Karin Schaden zieht ein Buch aus dem Regal. „Die Habsburger“ steht auf dem Einband. Sie blättert durch die Seiten. „Das ist einer unserer Klassiker, Geschichtsbücher haben wir viele“, sagt sie und stellt den Band zurück ins Regal. Schaden führt das Wiener Antiquariat ihrer Familie in der Sonnenfelsgasse. Sachbücher wie dieses gehören seit 1954 zum Geschäft der Familie.
„Plötzlich kamen da riesige Anfragen von unseren Onlineplattformen rein“, sagt Schaden. „Da waren dann teilweise 500, 600 Bücher auf einmal dabei.“ Die Anfragen kommen von großen internationalen Unternehmen wie Zoom Books. „Das waren sehr billige, sehr verbreitete Bücher. Auch Kollegen sagen, die sind nur nach dem günstigsten Preis gegangen“, sagt Schaden. „Das waren keine Bücher mit Geheimwissen. Zustand und Auflage der Bücher waren ihnen auch egal.“
Welche Bücher sie kaufen, ist den KI-Unternehmen egal
Die Investigativplattform 404 Media berichtete, der Buch-Metadaten-Dienst ISBNdb bewarb spezielle Dienstleistungen für KI-Labore. Er versprach, eintausend bis zu einer Million gedruckter Bücher für das Training großer Sprachmodelle kaufen zu können. Nach öffentlicher Kritik löschte ISBNdb die entsprechenden Seiten und sprach von einem „reinen Konzept“.
Auf der Suche nach den Büchern setzen die Unternehmen auf Automatisierung. Bots durchsuchen Onlineangebote nach ISBN und kaufen die Bücher. „Im Bereich Sachbuch, von Kinderbuch bis Psychologie und Garten“, sagt Schaden.
Hauptverband des Österreichischen Buchhandels bewertet die Entwicklung kritisch
„Diese Entwicklung ist absolut negativ“, antwortet Irmi Koller vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels auf Anfrage von campus a. Mit dem Kauf eines Buches erwerbe man nur das physische Produkt. „Damit verbunden ist aber nicht die gezielte Erfassung von Inhalten, um sie für KI-Trainingszwecke zu missbrauchen“, so Koller. „Das ist Urheberrechtsverletzung. Diese Bücher anschließend zu vernichten ist zerstörerisch.“
Auch für den Erhalt von Wissen sieht der Verband ein Problem. Die Digitalisierung von Wissen sei grundsätzlich nichts Neues und könne den Zugang erleichtern, so der Verband. Wenn aber das Original nach der Erfassung zerstört werde und nur noch als Interpretation einer KI verwendet werde, verschwinde originäres Wissen.
Der Verband fordert deshalb eine faire Abgeltung für Urheberinnen und Urheber sowie klare gesetzliche Regeln für den Einsatz von KI.
Ein Experte sieht auch Vorteile
Sachbücher seien für die KI-Branche besonders interessant, sagt auch der Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger von der Universität Wien. „Da geht es nicht um den großen literarischen Wert“, sagt er. „Ich freue mich eigentlich sogar, wenn diese Large Language Models mit Büchern gefüttert werden, die haben eine hohe Sprachqualität.“
Das frei zugängliche Material im Internet sei für die Entwicklung großer Sprachmodelle weitgehend ausgeschöpft, sagt Kutzenberger. Die Unternehmen suchten deshalb nach weiterem Textmaterial und fänden es in gedruckten Büchern von Antiquariaten.

Wenn Bücher zu Daten werden
„Diese Bücher werden zerstört, nachdem sie gescannt werden“, sagt Kutzenberger. „Da wird der Einband abgetrennt, sie werden aufgerissen und dann wird das automatisch gescannt und nachher vernichtet.“ Das sieht der Literaturwissenschaftler aber nicht grundsätzlich kritisch.
„Ich glaube, eine schlechte KI ist eben noch gefährlicher“, sagt er. Es sei entscheidend, womit Sprachmodelle trainiert werden. „Deswegen finde ich es gut, wenn die KI mit Büchern gefüttert wird und nicht mit beliebigen Online-Texten, von teils zweifelhafter Qualität“, so Kutzenberger. „Ich finde, wir müssen da ein bisschen optimistisch sein.“
„Wenn es uns nicht gäbe, würden die Bücher verschwinden“
Spürbare Auswirkungen auf den Antiquariatsmarkt sieht Schaden bislang nicht. Die neuen Käufer würden die Preise bisher nicht beeinflussen. Auch Engpässe oder Veränderungen bei seltenen Beständen beobachte sie nicht.
„Na ja, reich werden wir auch damit eigentlich nicht“, sagt Schaden. Für sie sei auch der Verkauf an die KI-Unternehmen kein großes Geschäft. Das Antiquariat lebe vor allem von Stammkunden und Freunden, die persönlich vorbeikommen. Die Online-Buchkaufplattformen habe inzwischen Amazon übernommen.
„Aber meine Güte. Ich mag nichts anderes machen“, sagt sie. Deswegen macht sie weiter. „Wenn es uns nicht gäbe, würden die Bücher verschwinden. Die nimmt niemand.“
Zoom Books bestreitet die Vorwürfe
Auf Anfrage des österreichischen Buchverbands weist Zoom Books die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen bestreitet, die Bücher für das Training von KI-Systemen zu erwerben, und beschreibt sein Geschäftsmodell als regulären Handel mit gebrauchten Büchern sowie deren Verwertung.
Schaden stellt „Die Habsburger“ zurück ins Regal. Der Band fällt zwischen den anderen Büchern kaum auf. Seine Seiten sind vollständig, der Einband ist intakt. Die Habsburger haben in Wien schon einiges überlebt. Ob sie auch das Zeitalter der künstlichen Intelligenz überstehen, ist eine andere Frage.
Kommentare