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Lehrerausbildung in Österreich: Zu viel Hörsaal, zu wenig Klassenzimmer?

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Volontär · campus a college
01.08.2026
5 Min.

Österreich sucht Lehrkräfte. Gleichzeitig stehen Menschen vor Klassen, obwohl ihre Ausbildung noch läuft. Julia ist 32, unterrichtet bereits an einer Volksschule und studiert nebenbei Lehramt. Sie findet, vieles, was sie jeden Tag im Klassenzimmer braucht, lernt sie erst dort. Ein Schuldirektor kennt das Problem aus seiner eigenen Schule.

Das Lehramtsstudium bereitet nicht genug auf den Berufsalltag vor, sagt Studentin Julia. Also schrieb sie einen Brief an den Bildungsminister (Foto: Shutterstock)

Julia legt den Kugelschreiber auf den Esstisch, unter ihrem Brief an Bildungsminister Christoph Wiederkehr fehlt nur noch die Unterschrift. Vor ihr liegen Unterrichtsvorbereitungen für das kommende Schuljahr, dicke Studienunterlagen und bunte Arbeitsblätter. Eigentlich sind Sommerferien, und doch beschäftigt die 32-Jährige ein Gedanke. Soll sie den Brief abschicken, in dem sie die Lehramtsausbildung in Österreich kritisiert?

„Ich habe das Gefühl, ich lerne meinen Beruf jeden Tag im Klassenzimmer und nicht im Hörsaal“, sagt sie. Deswegen hat Julia diesen Brief geschrieben.

Immer mehr Lehrkräfte mit Sondervertrag

Julias Kritik betrifft nicht nur sie selbst. Österreichs Schulen greifen zunehmend auf Menschen zurück, die noch nicht alle Voraussetzungen für ein reguläres Dienstverhältnis erfüllen. Im Schuljahr 2023/24 waren laut Rechnungshof mehr als elftausend Lehrerinnen und Lehrer mit einem Sondervertrag beschäftigt, also neun Prozent aller Lehrpersonen in Österreich.

Bei den Landeslehrpersonen stieg die Zahl mit Sondervertrag zwischen 2018/19 und 2023/24 österreichweit um 64 Prozent, in Oberösterreich sogar um 86 Prozent. Besonders häufig kamen sie an Volks- und Mittelschulen zum Einsatz.

Hinter solchen Zahlen stehen Menschen wie Julia. Sie unterrichten eigenständig, bereiten Stunden vor und übernehmen Verantwortung für Kinder, während ihre Ausbildung parallel weiterläuft. Julia ist Quereinsteigerin, nach ihrem Bachelorstudium der Bildungswissenschaften mit Schwerpunkt Sozialpädagogik arbeitete sie mehrere Jahre als Sozialpädagogin, in der schulischen Nachmittagsbetreuung und in der mobilen Schülerhilfe. Heute studiert sie Lehramt für die Primarstufe und unterrichtet gleichzeitig als Sondervertragslehrerin an einer Volksschule.

„Niemand zeigt uns, wie man einem Kind das „A“ beibringt“

Während andere Studierende nach einer Lehrveranstaltung nach Hause gehen, beginnt für Julia oft der zweite Teil des Tages. Sie bereitet Unterricht vor, korrigiert Hefte und überlegt, wie sie Kindern einen neuen Lernstoff erklärt oder wieder Struktur in eine unruhige Klasse bringt. „Viele Inhalte des laufenden Studiums erlebe ich als stark wissenschaftlich-theoretisch ausgerichtet und nur begrenzt unmittelbar praxiswirksam“, schreibt sie in ihrem Brief.

Besonders ein Beispiel bleibt hängen. „Wir erhalten einen umfassenden Einblick in die Germanistik“, schreibt Julia. „Aber niemand zeigt uns, wie man einem Kind in der ersten Klasse den Buchstaben „A“ beibringt.“ Dabei soll genau das später ihr Beruf sein. Sie muss nicht nur wissen, wie Sprache funktioniert, sondern einem Kind gegenüberstehen, das Lesen und Schreiben erst lernen soll.

Julia möchte die wissenschaftlichen Inhalte deshalb nicht aus dem Studium streichen. Entwicklungspsychologie, Didaktik und Bildungswissenschaften hält sie für wichtige Grundlagen. Ihr fehlt die Verbindung zu jenen Situationen, die sie jeden Tag in ihrer Klasse erlebt.

Drei Menschen begannen mit null ECTS

Wie weit der Einsatz von noch nicht fertig ausgebildeten Lehrkräften inzwischen reicht, zeigen weitere Zahlen des Rechnungshofs. Lehramtsstudierende mit Sondervertrag in Oberösterreich hatten im Schuljahr 2023/24 durchschnittlich erst 68 ECTS, also Studienfortschrittspunkte, ihres Studiums absolviert. Drei Personen wurden sogar mit null ECTS angestellt. Sie standen also noch ganz am Beginn ihres Lehramtsstudiums.

Der Rechnungshof empfiehlt deshalb, die Zahl der Sondervertragslehrkräfte zu reduzieren und Studienanfängerinnen und Studienanfänger nur restriktiv einzusetzen. Die Prüfer sehen auch fachfremden Unterricht kritisch. An Mittelschulen wurden 2023/24 in Oberösterreich 35 Prozent und in Tirol 46 Prozent der Unterrichtsgegenstände fachfremd unterrichtet. In Oberösterreich waren es 22 Prozent der Deutschstunden und 16 Prozent der Mathematikstunden.

Ein Direktor kennt Julias Problem

Michael Roxas erlebt die Folgen des Lehrkräftemangels aus einer anderen Perspektive. Er ist Schuldirektor am Sacré Coeur in Wien und kennt die Personalsuche aus seinem eigenen Schulalltag. „Auch als Privatschule spüren wir den allgemeinen Lehrkräftemangel. Die Personalsuche ist spürbar aufwendiger geworden“, sagt Roxas. Bei Bedarf beschäftigt seine Schule ebenfalls Studierende oder Lehrkräfte mit Sonderverträgen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen seien häufig hochmotiviert und könnten neue Impulse ins Team bringen, sagt er. Gleichzeitig müssten sie Studium und Schulalltag parallel stemmen.

Roxas kann die Kritik von Julia nachvollziehen. „Die Theorie im Studium ist wichtig“, sagt er. „Aber der konkrete handwerkliche Schulalltag kommt oft zu kurz.“ Gerade bei neuen Lehrkräften beobachte er Bereiche, in denen die Vorbereitung aus seiner Sicht besser sein könnte.

Der Werkzeugkoffer für eine Klasse

Vielen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern fehle ein „gefüllter Werkzeugkoffer für die Klassenführung“, sagt Roxas. Eine Lehrkraft muss schließlich nicht nur ihren Stoff kennen. Sie steht vor einer Gruppe von Kindern, muss Aufmerksamkeit herstellen, Beziehungen aufbauen, Konflikte lösen und gleichzeitig Grenzen setzen. Neue Lehrkräfte müssten ihre eigene Lehrerpersönlichkeit erst entwickeln, sagt er. Zu einer professionellen Beziehung gehöre neben Verständnis auch die Klarheit, Leistung von Schülerinnen und Schülern fordern zu dürfen.

Roxas selbst greift Julias Beispiel mit dem Buchstaben im Gespräch mit campus a auf. „Es braucht viel mehr konkretes Fachwissen darüber, wie Lerninhalte wie die Buchstabeneinführung oder Rechenoperationen Schritt für Schritt aufgebaut werden und wie man mit typischen Lernschwierigkeiten umgeht“, sagt Roxas.

„Die Kommunikation mit Eltern hat eine absolute Schlüsselrolle im Volksschulalltag“, sagt Roxas. Gerade auch darauf bereite das Studium aus seiner Sicht kaum vor. Für Julia gehören solche Aufgaben dagegen schon zum Berufsalltag. Während sie an der Hochschule noch für ihren Beruf ausgebildet wird, muss sie in der Schule bereits als fertige Lehrerin auftreten.

Zwei bis drei Jahre, bis die Sicherheit kommt

Zwei bis drei Jahre dauere es, bis sich neue Lehrkräfte im Schulalltag wirklich sicher fühlen und eine eigene Routine entwickelt haben, sagt Roxas. Wie gut dieser Prozess funktioniere, hänge stark davon ab, wie gut das Team neue Lehrkräfte auffange und wie intensiv der Austausch an der Schule gelebt werde.

Deshalb fordert Roxas nicht einfach möglichst viele zusätzliche Praktikumsstunden, sondern besser gestaltete Praxis. Angehende Lehrkräfte sollten häufiger guten Unterricht beobachten und danach gemeinsam mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen analysieren, was funktioniert hat. Auch die eigene Arbeit müsse regelmäßig hinterfragt werden. „Das gegenseitige Besuchen im Unterricht ist ein mächtiges Werkzeug zur Weiterentwicklung“, sagt Roxas. „Solche kollegialen Hospitationen sollten schon im Studium beginnen.“

Berufserfahrung, die Julia schon mitbringt

Dazu beginnt Julia nicht bei null. Entwicklungspsychologie, Beziehungsarbeit und der Umgang mit Kindern waren also bereits Teil ihres Berufslebens, bevor sie als Lehrerin vor einer Klasse stand.

Trotzdem absolviert sie parallel zum Unterricht ihre Lehramtsausbildung. „Im bestehenden Lehrkräftemangel sollten qualifizierte Quereinsteigerinnen mit pädagogischer Vorbildung und Berufserfahrung nicht durch langjährige parallele Ausbildungswege verloren gehen“, schreibt sie in ihrem Brief. Sie fordert keinen Lehrerberuf ohne Ausbildung. Sie wünscht sich vielmehr, vorhandene Kompetenzen würden stärker berücksichtigt und die weitere Ausbildung könnte sich auf jene Bereiche konzentrieren, die einer Person tatsächlich noch fehlen.

Die Ausbildung soll sich verändern

Auch politisch ist eine Reform der Lehrerbildung vorgesehen. Im Juli 2026 startete der Prozess für sogenannte Schools of Education. Eine Arbeitsgruppe soll verschiedene Modelle für die künftige Lehrkräfteausbildung entwickeln. Ein Ziel ist es, die Ausbildung praxisnäher zu gestalten. Bis daraus ein neues System entsteht, wird allerdings noch Zeit vergehen.

Für Julia ändert sich der Alltag dadurch vorerst nicht. Sie studiert weiter und steht gleichzeitig vor ihrer Klasse. Was sie im Studium theoretisch behandelt, muss sie im Schulalltag praktisch umsetzen.

Auf ihrem Esstisch liegen die Unterlagen für das kommende Schuljahr und der Brief an Bildungsminister Wiederkehr noch immer. Vielleicht unterschreibt sie ihn ja doch und schickt ihn los.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Schüler*innenzeitung campus a college.


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