Fast vier von zehn Menschen in Äthiopien leben nach den jüngsten Daten der Weltbank unter der Armutsgrenze von drei US-Dollar pro Tag. Rund 71 Millionen Menschen hatten 2025 keinen ausreichenden Zugang zu Elektrizität. In Ruth Beckermanns Dokumentarfilm Wax & Gold taucht diese Realität zunächst kaum auf. Die österreichische Regisseurin blickt stattdessen aus dem Hilton in Addis Abeba auf das Land und seine rund 135 Millionen Einwohner. Dort begegnet sie Hotelangestellten, einer österreichischen Rastafari und einer Prinzessin. Sie wolle „ein anderes Bild von Afrika zeigen“, sagt Beckermann.
campus a: Was bedeutet „Wax and Gold“?
Ruth Beckermann: Das ist eine amharische Kulturtechnik. Amharisch ist die Hauptsprache in Äthiopien. „Wax and Gold“ heißt, jemand spricht nicht direkt aus, was er meint. Hinter einem übertriebenen Lob kann etwa eine Klage stecken. Die Menschen verstehen dann, eigentlich ist das Gegenteil gemeint. Die wirkliche Bedeutung ist das Gold. Die Sprachhülse rundherum ist das Wax.
Sie nehmen das Buch „König der Könige“ des polnischen Autoren Ryszard Kapuściński als Ausgangspunkt für Ihre Auseinandersetzung mit Äthiopien. Auf der Berlinale brachte ihnen das reichlich Kritik ein. Wie gehen sie damit um?
Das ist ja ein fiktionales Buch, die Kritik daran finde ich daneben, weil sie es wie einen journalistischen Bericht behandelt. Das hat Kapuściński nie behauptet, und ich habe das Buch auch nie so gelesen. Als Dokumentarfilmerin interessieren mich Subjektivität und das Verhältnis von Fakten und Fiktion. Auch meine Filme sind keine journalistischen Arbeiten, sie zeigen meinen subjektiven Blick auf einen Ausschnitt der Welt. Bei der Berlinale warfen mir Kritiker vor, als weiße Europäerin einen Film in einem afrikanischen Land zu machen. Ich verweigere mich dieser heutigen Vorstellung, jeder solle in seiner Blase bleiben. Mich interessiert der Blick in die Fremde, der Film reflektiert diesen Blick. Jeder darf und soll über alles einen Film machen.
Sie haben Haile Selassie als Kind beinahe wie eine Märchenfigur wahrgenommen. Kapuściński hat dieses Bild später verändert. Was hat der Dreh mit Ihrem Bild von Selassie gemacht?
Mein Bild von ihm ist durch den Dreh widersprüchlicher und vielschichtiger geworden. Heute gibt es in Äthiopien eine gewisse Nostalgie für Selassie, ähnlich wie bei uns für Franz Joseph: „das war doch die gute alte Zeit.“ Die Jahre nach Selassie waren unter der blutrünstigen Derg-Regierung schwierig. Gleichzeitig erkannte ich deutlicher, wie treffend Kapuściński den senilen Selassie gegen Ende seiner über 40-jährigen Herrschaft beschreibt, er verfolgte auch koloniale Ambitionen. Andererseits fehlt in König der Könige die enorme Bedeutung der Religion in Äthiopien, diesen Aspekt lässt Kapuściński völlig aus. In Äthiopien ist fast jeder Tag einem Heiligen gewidmet und auch Selassie sei jeden Tag in die Kirche gegangen, erzählt eine Prinzessin, die an seinem Hof aufwuchs, im Film. Kapuściński, der im kommunistischen Polen schrieb, ließ diesen Aspekt aus. Das fand ich interessant.

Sie erzählen Äthiopiens Geschichte und Gegenwart ausgerechnet aus einem Luxushotel in Addis Abeba. Warum war das Hotel für Sie der richtige Mikrokosmos?
König der Könige nimmt den Hof von Haile Selassie als Beispiel für eine Parabel der Macht. Das Buch war in Äthiopien selbst kaum bekannt und erschien nie in amharischer Übersetzung. Deshalb wollte ich mit diesem Buch nach Äthiopien reisen und schauen, wer Haile Selassie war. Wie blicken die Menschen auf seine Zeit zurück? Was hat das Äthiopien von damals noch mit dem Land von heute zu tun? Das Buch spielt ausschließlich am Hof, weder in der Stadt noch am Land. Ein modernes Hotel mit seinen Sälen, Ecken und Zimmern erschien mir als ähnliche Institution wie ein Kaiserhof, mit Hierarchien und Intrigen.
Sie filmen auch Menschen an ihrem Arbeitsplatz. Wie frei kann ein Hotelangestellter in dieser Situation entscheiden, ob er mit Ihnen sprechen möchte?
Das kann ich schwer beantworten. Wir durften fast überall drehen, außer in der Küche. Wie ehrlich Menschen vor einer Kamera sind, lässt sich nie vollständig beurteilen. Das gehört zum Spiel. Manche erzählen die Wahrheit, andere erzählen eine Wahrheit, die sie selbst dafür halten. Das sollten die Zuschauer wissen, denn mir geht es nicht darum, die Leute zu verhören.
Besteht bei einem europäischen Film über Äthiopien nicht zwangsläufig die Gefahr, am Ende könnten wieder Europäer darüber bestimmen, welches Bild des Landes international herrscht?
Ja gut, so ist die Welt. Äthiopier drehen auch Filme, andere drehen in Wien und über Österreich. Dann sehen wir eben deren Blick. Auch eine äthiopische Filmemacherin zeigt nur ihren Ausschnitt und ihren Blick. Wer aus der Stadt kommt und über ein Dorf dreht, blickt ebenfalls von außen darauf. Darüber denke ich im Film nach. Das Spannende sind die unterschiedlichen Blicke auf Orte und Menschen. Natürlich ist mein Film ein europäischer Film.
Sie wollten aber trotzdem nicht einfach einen europäischen Blick auf Äthiopien reproduzieren.
Ich wollte ein anderes Bild von Afrika zeigen, weil wir meist das arme Land und arme Menschen sehen. Deswegen habe ich auch das Hotel bewusst als Durchgangsort gewählt, an dem Menschen verschiedener Länder und gesellschaftlicher Schichten zusammenkommen. Im Hilton sind nicht die Ärmsten, sondern Menschen aus der Mittelschicht, ein Dreh in einem Dorf hätte mich weniger interessiert. Gleichzeitig müssen Zuschauer wissen, die Vorstellung von Augenhöhe beim Filmen ist eine Lüge. Hinter der Kamera hat die Filmemacherin immer mehr Macht als die Menschen davor, im Schneideraum kann ich das Material ja nach meinen Vorstellungen montieren. Die Menschen müssen darauf vertrauen, dass ich ehrlich mit ihnen umgehe.
Sie treten selbst als fragende, manchmal bewusst naive Stimme in Erscheinung. Wie viel von der „Ruth Beckermann“ im Film sind tatsächlich Sie und wie viel ist filmische Figur?
Das bin schon ich. Ich habe keinen Zettel mit Fragen vor mir, sondern reagiere spontan. Mitunter versuche ich, etwas Überraschendes aus den Leuten herauszuholen oder schnell eine Kurve zu kratzen. So führe ich solche Gespräche schon lange. Auf der Textebene gibt es dann die andere Ruth, wenn Sie so wollen. Sie ist reflektierter, nimmt sich mehr Zeit und denkt über das nach, was sie erlebt hat. Im Schneideraum sehe ich das Material erneut und entwickle einen anderen Blick darauf.
Sie bezeichnen Wax & Gold als Essayfilm beziehungsweise Autorinnenfilm. Was bedeutet diese Bezeichnung für Sie?
Es ist ein Dokumentarfilm. Innerhalb des Dokumentarfilms gibt es verschiedene Formen. Ein Film, der so stark mit Text und meiner Stimme aus dem Off arbeitet, heißt Essayfilm. Ich habe aber nichts dagegen, wenn jemand Dokumentarfilm sagt. Autorinnenfilm wäre für mich der passende Begriff, für diesen Film und für fast alle meine Filme.
Hatten Sie für Wax & Gold eigentlich ein Drehbuch?
Ein Drehkonzept. Darin steht, was wir bereits erfahren haben, was wir gerne hätten und was wir uns wünschen. Abschriften von Gesprächen enthält es nicht.
Gab es während der Reise überraschende Entdeckungen?
Jeder Mensch vor der Kamera kann überraschen, weil dort eine konzentrierte Situation entsteht. Die Welt rundherum verschwindet und die Leute erzählen Dinge, mit denen ich nicht gerechnet habe. Eine Österreicherin, die als Rastafari lebt, hat mich etwa überrascht, weil sie so verliebt in Haile Selassie ist. Als Dokumentarfilmerin kann ich mit unterschiedlichen Menschen sprechen, die mir Unerwartetes erzählen. Ich würde nie vorher sämtliche Interviews führen, abschreiben und anschließend wiederholen. Ich brauche diese Frische im Umgang mit den Menschen und ihren Erzählungen.

Sie machen seit Jahrzehnten Dokumentarfilme. Was erlauben Sie sich heute hinter der Kamera, was Sie sich vor dreißig Jahren noch nicht erlaubt hätten?
Ich bin heute freier. Bei Wien Retour, dem ersten Film, den ich als Autorinnenfilm bezeichnen würde, hatte ich noch Karteikarten mit Fragen, Daten und Themen dabei. Heute lese ich im Vorfeld viel, versuche aber, dieses Wissen beim Dreh loszulassen und mich auf das einzulassen, was vor mir passiert. Ich möchte mir mein eigenes subjektives Bild machen und dazu stehen. Das Publikum kann es annehmen oder ablehnen. Mit der Erfahrung bin ich auch entschlossener geworden, Dinge auszuprobieren und meine Vorstellungen durchzusetzen. Früher hätte ich mir mehr Gedanken gemacht, was ich meinem Team zumuten kann. Heute kann ich solche Situationen besser einschätzen, weil ich oft mit denselben Menschen arbeite. Wir brauchten zum Beispiel lange, bis wir die Drehgenehmigung von der Hilton-Zentrale in Washington bekamen, blieben aber dran.
Welches Bild aus Wax & Gold würden Sie gerne im Kopf des Publikums zurücklassen?
Zum einen den Löwen. Er ist in Äthiopien omnipräsent, weil Haile Selassie sich „Löwe von Juda“ nannte. Im Film erscheint er als Cartoon, als Bild, in Stein und als echter Löwe im alten Zoo, den es mittlerweile nicht mehr gibt. Zum anderen würde ich mich freuen, wenn die Leute aus dem Kino gehen und denken, so eine afrikanische Großstadt, in diesem Fall Addis Abeba, ist spannend. Sobald wir das Hotel verlassen, trifft dort gewissermaßen das 16. Jahrhundert auf übermorgen. Diese Energie, diese Jugend der Menschen, der Stadt und des Lebens hat mich fasziniert.
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