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Lula oder Bolsonaro? Brasiliens Jugend will Veränderung, doch kein Kandidat überzeugt

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Volontärin · Wirtschaftsuniversität Wien
02.10.2026
6 Min.

An den Universitäten in Brasilien wird der Präsidentschaftswahlkampf jeden Tag spürbarer. Studierende diskutieren über die Kandidaten Lula und Flávio Bolsonaro, doch die meisten fühlen sich von beiden möglichen Präsidenten nicht vertreten. Sie wollen einen klaren Kurswechsel und müssen sich nun für das kleinere Übel entscheiden. campus a sprach mit Studierenden vor Ort.

Bleibt Präsident Lula im Amt? campus a sprach mit Studierenden der Universität in São Paulo über die Wahlen 2026 (Foto: Shutterstock)

Es ist Dienstag, 18:00 Uhr. Ich schiebe mich auf meinem Weg zum Abendessen im bandejão, der Mensa an der Universidade de São Paulo, am Menschengetümmel vorbei, um meinen Platz in der Schlange zum Eingang zu finden. Obwohl ich mich inzwischen an den Trubel zur Mittags- und Abendessenszeit gewöhnt habe, ist diese Woche noch mehr los als sonst. Von allen Seiten reichen Studierende mir Flyer und Sticker in die Hand. „Vote em quem vive e defende as universidades!” (Wählt die, die für die Universitäten leben und sie schützen), steht auf einem. Auf anderen „Mulheres podem fazer a diferença” (Frauen können etwas bewegen) oder „Desmilitarização da polícia já!” (Entmilitarisierung der Polizei jetzt).

Insbesondere hier an der Uni spüre ich, wie die Wahlen am vierten Oktober näher rücken und der politische Druck mit jedem Tag steigt. Brasilien wählt den Präsidenten, das Parlament, die Gouverneure sowie die Landesparlamente und damit Brasiliens politische Orientierung für die nächsten vier Jahre.

Lula muss gegen den nächsten Bolsonaro ran

Der Wahlkampf um die Präsidentschaft spitzt sich zu auf ein Rennen zwischen dem amtierenden sozialdemokratischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, von allen nur Lula genannt, und Flávio Bolsonaro, den Sohn des früheren, derzeit inhaftierten Präsidenten Jair Bolsonaro. Voraussichtlich wird eine Stichwahl zwischen Lula und Flávio Bolsonaro am 25. Oktober über den nächsten Präsidenten Brasiliens entscheiden.

„Ich habe Angst“, sagt mein Studienfreund Guilherme, als ich ihn auf Flávio Bolsonaro anspreche. „Ich habe große Angst, weil ich nicht weiß, was sein wird.“ In Bolsonaro sieht der 20-jährige eine sehr große Gefahr für das Land, weil er Brasilien an die USA verkaufen wolle. „Und dann sind da all die Probleme mit seiner Familie“, sagt Guilherme. Flávios Vater, Jair Bolsonaro war von 2019 bis 2023 Präsident Brasiliens.

Nachdem Jair Bolsonaro die Wahl 2022 verloren hatte und Lula ihn im Amt ablöste, erkannte Bolsonaro das Wahlergebnis nicht an und versuchte aus den USA heraus die Wahlergebnisse zu manipulieren und die Lula-Regierung zu stürzen. Daraufhin verurteilte ihn der Oberste Gerichtshof in Brasilien 2025 zu 27 Jahren Haft. „Flávio will seinen Vater freibekommen“, sagt Guilherme. Auch ihre rechtspopulistischen politischen Ansichten unterschieden sich kaum.

Guilherme studiert Physik an der Universität São Paulo

Guilherme studiert Physik an der Universität São PauloHelena Haselsteiner


In meinem Gespräch mit meiner brasilianischen Freundin Júlia erfahre ich mehr darüber, wieso sich viele junge Menschen nicht mehr mit Lulas Regierung identifizieren können. Wir setzen uns auf eine Bank, etwas abseits des studentischen Gewusels, das zu den Essenszeiten immer um die Cafeteria herrscht. „Ich denke, wir werden Lula als Präsidenten behalten“, sagt die 20-jährige. „Aber er ist kein perfekter Präsident, er ist nicht „mein“ Präsident.“ Sie würde lieber für jemand anderen stimmen, sagt sie, nur gebe es gerade keinen Besseren.

Júlia sagt, Lula sei gegenüber der neueren Generation konservativer geworden, vertrete noch immer seine Wählerschaft der frühen 2000er. Jene Wählerstimmen gewann er damals vor allem während seiner ersten beiden Amtszeiten von 2003 bis 2011. Durch seine Programme wie Bolsa Família, die als staatliche Transferleistungen an besonders armutsbetroffene Familien ausgezahlt wird, half er über 30 Millionen Menschen aus der Armut.

Júlia studiert Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universität São Paulo

Júlia studiert Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universität São PauloHelena Haselsteiner


Während 2011 noch 87 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer Lula unterstützten, scheint er die Erwartungen der Studierenden im Land zu verfehlen. Präsident Lula sei zur Zeit der Militärdiktatur verdammt krass gewesen, sagt die 25-jährige Eduarda und entschuldigt sich danach für ihre Ausdrucksweise. „Darf ich das so sagen? naja, auf jeden Fall war Der Typ verdammt stark, richtig revolutionär“, sagt sie. Aber jetzt, in seiner zweiten, dritten Amtszeit sei er mehr einer von denen, ein typischer Politiker.

Ich treffe Eduarda und ihre Freundin Ana am Institutsgebäude für Architektur. Ana sitzt am Boden, gegen eine Steinbank gelehnt, den Kopf schwer in die Hand gestützt. Sie beide scheinen mit einem Gefühl der Erschöpfung auf die Wahlen zu blicken. Sie möge dieses Gefühl nicht. „Der eine Kandidat ist schlecht, der andere ist das kleinere Übel“, sagt Eduarda. „Es wird also weitergehen, und es wird zumindest alles mittelmäßig schlecht bleiben.“ Die Brasilianer hätten gelernt, sich damit abzufinden, sagen die beiden. Die Menschen hier kämpften nicht mehr gegen dieses Gefühl an.

Jedoch scheint es genau diese Veränderung zu sein, die sich die beiden eigentlich von der Politik erhoffen würden. Für Ana wirkt der Aufstieg der extremen Rechten dabei so groß, dass sie keine wirkliche Alternative aus dem linken Spektrum mehr erkennt. Sie zweifelt daran, ob es überhaupt noch Kandidaten gibt, die linke Werte vertreten, ohne nur leere Versprechungen zu machen. „Und wenn du dieser Person dann das Amt gibst, wird sie auch korrupt, und der gleiche Kreislauf geht weiter.“

Links im Bild: Eduarda, 25 Jahre alt, rechts im Bild: Ana, 20 Jahre alt; beide studieren Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität São Paulo

Links im Bild: Eduarda, 25 Jahre alt, rechts im Bild: Ana, 20 Jahre alt. Beide studieren Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität São PauloHelena Haselsteiner


Vor allem die sozialen Medien übten einen starken Einfluss auf die Politik Brasiliens, da sind sich Ana und Eduarda einig. Während Bolsonaro soziale Medien aktiv durch polarisierende Inhalte nutzen würde, verschliefen linke Parteien den Wandel und bauen weiterhin auf traditionellen Wahlkampf. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Brasilien legt dar, wie die Präsidentschaftswahlen 2018 und 2022 bereits massiv durch den Einsatz von Fake News geprägt waren, zugunsten Jair Bolsonaros.

Doch es sind nicht nur die sozialen Medien, die das politische Klima prägen, auch das Thema Religion spaltet das Land zutiefst. Während die katholische Wählerschaft zu Lula tendiert, generiert die wachsende Gruppe der Evangelikalen vermehrt Unterstützung für die rechten Parteien. Ana erlebe das selbst in ihrer Familie, sagt sie. „Meine Oma zum Beispiel wählt immer den, der aus der Kirche kommt“, sagt Ana und macht die Stimme und Gestik ihrer Großmutter nach. „Jetzt wähle ich also Flávio Bolsonaro, weil er auch Protestant ist.“ Sie selbst sei anders, sagt sie, für sie müssten Religion und Politik völlig getrennt bleiben.

An den Unis wächst die Ernüchterung

Wenn Eduarda etwas an der Politik Brasiliens ändern könnte, sagt sie, würde sie unter anderem die Macht der Agrarindustrie einschränken. Der Agrarsektor gilt als wirtschaftlicher Motor Brasiliens und übt als parteiübergreifende Fraktion der exportorientierten Landwirte Bancada Ruralista auch starken Einfluss auf die Politik. Ohne die Zustimmung der Gruppe können im Kongress weder linke noch rechte Parteien neue Gesetze verabschieden oder Verfassungsänderungen blockieren.

Keiner der Präsidentschaftskandidaten erfüllt, was sich Eduarda, Júlia, Ana und Guilherme eigentlich wünschen. Sie könnten nur für das geringere Übel abstimmen. Ihnen geht es wie anderen Studierenden im Land. „Ich möchte jemanden, der sich um das öffentliche Bildungswesen sorgt, um die Kultur und das Erforschen von Geschichte“, erklärt Guilherme.

„Ich glaube, besonders wenn ihr hierherkommt, habt ihr alle eine sehr schöne Vorstellung davon, was Brasilien ist. Und eigentlich sollte es auch sehr schön sein“, sagt Ana. „Aber für uns, die wir hier leben, ist da draußen, wo ihr herkommt, viel schöner.“ Sie hat viel mit ausländischen Studierenden zu tun seit sie im Integrationsprogramm der Uni arbeitet, erzählt Ana. Sie kennt den romantischen Blick von außen auf Brasilien. „Wir haben hier zwar gute Dinge“, sagt sie. „Aber sie sind nur gut für diejenigen, die Geld haben.“

Zwei Tage sind es noch bis zur Wahl des nächsten Präsidenten Brasiliens, und dabei scheint es für viele keine Wahl für eine revolutionäre, politische Neuorientierung des Landes zu sein. Vielmehr können sie nur hoffen, auf das Ausbleiben einer Katastrophe, ausharren und die jetzige Situation hinnehmen. Dabei wünscht sich die junge Generation einen drastischeren Kurswechsel, der zu progressiver und spürbarer Veränderung führt und das Wohl der Menschen in Brasilien in den Fokus rückt.




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