. Jetzt sind wir hier und stellen fest, Japan ist anders, gar nicht so westlich, wie alle sagen.

Unsere Reise führt uns von Kyoto über Osaka und Okinawa bis nach Tokyo. Besonders in den Großstädten fällt etwas auf, womit wir nicht gerechnet haben. Der Alltag folgt Normen, die sich von unserem westlichen Verständnis unterscheiden. In einem Land, das wirtschaftlich und politisch so eng mit der internationalen Gemeinschaft verbunden ist, haben wir mit mehr Gemeinsamkeiten im Alltag gerechnet.

„Japan hat westliche Einflüsse keineswegs einfach übernommen oder abgewehrt“, sagt Wolfram Manzenreiter, Soziologe und Japan-Experte an der Universität Wien. „Sie wurden in die eigene Gesellschaft aufgenommen, verändert und mit bestehenden japanischen Vorstellungen verbunden.“

Gion in Kyoto.

Die Tempel in Gion bilden das Eingangstor zur Altstadt Kyotos.Dalia Eisl

Uns begegnet eine Gesellschaft, die sich erstaunlich eigenständig anfühlt. Bars und Restaurants schließen bereits gegen 21:30 Uhr. Gleichzeitig scheint der Arbeitstag kein Ende zu nehmen. Auf den Straßen sehen wir Männer auf Baustellen schuften, die in Europa längst im Ruhestand wären. In Japan ist Arbeit nicht nur ein Teil des Lebens, sie ist das Leben.

An den Bahnsteigen stellen sich die Menschen ordentlich hintereinander an, bevor sie einsteigen. An einer Kreuzung warten wir darauf, dass zwei Autos aneinander vorbeikommen. Die Situation wirkt für einen Moment brenzlig. Wir rechnen schon mit einem Hupen. Doch es bleibt still. Beide Fahrer bremsen, warten kurz und fahren weiter. Niemand hier isst unterwegs, auch Müll sehen wir nur selten, obwohl es kaum öffentliche Entsorgungsmöglichkeiten gibt. Vieles funktioniert, ohne dass jemand die Regeln ständig aussprechen muss.

Ein Stück Amerika mitten in Japan

Besonders deutlich wird der Widerspruch zwischen Japans eigener kultureller Identität und dem starken westlichen, vor allem amerikanischen Einfluss auf Okinawa. Als wir in Naha, der Hauptstadt der Inselgruppe, ankommen, landen wir direkt im American Village. Schon der Name klingt für uns zunächst absurd. Aber wir schauen uns das an.

Im American Village stehen bunte Häuser dicht an dicht. Das erinnert eher an Las Vegas oder San Francisco als an das Japan, das wir aus Kyoto kennen. Mehr Disneyland als japanischer Minimalismus. Ist Japan doch westlicher, als wir noch vor ein paar Tagen dachten?

Im Taco Loco feiern sie hier auch den amerikanischen „Taco Tuesday“, der eigentlich mexikanisch sein müsste. Dazwischen reihen sich Burgerläden an Souvenirläden mit T-Shirts, bedruckt mit den Gesichtern von 2Pac, Eminem und Rihanna, an noch mehr Burgerläden. Aus den Lautsprechern dröhnt Justin Bieber. Selbst ein grell-leuchtender Christmas-Shop hat in der Happy Alley seinen Platz gefunden, auch im August. Ein Stück amerikanischer Traum mitten in Japan.

American Village in Naha, Okinawa

Bunte Häuser reihen sich im American Village nebeneinander und erinnern an die amerikanischen Einfluss auf der Insel.Dalia Eisl

Hinter dieser scheinbar mühelosen Mischung aus japanischem Alltag und amerikanischer Popkultur steckt jedoch eine weitaus kompliziertere Geschichte. Der amerikanische Einfluss auf Okinawa beschränkt sich nicht auf Burger, Popmusik und Souvenirläden. Er prägt bis heute auch die politische und sicherheitspolitische Realität der Insel.

Japan und die USA waren im Zweiten Weltkrieg erbitterte Gegner. Nach der japanischen Kapitulation 1945 wurde das Land von den Alliierten unter Führung der USA besetzt. Aus den ehemaligen Kriegsgegnern wurden innerhalb weniger Jahre jedoch politische Partner. Mit dem Beginn des Kalten Krieges gewann Japan für die USA zunehmend strategische Bedeutung.

Heute sind die beiden Länder verbündet. Die USA unterhalten weiterhin große Militärbasen in Japan, ein großer Teil der amerikanischen Streitkräfte ist auf Okinawa stationiert. Gleichzeitig liegt Japan an einem geopolitisch wichtigen Punkt im Indopazifik, mit China und Russland in unmittelbarer Nachbarschaft.

Politisch und militärisch könnte die Verbindung zwischen Ost und West also kaum enger sein. Kulturell ist das komplizierter. „Eigentlich müssten wir fragen, warum die enge wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische Verbindung nicht zu einer vollständigen kulturellen Angleichung zwischen Japan und den USA geführt hat“, so Manzenreiter im Gespräch mit campus a. Die Beziehung zu den USA habe Japan sehr wohl geprägt, zu einer Amerikanisierung kam es jedoch nie.

Japan im Wandel

Doch wie konnte ein Land, das kulturell so eigenständig wirkt, gleichzeitig so viele westliche Einflüsse aufnehmen?

Manzenreiter beobachtet die gesellschaftliche Entwicklung Japans seit den 1990er-Jahren. Er beschreibt einen langfristigen Wandel hin zu einer zunehmenden „Individualisierung und Diversifizierung von Lebensstilen“. Individuelle Freiheitswerte würden heute stärker akzeptiert als früher, sagt er. Gleichzeitig sei der soziale Anpassungsdruck an die Mehrheitsgesellschaft weiterhin deutlich stärker ausgeprägt als etwa in Europa oder den USA.

Die Mainstation in Tokyo

Hier kann man die Verbindung zwischen einem traditionellen und modernen Japan erkennen.Dalia Eisl

Obwohl jedes japanische Schulkind Englisch lernt, stoßen wir im Alltag immer wieder an Grenzen, wenn wir die Menschen ganz selbstverständlich auf Englisch ansprechen. Schnell merken wir, wie wenig selbstverständlich die Verständigung auf Englisch selbst in touristischen Situationen ist.

Die Distanz zur englischen Sprache

In unserem Apartment in Tokyo fehlt ein Bett für unsere dritte Person. Wir versuchen dem Mitarbeiter zu erklären, wir hätten für drei Personen gebucht. Er sieht uns mit einem fragenden Gesicht an, wir erklären es noch einmal. Wieder und wieder. Erst als wir ihm unsere Erklärung über Google Translate auf Japanisch zeigen, versteht er uns. Mit der Sprachbarriere hatten wir vorher nicht gerechnet. Japan agiert international, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Warum ist Englisch im Alltag trotzdem kaum verankert?

Manzenreiter führt das unter anderem auf das japanische Bildungssystem zurück. Lange habe der Englischunterricht stärker auf das Verstehen und die schriftliche Verarbeitung als auf das aktive Sprechen gesetzt. Englisch zu lernen, bedeutete damit nicht automatisch, es auch im Alltag zu verwenden.

Gleichzeitig übernimmt Japan Fremdes sprachlich nicht einfach, sondern passt es an die eigene Sprache an. Aus „computer“ wird etwa „konpyūtā“. Auch hier zeigt sich ein Muster, das uns während der Reise immer wieder begegnet. Japan übernimmt kulturelle Einflüsse von außen und macht daraus etwas Eigenes.

Japan exportiert Kultur

Wir spazieren am Shibuya Crossing in Tokyo vorbei. Ein Blick nach rechts: eine Starbucks-Filiale, dahinter ein riesiges IKEA-Schild. Auf den großen Bildschirmen laufen Werbungen von Calvin Klein, während in den Kinos rund um die Innenstadt die neuesten Hollywood-Blockbuster gezeigt werden. US-amerikanische Kultur ist in Japans Städten längst Teil des Alltags. Doch der kulturelle Einfluss funktioniert nicht nur in eine Richtung.

Mit rund 120 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern verfügt Japan über einen großen Binnenmarkt. Dadurch habe sich eine eigene Kulturindustrie entwickelt, die zunächst vor allem für das heimische Publikum produzierte, erklärt Manzenreiter. Manga, Anime, Videospiele und Musik wurden so zu eigenständigen Bestandteilen der japanischen Popkultur und später zu globalen Exporten.

Werbeanzeigen mit japanischer Popkultur

Die bunten Werbeflächen zieren die Straßen von Tokyo.Dalia Eisl


Wie groß dieser Erfolg ist, zeigt besonders der Anime-Markt. 2024 erreichte er weltweit einen Rekordwert von umgerechnet rund 23 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte davon, rund 13 Milliarden Euro, kam aus dem Ausland. Der Blick auf die Zahlen zeigt: International setzt die Branche mehr um, als im eigenen Land. Auch der Manga-Markt wächst weiter. 2024 erzielte die Branche mit gedruckten und digitalen Comics rund 4,3 Milliarden Euro und stellte damit einen neuen Rekord auf. Comics machten damit fast 45 Prozent des gesamten japanischen Buch- und Zeitschriftenmarktes aus.

Japan ist damit längst nicht nur Konsument westlicher Popkultur, sondern selbst zu einem kulturellen Exporteur geworden.

Vom Feind zum Partner mit Abstand

„Wer die Beziehung zwischen den USA und Japan verstehen will, kommt an einem Dreieck nicht vorbei: Japan, China und die USA“, sagt Susanne Weigelin-Schwiedrzik im Gespräch mit campus a. Weigelin-Schwiedrzik hat Sinologie, Japanologie und Politikwissenschaft in Bonn, Peking und Bochum studiert und war Professorin an der Universität Heidelberg und an der Universität Wien.

Ihr Dreieck macht deutlich, warum die Beziehung zwischen Japan und den USA nie nur eine Zweierbeziehung ist. Was Washington mit Peking macht, beschäftigt Tokyo unmittelbar, und umgekehrt. Diese Konstellation reicht weit zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten die USA den Wiederaufbau Japans und entwickelten sich zu einem engen Verbündeten. Doch sobald Washington seine China-Politik veränderte, musste auch Tokyo reagieren. Besonders deutlich wurde das 1971, als der damalige US-Sicherheitsberater Henry Kissinger heimlich nach Peking reiste, um die Annäherung zwischen den USA und China vorzubereiten. Japan wurde über diesen Schritt nicht informiert. „Jeder Schritt, den Amerika zur Annäherung an China macht, ist ein Schritt gegen Japan“, erklärt Weigelin-Schwiedrzik. Das Muster wirke bis heute.

Japans Stellung im Ringen um Taiwan

Besonders sichtbar wird dieses Dreieck an Taiwan. Die Insel war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und ist heute ein zentraler Brennpunkt zwischen China, Japan und den USA. Für China ist Taiwan strategisch wichtig, weil die Insel den Zugang zum Pazifik beeinflusst. Für Japan liegt sie unmittelbar vor der eigenen Haustür, für die USA ist sie ein zentraler Punkt ihrer Indopazifik-Strategie, erklärt die Sinologin.

Damit kommt Japans Okinawa als direkter Nachbar Taiwans wieder ins Spiel. Während unserer Reise wirkte die Insel zunächst wie ein tropisches Urlaubsziel. Sicherheitspolitisch ist sie jedoch hochsensibel. Okinawa gehört zu Japan, liegt näher an Taiwan als an Tokyo und beherbergt einen großen Teil der amerikanischen Militärpräsenz in Japan. Die Insel zeigt deutlich, wie eng Japans Sicherheit an die USA gebunden ist und warum das Verhältnis zu Washington nicht frei von Spannungen ist.

Taiwan ist immer Thema

Doch wie viel von diesem geopolitischen Spannungsverhältnis ist im Alltag zu spüren?

Rund um das Shibuya Crossing fallen uns immer wieder politische Botschaften zwischen den Menschenmassen auf. Auf einem Schild kritisiert jemand die Politik von Premierministerin Sanae Takaichi, auf einem anderen steht: „Wir wollen keine amerikanischen Waffen.“ Dazwischen hält ein Mann eine taiwanische Flagge hoch.

Auch ein Taxifahrer kommentiert die angespannte Lage in der Region. „Wenn es nicht japanisch sein kann, kann es vor allem nicht chinesisch sein“, sagt der Taxifahrer während einer Fahrt durch Osaka. Die große Politik ist im japanischen Alltag nicht ständig sichtbar, aber sie ist allgegenwärtig.

Ein Geheimtipp, zumindest vorerst

An unserem letzten Tag auf Okinawa liegen wir am Strand und wundern uns: Warum sind hier so wenige Menschen? Vor uns leuchtet das Wasser türkisblau, hinter uns liegt eine japanische Familie im Sand und genießt den Sommer genauso wie wir. Wir liegen unter der Sonne und Palmen, direkt am Meer und wir fühlen uns wie auf den Philippinen, nur eben mit japanischen Schriftzeichen.

Je länger wir hier liegen, desto weniger verstehen wir, warum wir nicht früher auf die Idee gekommen sind nach Okinawa zu reisen. Und wieso es so scheint, als seien wir die einzigen, die auf die Idee kamen. Die Insel ist tropisch, abwechslungsreich und trotzdem anders als die japanische Hauptinsel. Unsere Vermutung: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Influencer-Welt Okinawa entdeckt und von Bali genug hat. Dann dürfte auch hier der nächste Reise-Hype kommen.

Noch sitzen wir jedenfalls ziemlich entspannt am Strand und genießen den Ort für uns, bevor ihn irgendwann jeder kennen wird.

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