„Ich will in Madrid studieren“, „Ein Freund von mir will in die Niederlande ziehen“ oder „Was soll ich hier machen? Warum sollte ich in Bulgarien bleiben?“ Unterhalte ich mich mit anderen Jugendlichen in Sofia, höre ich oft ähnliche Aussagen.
Fast jeder, der bald sein Abitur macht, scheint in letzter Zeit zu behaupten, er wolle entweder irgendwo im Ausland studieren und danach zurückkommen oder gar nicht erst wiederkehren, sondern dauerhaft im Ausland bleiben. Doch woran liegt das eigentlich?
Fremde Sprachen bieten Zukunft?
Es gibt unterschiedliche Gründe fürs Auswandern. Viele meiner Mitschüler wollen in Österreich oder Deutschland studieren. Da ich jedoch auf eine deutsche Schule in Sofia gehe, ergibt das durchaus Sinn. Ich selbst habe ebenfalls vor, nach dem Schulabschluss in einem deutschsprachigen Land zu studieren. Danach würde ich jedoch gerne wieder in meinem Heimatland leben.
Die meisten Jugendlichen, die ins Ausland ziehen wollen, besuchen Sprachschulen und möchten die Sprache, die sie jahrelang gelernt haben, auch später im Alltag anwenden. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn sonst könnte man vieles wieder verlernen.
Außerdem haben viele Universitäten in Westeuropa einen besseren Ruf als die Hochschulen in Bulgarien. Jemand, der sagt: „Ich habe in Wien studiert“, hinterlässt bei der Jobsuche oft einen besseren Eindruck als jemand, der in Sofia studiert hat.
Fehlende Fachkräfte
Damit möchte ich keinesfalls behaupten, dass die Universitäten in Sofia schlecht seien, ganz im Gegenteil. Da Bulgarien jedoch ein eher kleiner EU-Staat ist, der international weniger bekannt ist, fragen sich manche Jugendliche, ob sich ein Studium an einer Universität lohnt, die außerhalb des Landes kaum jemand kennt. Viele junge Menschen in Bulgarien haben das Gefühl, dass ein Studium im Heimatland ihre Karrierechancen in Europa verschlechtert. Dieses Gefühl der Perspektivlosigkeit entspricht jedoch oft nicht der Realität.
Hinzu kommt, dass die Löhne in anderen EU-Staaten meist höher sind. Das ist mit Sicherheit einer der häufigsten Gründe, weshalb so viele junge Menschen auswandern. Dies führt jedoch zum sogenannten „Brain Drain“: Gut ausgebildete junge Menschen verlassen ihr Heimatland, wodurch Fachkräfte fehlen. Falls in den nächsten Jahren noch mehr Menschen Bulgarien verlassen, ohne zurückzukehren, könnte dies zu einem ernsthaften Fachkräftemangel führen.
Nicht jeder will weg
Es gibt jedoch auch viele Bulgaren, die unbedingt in ihrem Heimatland bleiben wollen, aus verschiedenen Gründen. Vor allem Sofia verändert sich: Internationale Firmen, moderne Cafés und eine junge Kreativszene geben vielen Menschen Hoffnung.
Außerdem bleiben Familie und Freunde meistens in Bulgarien, wenn man auswandert. Für viele ist genau das ein wichtiger Grund zu bleiben.
Bulgarien hat viel zu bieten
Ich persönlich könnte mir gut vorstellen, nach meinem Studium wieder in Sofia zu leben. Einerseits, weil meine Familie und Freunde hier sind, andererseits aber auch, weil ich überzeugt bin, dass Sofia und Bulgarien insgesamt viel zu bieten haben. Von einer langen Geschichte bis hin zu modernen Karrierechancen.
Deshalb würde ich jedem, der darüber nachdenkt auszuwandern, empfehlen, sich genau zu überlegen, ob man wirklich bereit ist, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen.