The Odyssey ist das wohl größte Filmspektakel des Jahres. Christopher Nolan hat keine Kosten und Mühen gescheut, Homers Klassiker auf die Leinwand zu bringen. Er brachte eine namhafte Besetzung, malerische Kulissen, aufwendige Kostüme und eine Kameraführung zusammen, die Herzen von Filmfans höher schlagen lässt.
Schon vor dem Kinostart zog der Film jedoch auch Kritik auf sich. Bisher drehten sich die Kontroversen um The Odyssey vor allem um Aussehen und Auswahl der Besetzung, doch geht es in der Kritik auch um mehr als zeitgenössische Wokeness. Die Dreharbeiten im von Marokko besetzten Dakhla und seiner Atlantikküste machen auf einen anderen politischen Konflikt aufmerksam. Hilft Hollywood Marokko dabei, die Besatzung der Westsahara zu normalisieren?
Marokko versucht, seine militärische Macht über die Westsahara zu festigen, die Situation im besetzten Gebiet entspricht einer humanitären Krise. Nolans Entscheidung, im Rahmen seines Films mit Marokko zu kooperieren, eröffnet einerseits zwar einen Diskurs um die Realität der sahrauischen Bevölkerung vor Ort, gleichzeitig aber verdeutlicht sein Vorgehen, wie eng kulturelle und politische Macht miteinander verwoben sind. Warum dreht ein Produktionsteam aus den USA in einem besetzten Gebiet, wenn es weiße Sandstrände für die mythische Insel der Nymphe Kalypso überall sonst auch gibt?
Lage in der Westsahara ungelöst
Die Westsahara ist aufgrund ihrer Bodenschätze ein begehrtes Gebiet, was die Realität der einheimischen sahrauischen Bevölkerung stark beeinflusst. Die Region gilt als „letzte Kolonie Afrikas“, seit dem Abzug der spanischen Kolonialmacht 1975 erhob Marokko Anspruch auf das Gebiet. 1960 sprachen die Vereinten Nationen allen kolonialisierten Völkern das Recht auf politische, wirtschaftliche und soziale Selbstbestimmung zu.
Bis heute führen die Vereinten Nationen die Westsahara als „nicht selbstverwaltetes Gebiet“, doch Marokko besetzt sie weiterhin. Das marokkanische Militär kontrolliert rund achtzig Prozent des Territoriums, darunter die wirtschaftlich wichtigen Städte El Aaiún und Dakhla. Das Selbstbestimmungsreferendum fand nie statt und bis 1991 führten das marokkanische Militär und die sahrauische Befreiungsbewegung Front Polisario Krieg gegeneinander.
Ein von den Vereinten Nationen vermittelter Waffenstillstand beendete die Kämpfe, allerdings hatte das marokkanische Militär bis dahin bereits einen großen Teil der Bevölkerung in den Südwesten Algeriens vertrieben. Dort leben bis heute bis zu 200.000 Sahrauis in Geflüchtetenlagern, einige kennen ihre Heimat nur aus Erzählungen. Die im westlichen Teil der Westsahara verbliebenen Sahrauis leben in einem politischen System, das von der US-Menschenrechtsorganisation Freedom House als eines der „unfreiesten der Welt“ eingestuft wird.
Hollywood im Dienst der Besatzung?
Nolans Dreh in Dakhla ist also mehr als eine Frage der richtigen Filmkulisse. Nolan und Universal Pictures müssen direkt mit den marokkanischen Besatzungsbehörden zusammengearbeitet haben, um Drehgenehmigungen, Sicherheitsvorkehrungen und alle weiteren Dienstleistungen im besetzten Dakhla zu erhalten.
Ist Nolans Ortswahl also eine politische Positionierung zugunsten Marokkos? Der Staat steht im Abspann des Films als Kulisse, nicht die Westsahara. Für viele ist das ein Zeichen neokolonialer Überschreibung. Der sahrauische Filmemacher Abidin Mohamed Hamudi erklärte gegenüber dem Middle East Eye: „Es ist zutiefst beunruhigend, dass eine internationale Filmproduktion unsere Heimat als filmische Kulisse nutzen kann, ohne die Realität der Besatzung überhaupt anzusprechen.“
Der marokkanische Kulturminister Mohamed Mehdi Bensaid will aus Dakhla künftig ein Zentrum für internationale Filmproduktionen machen. Nach einem Besuch am Set posierten der Starregisseur und der Minister gemeinsam für ein Foto, das Bensaid nutzte, um für Dakhla als Filmstätte zu werben. Die marokkanische Regierung will die besetzte Region zum Touristenziel und Knotenpunkt internationaler Zusammenarbeit machen und so die militärische Macht Marokkos mit kulturellen und wirtschaftlichen Mitteln sichern.
Die Besatzung soll damit als unumgängliche Realität erscheinen.
Zwischen Kulturpolitik und Propaganda
Ein solches Vorgehen wäre vor 2020 nicht möglich gewesen, da erkannte US-Präsident Donald Trump die völkerrechtswidrige Souveränität Marokkos über die Westsahara an. Im Gegenzug normalisierte Marokko seine Beziehungen zu Israel.
Jahrelang hatte Marokko Hollywood mit Steuererleichterungen und anderen Vergünstigungen umworben. Sollte es Marokko nun gelingen, das gesamte Gebiet mit Investoren zu erschließen, könnten die Chancen der Sahrauis auf Unabhängigkeit weiter sinken.
Für die marokkanischen Behörden war die Anwesenheit des Odyssey-Teams ihr bisher größter Propagandaerfolg. Der viertägige Dreh in Dakhla und die Anwesenheit von Nolan und seinem Team, darunter Weltstars Zendaya, Charlize Theron und Matt Damon, verdeutlichen, wie schnell Hollywood-Studios die Möglichkeiten nutzen, die Trumps Transaktionsdiplomatie geschaffen hat. Auf Kosten derer, deren Strände und Bodenschätze als Kulisse hinhalten dürfen, während im besetzten Gebiet selbst koloniale Unterdrückung fortbesteht.
Aufschrei der Sahrauis: Boykott bleibt ungehört
Bereits im Juli 2025 forderten sahrauische und internationale Menschenrechtsorganisationen Christopher Nolan, Matt Damon, Charlize Theron, Zendaya und Universal Pictures dazu auf, die Dreharbeiten in der von Marokko besetzten Westsahara einzustellen.
Das Internationale Filmfestival der Westsahara, FiSahara, schloss sich an und richtete einen offiziellen Appell an Nolan und sein Team. „Indem sie einen Teil von The Odyssey in einem besetzten Gebiet drehen, tragen sie, vielleicht unwissentlich, zur Unterdrückung des sahrauischen Volkes und zu den Besatzungsbemühungen des marokkanischen Regimes bei“, erklärte María Carrión, Geschäftsführerin von FiSahara. Die Veranstalter des Festivals betonten, die Filmschaffenden würden ihre Entscheidung wohl anders bewerten, wäre ihnen die Situation vor Ort vollständig bewusst.
Nachdem Carrión persönlich eine Nachricht an den offiziellen Instagram-Account von The Odyssey schrieb, blockierte sie der Account. Daraufhin organisierte FiSahara eine Boykott-Kampagne und rief die Öffentlichkeit dazu auf, das Hollywood-Spektakel so zu behandeln wie einen Film, der in der von Russland besetzten Ukraine oder in illegalen israelischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten gedreht wurde. Auch hier blieb eine öffentliche Reaktion von Nolan aus.
Festivalleiterin Carrión: „Kampagne zeigte Wirkung“
Ganz unberührt sei das Produktionsteam von der Kampagne jedoch nicht geblieben. Im Gespräch mit campus a erzählt Carrión: „Wir haben von einigen derer, die sich im vergangenen Jahr an Nolan gewandt hatten, erfahren, dass ihn unsere Kampagne sehr verärgert hat, da sie zu einer Flut negativer Berichterstattung führte.”
Einige sahrauische Medienschaffende und Aktivistinnen hätten während der Dreharbeiten versucht, in die Nähe des Sets zu gelangen, um sich dort Gehör zu verschaffen, sagt Carrión. Die marokkanischen Behörden hätten sie jedoch aufgehalten und mit Inhaftierungen gedroht. Nur bei jemandem wie Nolan schienen sie nicht so streng. Der sei ja aber auch bereit, Marokkos illegale Besetzung zu unterstützen, um ein paar Szenen für seinen Film zu drehen, sagt Carrión. „In diesem Fall wird er mit allen Ehren empfangen.“
Die Stars bleiben stumm
Öffentliche Persönlichkeiten bekunden heute gern politische Solidarität, umso auffälliger ist das Schweigen des Regisseurs und seiner Stars. Im Internet stehen mehr Interviews mit Zendaya oder Matt Damon bei Trivia-Brettspielen als Fragen zu den Bedingungen am Drehort und ihren politischen Folgen. Nolan und das Odyssey-Team haben eine Entscheidung getroffen. Indem sie sich nicht äußern, bleiben sie ein Glied in der Erzählung Marokkos. Eine Erzählung, in der die Westsahara nicht existiert.
„Er hätte sich entschuldigen und seine Plattform nutzen können, um gefährdete sahrauische Filmschaffende und Menschenrechtsaktivistinnen zu unterstützen”, sagt Carrión. „Doch stattdessen hat ihn sein Schweigen zum Komplizen der Unterdrückung durch Marokko gemacht.”
Ob dahinter ein strenges Medientraining steht, das eine vermeintliche politische Neutralität wahren soll, oder stumme Zustimmung zu den profitorientierten, machtsteigernden Motiven neokolonialer Staaten, bleibt offen. Trotz vieler Bemühungen um eine Stellungnahme haben Nolan und sein Team nicht auf die Anfragen von campus a reagiert.
Die Macht der Erzählung
Der Film zeigt idyllische Strände, eine beschönigte Realität, in ihrem Kern steht die Vertreibung der Sahrauis und der Versuch, sie auszulöschen. Carrión sieht eine Komplizenschaft in der Zusammenarbeit Hollywoods und Marokkos: „The Odyssey war die am meisten gehypte Filmproduktion des Jahres“, sagt sie. „Marokko nutzte sie aus, um seine Besetzung der Westsahara so darzustellen, als sei diese Teil seines Staatsgebiets.”
Die Besatzungsfantasien Marokkos sogenannter südlicher Provinz lassen sich nicht allein militärisch aufrechterhalten. Kultur und Wirtschaft dienen als Instrument neokolonialer Einflussnahme. Marokko beeinflusst den US-Markt und die Öffentlichkeit nicht mehr allein durch Zwang oder wirtschaftlichen Druck, sondern durch Anziehungskraft, durch Kultur, Emotionen und Werte. Wer diese durch Geschichten erzählt, kann sie für die neuen Kolonialherren nutzbar machen. Christopher Nolans Verfilmung von Homers Odyssee ist ein Baustein der marokkanischen Besatzungspolitik.
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