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KTM: Wenn eine Firmenpleite ein ganzes Dorf trifft

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07.07.2026
4 Min.

Ein Jahr nach der größten Insolvenz der jüngeren österreichischen Industriegeschichte kämpft sich KTM zurück in die schwarzen Zahlen. Doch in Mattighofen, dem Firmensitz in Oberösterreich, ist von Erholung noch wenig zu spüren: Dort kostet inzwischen sogar das Schulessen mehr.

Ready to race: Wird das Unternehmen KTM seinem Slogan auch wirtschaftlich gerecht? (Foto: Shutterstock)

Ende November 2024 meldete die KTM AG Insolvenz an. Es war eine der größten Firmenpleiten in der Geschichte der Zweiten Republik. Seither kämpft der Motorradhersteller aus Mattighofen um den Neustart. Eine 800 Millionen Euro schwere Finanzspritze des indischen Partners Bajaj soll das Unternehmen retten. Doch die Folgen der Krise reichen inzwischen weit über die Werkshallen hinaus. Sie sind sogar in der Schulkantine der 8.000 Einwohner Gemeinde zu spüren.

Ein Ortsbesuch mit spürbaren Folgen

Wer heute durch Mattighofen im Innviertel spaziert, sieht auf den ersten Blick eine ruhige oberösterreichische Kleinstadt. Doch hinter dieser Ruhe zeigt sich, wie eng das Schicksal der Gemeinde mit KTM verbunden ist. Das Mittagessen in der Schule kostet mittlerweile pro Portion um 50 Cent mehr. Auch der Eintritt ins Schwimmbad wird teurer. Eine geplante Sanierung des Bades liegt vorerst auf Eis.

Der Grund dafür liegt nicht einfach bei der zuletzt hohen Inflation. Die Preise steigen nicht nur, weil Essen, Energie oder Personal teurer geworden sind, sondern weil der Stadt Geld fehlt. Durch die Krise bei KTM, Kurzarbeit und den Stellenabbau brechen der Gemeinde wichtige Einnahmen weg, etwa über die Kommunalsteuer. Genau aus diesem Budget werden Leistungen wie Schule, Schwimmbad oder andere Angebote mitfinanziert. Wenn dort eine Lücke entsteht, muss die Stadt an anderer Stelle sparen oder Gebühren erhöhen.

„Uns fehlt eine Million Euro im Budget, jetzt müssen wir den Gürtel enger schnallen“, sagt Daniel Lang, Bürgermeister von Mattighofen. Seine Aussage zeigt, wie direkt sich eine Firmenkrise auf eine Gemeinde auswirken kann, auch wenn diese selbst nicht überschuldet ist.

Vom Umsatzrekord in die Pleite

Die Krise bei KTM kam nicht aus dem Nichts. Nach einem Umsatzrekord im Jahr 2023 produzierte das Unternehmen weiter auf hohem Niveau. Gleichzeitig ging die Nachfrage zurück. In Mattighofen stapelten sich immer mehr unverkaufte Motorräder. Der finanzielle Spielraum wurde kleiner, bis KTM Ende 2024 in die Insolvenz rutschte. Im Sanierungsverfahren wurden Schulden in Milliardenhöhe offengelegt.

Ein großer Teil davon musste nicht vollständig zurückgezahlt werden, weil die Gläubiger einem Sanierungsplan zustimmten. Auch für die Beschäftigten hatte die Krise harte Folgen. Tausende Jobs waren direkt oder indirekt betroffen. Im Werk wurde die Produktion zurückgefahren, zeitweise gestoppt und später im Ein Schicht Betrieb wieder aufgenommen. Für viele Familien in der Region bedeutete das Kurzarbeit, Einkommensverluste und Unsicherheit.

Neuer Chef, neuer Ton

Seit der Krise steht Gottfried Neumeister an der Spitze der KTM AG. Er hat den langjährigen Firmenchef Stefan Pierer abgelöst. Neumeister tritt deutlich nüchterner auf und hält sich aus tagespolitischen Debatten heraus. Seine wichtigste Aufgabe ist es, die vollen Lager abzubauen und KTM wieder profitabel zu machen. Weltweit mussten zehntausende Motorräder aus den Lagern verschwinden, bei Händlern ebenso wie im eigenen Bestand.

„Wir haben sehr hart gearbeitet, und Gott sei Dank läuft der Abbau der Lagerbestände besser als gedacht“, sagt Gottfried Neumeister, CEO der KTM AG. Der Satz macht deutlich: Die Sanierung kommt voran, aber die Krise ist noch nicht vorbei. Für 2026 rechnet KTM noch nicht mit einem Gewinn. Erst danach soll die Wende gelingen.

Stabilisierung ist nicht gleich Erholung

Die aktuellen Zahlen zeigen ein gemischtes Bild. Die Muttergesellschaft, inzwischen unter dem Namen Bajaj Mobility geführt, meldete für die ersten Monate des laufenden Geschäftsjahres wieder einen höheren Motorradabsatz. Gleichzeitig zeigt die Jahresbilanz 2025, wie tief der Einschnitt wirklich war. Die Sanierung war kein kleiner Umbau, sondern ein harter Schnitt bei Produktion, Bilanz und Marktauftritt. KTM stellt bewusst weniger Motorräder her, als verkauft werden, damit die vollen Lager weiter schrumpfen. Für die Beschäftigten in Mattighofen bedeutet das weiterhin Unsicherheit. Dazu kommt die Frage, wie viel Produktion künftig nach Indien verlagert werden könnte. Bajaj ist nicht nur Geldgeber, sondern übernimmt immer mehr Einfluss auf die Zukunft des Unternehmens.

Zwischen Bangen und Hoffen

Für die Region rund um Mattighofen bleibt die Lage angespannt. Die akute Existenzangst der Insolvenzmonate ist zwar vorerst kleiner geworden. Entwarnung gibt es aber noch nicht. Familien überlegen genauer, ob sie in die Gemeinde ziehen. Die Stadtkasse bleibt knapp. Gleichzeitig rollen wieder neue Modelle vom Band, und das Management bekennt sich weiterhin zum Standort Mattighofen. Ob aus der Stabilisierung wirklich eine Erholung wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Dann muss KTM zeigen, dass der Umsatz nicht nur wegen der Sanierungseffekte steigt, sondern weil die Nachfrage nach den Motorrädern wieder wirklich wächst.




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