„Die Emo-Szene war nie weg.“, sagt Matthias Nebel im Gespräch mit campus a. „Wir waren in den letzten Jahren nur eben weniger sichtbar als früher.“ Matthias, er bleibt gerne beim „Du“, ist selbst seit mehr als zehn Jahren in der Emo-Szene aktiv und organisiert heute seine eigenen Events, die BLACK PARADE. „Man sieht nicht immer, wer im Herzen alternativ ist“, sagt er. Diese Offenheit präge seine Partys. Da ist er auch gerne selbst dabei, mittendrin, direkt auf den Floors.
Matthias rief das Format 2022 in Graz ins Leben und traf damit offenbar einen Nerv, die erste Veranstaltung war sofort ausverkauft. Kurz darauf brachte er das Konzept nach Wien und organisierte weitere Partys in Österreich und Deutschland. Heute kommen regelmäßig mehr als zwei Tausend Menschen zur BLACK PARADE in die Arena Wien. Um die Veranstaltung entsteht eine Mischung aus Nostalgie, Subkultur und Zugehörigkeit. Die Grenzen zwischen Emo, Pop-Punk, Metalcore, Nu Metal und Hardcore verschwimmen zunehmend. Gerade darin liegt offenbar der Reiz.
Die BLACK PARADE als Zentrum des Revivals
Mit der Eventbeschreibung „It was never a phase mum“ erwartete Matthias vor allem ehemalige Emos seiner Generation, die diese vermeintliche Phase eben nie verlassen haben. Stattdessen entwickelte sich ein deutlich breiteres Publikum. Zu den ehemaligen MySpace-Emos, Metalheads, Goths und Punks, kommen auch junge Emos aus der Gen-Z. Die BLACK PARADE ist heute ein generationenübergreifendes Szene-Treffen.
Gerade die Offenheit unterscheidet die Szene von früher, so Matthias. „Früher warst du als Emo ein absoluter Außenseiter. „Wer gezeigt hat, ich bin alternativ, wurde gemobbt.“, sagt er. Strenge Szeneregeln und Gatekeeping prägten damals den Alltag vieler Jugendlicher. Heute verschwimmen die Grenzen.
Auch die Besucher*innen nehmen das Emo-Revival als generationenübergreifendes Phänomen wahr, Jonas zum Beispiel. Der Metalhead ist mitte dreißig und näherte sich durch die BLACK PARADE der Emo-Szene wieder an. Den klassischen Emo-Look der Nullerjahre mit schwarzem, schräg geschnittenem Pony und zerrissenen Skinny-Jeans sehe man dort aber eher selten: „Es ist eher ein Sammelsurium aus Metallern, Punks und ähnlichen Richtungen.“, sagt Jonas. Überraschend sei vor allem das junge Publikum, das die ursprüngliche Emo-Welle gar nicht selbst miterlebt hat.
Zwischen Zugehörigkeit und Inszenierung
Das sorgt auch für Spannungen. Matthias beobachtet zunehmend Diskussionen darüber, wer überhaupt dazugehören darf. „Mit der Zeit gibt es immer mehr Diskussion darüber, was die Subkultur ist, wer dazugehört und was ausgeschlossen wird“, sagt er.
Vor allem ältere Szenemitglieder kritisierten eine oberflächliche Aneignung der Emo-Ästhetik durch Jüngere. „Früher haben wir uns als Emo bezeichnet, weil wir uns sonst nirgends zugehörig gefühlt haben und in der Szene eine Familie gefunden haben.“, sagt Matthias. „Heute bezeichnen sich manche als Emo, weil sie unbedingt dazugehören wollen, obwohl sie schon eine Zugehörigkeit in der Norm haben. Das kann wie eine Verkleidung wirken.“

Das sieht auch Judy so, sie ist seit 2015 Teil der Szene: „Früher war Emo ein negativ behafteter Begriff, der mit vielen Stereotypen verbunden war.“, sagt sie. Jetzt, mit den neuen Events, gebe es wieder eine Gemeinschaft, die es in dieser Form lange nicht gegeben hat. „Ich glaube, es spielt keine Rolle, wie du dich dort präsentierst.“, sagt Judy. „Du wirst einfach akzeptiert, wenn du die Musik fühlst und die anderen respektierst.“
Eintritt durch Social Media statt Gatekeeper
Der neue Emo-Zuwachs lässt sich nicht ohne Social Media erklären. Vor allem während der Pandemie fanden viele junge Menschen über TikTok oder Instagram Zugang zur Szene. Isolation, Zukunftsängste und psychische Belastungen führten für viele zur Suche nach emotionaler Musik, sagt Matthias. Die Musik biete vielen einen Raum, der sich dieser Themen annimmt und eine Gemeinschaft entwickelt, die von gegenseitiger Unterstützung lebt.
Matthias sieht darin einen wichtigen, wenn auch nicht den einzigen Grund, für das aktuelle Interesse. Emo-Musik biete vielen Jugendlichen ein emotionales Ventil. Die Texte vermitteln das Gefühl, mit Problemen nicht allein zu sein. Das sei der Unterschied zu bloßen Partyformaten. Einen „Hype“ will er das aber nicht nennen. „Die Szene vergrößert und verändert sich laufend.“, sagt Matthias.
Clubs reagieren auf die neue Jugendkultur
Auch die Wiener Clublandschaft verändert sich seit einigen Jahren stark. Themenpartys ersetzen vielerorts klassische Stammclubs. Statt jedes Wochenende in denselben Club zu gehen, orientiert sich das Publikum stärker an kuratierten Formaten. Das zeigt sich auch in der alternativen Szene.
Neben Matthias' BLACK PARADE in der Arena Wien, haben sich auch BREAKDOWN im Club Viper Room, Not Okay im Club The Chamber oder ADDICTED TO INDIE, EMO & POP PUNK im U4 etabliert. Dazu kommen Formate wie die aus Deutschland stammende MoreCore Party, die auch im Flex oder Club U Station macht. Das Angebot ist heute deutlich breiter als noch vor wenigen Jahren.

Auch Tobias Bischof reagiert mit seinem Club The Chamber auf die wachsende Nachfrage nach alternativen Partyformaten. Seit der Eröffnung des Clubs Anfang des Jahres veranstaltet er dort unter anderem die Emo-Nacht Not Okay. „Zum Revival der Emo-Szene kommt es vermutlich durch die Kombination einer Retrowelle und einigen musikalischen Neuerscheinungen“, sagt er. Gleichzeitig verbindet er bei Not Okay Emo mit Alternative, Pop-Punk und Metalcore. Dadurch erreicht das Format sowohl ehemalige Besucher*innen der Nullerjahre als auch Jüngere.
Identifikation und Politik statt nur Nostalgie
Die heutigen Veranstaltungen funktionieren allerdings nicht nur über Erinnerungen. Identifikation spiele auch eine Rolle, sagt Matthias. Vor allem queere Menschen erleben die Szene erneut als geschützten Raum. „ Die Kultur ist sehr akzeptierend und nimmt dich an, wie du bist. Gerade queere Personen finden hier einen Safe Space“, sagt er.
Mäggy ist selbst seit Jahren teil der Szene. Sie sieht auch eine politische Dimension: „Die meisten Menschen, die sich mit dem Begriff Emo identifizieren, haben auch eine ähnliche politische oder feministische Meinung.“, sagt sie. „Das verstärkt das Zugehörigkeitsgefühl enorm.“ Diese Identifikation spiegle sich dabei auch im persönlichen Auftreten wider. „Ohne den Kontakt zu der Szene hätte ich mich nie getraut, mich so anzuziehen oder so zu schminken, wie ich es jetzt tue“, sagt Mäggy.
„Emo ist eine Subkultur, die sich selbst erst finden musste und sich auch nun neu finden muss.“, sagt Matthias. Einige dieser Entwicklungen bedeuten nicht unbedingt einen Verlust, sondern eine gewisse Öffnung, Viele Besucher*innen seien „innerlich immer noch Emo“, auch wenn man es ihnen äußerlich nicht mehr ansieht.
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