„Am Samstag mache ich Haushalt, am Sonntag ist Ruhetag“, erzählt Stefan und zuckt kurz mit den Schultern, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Niemand hat ihm diesen Rhythmus vorgegeben, er hat ihn selbst entwickelt. Stefan wurde mit Downsyndrom geboren, er lebt seit sechseinhalb Jahren in einer inklusiven Wohngemeinschaft in Wien und arbeitet unter der Woche beim Catering. Davor wohnte er im betreuten Wohnen. Früher sei alles sehr eingeschränkt gewesen, sagt er. Heute sei sein Alltag lockerer und selbstbestimmter.
Genau darum geht es beim inklusiven Wohnen. Menschen mit und ohne Behinderung teilen Wohnung und Alltag, sie leben miteinander anstatt sich gegenseitig zu betreuen. Stefan entscheidet selbst, wann er aufräumt, wen er einlädt und wie sein Wochenende aussieht.
Ich bin aktiv plant bereits zwei weitere WGs, die Nachfrage ist da. „Wir brauchen mehr langfristige Unterstützung, weniger Bürokratie und mehr leistbaren Wohnraum für solche Projekte“, sagt Streicher, Mitarbeiter beim Verein. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich 2008 ratifiziert hat, garantiert Menschen mit Behinderung das Recht auf selbstbestimmtes Wohnen. In der Praxis gilt das noch längst nicht für alle.
Familiäres WG-Leben
Stefans WG gehört zum Inklusiven Wohnen Augarten, einem Projekt von Jugend am Werk, einer Wiener Organisation, die Menschen mit Behinderung beim selbstständigen Wohnen begleitet. Sie sind zu sechst, vier leben mit Behinderung, zwei nicht. Alle zahlen gleich viel Miete, teilen sich die Aufgaben fair. Wer einziehen möchte, lernt zuerst alle kennen. Am Ende stimmt die WG gemeinsam ab, wer am besten zu ihnen passt.
Amina ist seit mehr als zwei Jahren dabei, auch sie kam mit Downsyndrom zur Welt. Ihre Mutter entdeckte einen Flyer der WG und zeigte ihn ihr, dann stellte sie sich in der WG vor. Das Leben hier fühle sich an, wie ein freundschaftliches Familienleben, sagt Amina. Sie schreibt auch regelmäßig Gedichte und trifft sich einmal pro Woche mit einer kreativen Gruppe. Früher habe sie kaum mit anderen geredet oder aus ihrem Leben erzählt, sagt sie. Heute frage sie nach, höre zu, melde sich. „Früher ist mir das wirklich sehr schwergefallen“, sagt sie, „heute geht es einfach.“ Ausziehen werde sie vielleicht mal, aber erst mit fünfzig oder sechzig, sagt Amina, heute ist sie dreißig.
Voneinander lernen, nicht füreinander funktionieren
„Fehlerkultur ist bei uns ganz wichtig, Fehler dürfen passieren“, sagt Betreuer Bodo. Er unterstützt die Bewohner*innen während der Woche und kennt das Projekt von Anfang an. „Nur wer Fehler machen darf, lernt daraus und entwickelt sich weiter.“ Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Menschen mit Behinderung werden jahrelang von ihren Eltern überbehütet, sagt Bodo, und wenn es dann ums eigenständige Wohnen geht, fehlt das Vertrauen auf beiden Seiten, bei den Eltern und bei den Betroffenen selbst.
Am Wochenende setzen sie das direkt um. Alle Bewohner*innen sind dann auf sich gestellt, ohne Betreuer*innen. Sie planen gemeinsam, teilen die Haushaltsaufgaben auf, und für Küche, Wohnzimmer und Bad kommt eine externe Putzkraft. Das eigene Zimmer räumt jede*r selbst auf.
„Einmal habe ich gemerkt, wie dreckig die Lichtschalter überall waren“, sagt Stefanie Ecker. Sie lebt seit einem Jahr als Mieterin in der WG und arbeitet auch sonst mit Menschen mit Behinderung. „Ich habe Stefan gefragt, ob er mir helfen will zu putzen, er ist sofort aufgestanden und hat das Putzzeug geholt.“ Diese Selbstverständlichkeit beeindrucke sie täglich. „Frau muss immer schön, taff, schlau sein und funktionieren“, sagt sie. „Durch den Kontakt mit den Menschen hier merke ich, das ist nicht so.“
290 Quadratmeter und ein geteilter Balkon
Das gleiche Prinzip, mehr Platz. Beim Verein ich bin aktiv, Lebensbegleitung für Menschen mit Behinderung, leben Menschen mit und ohne Behinderung auf 290 Quadratmetern mit Rundumbalkon zusammen. Alle haben ihr eigenes Zimmer und einen eigenen Balkonbereich, dazu gibt es Gemeinschaftsflächen für alle. Sie zahlen gleich viel Miete, tragen die Verantwortung gemeinsam.
Niklas ist 32, hat Downsyndrom und lebt seit sechs Jahren hier. „Mir gefällt, gemeinsam Sachen zu machen und neue Menschen kennenzulernen“, sagt er. Manchmal gebe es unterschiedliche Meinungen, dann würden sie miteinander reden. Für die Zukunft wünscht er sich mehr Inklusion und mehr Respekt, nicht nur in der WG, sondern überall.
„Keine Betreuung, echtes Miteinander“
Im Lebenshilfe Wohnverbund Röcklbrunstraße in Salzburg wohnen ausschließlich Menschen mit Behinderung, Inklusion müsste also von außen kommen. Christoph ist 30 und lebt seit zehn Jahren hier. Er ist teilbetreut, verwaltet seinen Alltag also weitgehend selbst. Das war nicht immer so. Früher hätten seine Eltern vieles für ihn übernommen, sagt er. Hier hat er gelernt, selbst einzukaufen, selbst zu entscheiden, selbst zu organisieren.
„Geplant wird viel, aber an der Umsetzung fehlt es“, sagt Karli, er arbeitet seit 28 Jahren in der Lebenshilfe, heute ist er Leiter und Betreuer. Er wünsche sich mehr Kontakt zwischen den Bewohner*innen und den Studierenden aus dem selben Gebäudekomplex, sagt er. Studierende könnten gegen eine Mietminderung regelmäßig Zeit hier verbringen, gemeinsame Ausflüge, gemeinsam kochen, einfach nur Zeit zusammen verbringen. „Keine Betreuung, echtes Miteinander“, sagt Karli. „Unsere Leute brauchen wir nicht mehr inkludieren, da geht es um die anderen.“
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