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Österreichs moderne Satanisten: Humanismus statt Antichrist

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Volontär · Universität Wien
28.07.2026
6 Min.

Satanismus steht bis heute für Angst, dunkle Rituale und den Teufel. Doch viele moderne Satanisten glauben nicht einmal an Satan. Ein Blick in die österreichische Satanistenszene zeigt, sie reden lieber über Menschenrechte, als über Teufelsanbetung.

Gleiche Ästhetik, andere Themen. Mitglieder des Satanic Temple Austria verstehen Satan nicht als dunkle Gottheit, sondern als Symbol für Rebellion gegen autoritäre Strukturen. (Foto: APA-Images / Caro / Schuelke)

Auf der Plattform Discord ploppt eine neue Nachricht auf. Kurz darauf schalten sich Stimmen aus Graz, Wien, Frankreich, Deutschland und den USA zu. Wie tolerant muss eine tolerante Gesellschaft sein? Welche Verantwortung trägt jeder Mensch gegenüber anderen? Was bedeutet Feminismus aus satanischer Sicht? Fast zwei Stunden diskutieren die rund vierzig Mitglieder des Satanic Temple Austria über die drei Fragen. Das schwarze Pentagramm, das da neben dem Servernamen steht, wirkt wie ein Widerspruch zu den Gesprächen.

Wer bei Satanismus an blutverschmierte Altäre, düstere Kellergewölbe, schwarze Messen, Tieropfer, umgedrehte Kreuze, Kapuzenroben und Teufelsanbetung denkt, liegt daneben. Statt geheimen Ritualen trifft sich der Satanic Temple Austria hauptsächlich online zu einem philosophischen Debattierclub. Es geht um Ethik, Religion, Politik oder Philosophie. Einen Vortrag hält niemand. Stattdessen diskutieren die Teilnehmer, hören einander zu und hinterfragen ihre eigenen Positionen.

Satanismus mit Mitgefühl

„Übernatürlichen Schnickschnack“ lehnen die meisten modernen Satanisten ab, sagt Melankali, im Interview mit campus a. Eigentlich heißt die Leiterin des Satanic Temple Austria anders, im Chat kennen sie alle nur unter diesem Alias. Ihre Weltanschauung beschreibt sie als „Humanismus mit Chili“.

Neben ihren Online-Chats organisiert die Gemeinschaft auch Treffen im echten Leben. Im Juni beteiligte sich die österreichische Gruppierung an einer internationalen Blutspendeaktion des Satantic Temple. Weltweit kamen dabei 699 bestätigte Spendenzusagen zusammen, das symbolische von 666 übertraf die Gruppe. Nach Angaben der Organisation könnten dadurch mehr als 2.000 Menschen medizinisch profitieren. „Mitgefühl in Aktion“ nennt der Tempel die Kampagne.

Auch die Walpurgisnacht ist für die Gruppe ein wichtiger Termin. Viele verbinden den Tag mit Hexensabbaten oder düsteren Ritualen, der Satanic Temple Austria veranstaltete eine Mahnwache gegen Femizide. Sie sprachen über Frauenrechte, religiöse Freiheit und gesellschaftliche Ausgrenzung. Humanismus mit Chili eben.

Satan als Symbol

„Satan ist für uns keine Gottheit“, sagt Melankali. Für sie steht er für den Rebellen, der sich gegen willkürliche Herrschaft stellt. Ihr Satan stammt aus literarischen Werken wie Paradise Lost des englischen Dichters John Milton oder Revolt of the Angels des Franzosen Anatole France. Dort verkörpert er den Widerstand gegen Tyrannei und willkürliche Herrschaft. „Das Aufstehen für soziale Gerechtigkeit ist ein ganz zentraler Wert“, sagt sie. Der Tempelsatanismus verstehe sich als humanistisch, demokratisch und progressiv.

Ganz verabschiedet haben sie sich von den klassischen Symbolen aber nicht. Viele Mitglieder tragen bevorzugt schwarze Kleidung oder Schmuck mit Pentagrammen und Baphomet-Motiven. Für sie sind diese Zeichen Ausdruck von Individualität, Provokation und der bewussten Abgrenzung von gesellschaftlichen Konventionen, keine religiösen Kultobjekte.

Der Religionswissenschaftler Dirk Schuster von der Universität Wien ordnet Satanismus vor allem als Gegenbild zum Christentum ein. „Den Satanismus kann es eigentlich gar nicht ohne das Christentum geben“, sagt er im Gespräch mit campus a. Satan sei schließlich eine Figur der Bibel und existiere als Gegenstück zu Gott.

Kleine Gemeinschaft mit klaren Vorstellungen

Melankali wollte nie eine Religionsgemeinschaft gründen. „Das war wirklich nicht auf meiner Liste“, sagt sie. Eine große Bewegung ist aus ihrem Tempel auch noch nicht geworden. Rund vierzig Menschen treffen sich mittlerweile auf dem Discord-Server des Satanic Temple Austria. „Man kann von sehr bescheidenen Anfängen sprechen“, sagt Melankali.

Wer Mitglied werden möchte, landet nicht sofort auf dem Server, zuerst braucht es ein etwa einstündiges Gespräch. Melankali will wissen, warum die Interessenten Satanisten werden möchten. „Wir wollen sehen, ob wir ungefähr dieselbe Vorstellung vom modernen Satanismus haben“, sagt sie. Menschen die „grobe Sicherheitsbedenken oder komplett falsche Vorstellungen mitbringen“, wolle die Gruppe möglichst früh aussortieren.

Zum Satanismus kam Melankali eher zufällig. 2019 arbeitete sie in New York, als sie gemeinsam mit einer Freundin die Dokumentation Hail Satan? sah. Anschließend recherchierte sie weiter und schloss sich der New Yorker Gruppe des Satanic Temple an. Zwei Jahre lang hörte sie bei deren Online-Treffen vor allem zu. „Ich wollte herausfinden, ob das nur Betrug ist, oder ob die Menschen dort wirklich so sind, wie sie wirken“, erzählt sie. Beeindruckt habe sie vor allem der respektvolle Umgang miteinander. Als sie nach Österreich zurückkehrte, wollte sie diese Gemeinschaft auch hier aufbauen.

Die große Angst vor dem Satanismus in Österreich

Zum Ende der 1990er-Jahre dominierte Satanismus österreichische Schlagzeilen und Fernsehsendungen. Medien berichteten über Friedhofsschändungen, angebliche Rituale und selbst über vermutete Verbindungen zu Selbstmorden. Mehrere Todesfälle in der Steiermark und in Tirol wurden mit Satanismus in Verbindung gebracht, die Ermittler fanden dafür jedoch keinen Beleg. Rund um die Jahrtausendwende schaffte es der Satanismus sogar in Verfassungsschutzberichte.

„Satanismus spielt zumindest in den Anfragen, die derzeit an uns herangetragen werden, kaum eine Rolle mehr“, sagt Claudia Adler, stellvertretende Geschäftsführerin der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen. Der Satanismus-Hype von damals habe sich inzwischen gelegt.

Die letzte größere österreichische Erhebung zu Satanismus unter Jugendlichen stammt aus dem Jahr 2006. Damals gaben knapp zwei Prozent der Befragten an, sich einer „Satansgemeinschaft“ verbunden zu fühlen. Neuere repräsentative Studien liegen nicht vor. „Österreich ist überhaupt kein fruchtbarer Boden für sowas“, sagt Melankali. Moderner Satanismus sei Österreich bis heute ein Nischenthema.

Der Satan, der keiner ist

Als der amerikanische Autor Anton LaVey 1966 die Church of Satan gründete, machte er Satan nicht zur Gottheit, sondern zum Sinnbild für Individualismus und Rebellion gegen religiöse Moralvorstellungen. Damit prägte er den modernen Satanismus bis heute.

„Satan wird als Symbol der Abgrenzung gegen die gesellschaftliche Norm gesehen“, beschreibt Religionsforscher Schuster das Prinzip. Alles, was lange als böse oder verboten galt, werde bewusst aufgegriffen, um Denkgewohnheiten infrage zu stellen.

Deshalb bleibt die Symbolik provokant. Wegen der umgedrehten Pentagramme, Baphomet-Darstellungen und dem Gruß „Ave Satanas“, würden Menschen heute noch zuerst an Teufelsanbetung denken. „Die Idee, wir würden den Teufel anbeten, ist sicher die durchgängigste“, sagt sie. Das sei das größte Missverständnis, viele Menschen blieben bei der christlichen Vorstellung hängen. Der moderne Satanismus versuche diese Figur jedoch neu zu deuten.

Satanismus verschwindet, neue digitale Kulte entstehen

Während Satanismus für die Bundesstelle für Sektenfragen heute kaum noch eine Rolle spielt, beschäftigt sie mittlerweile ein anderes Phänomen. Nihilistic Violent Extremism (NVE), also nihilistischer gewalttätiger Extremismus, lose Online-Netzwerke, die vor allem über Plattformen wie Telegram, Discord oder Roblox Kinder und Jugendliche ansprechen.

Besonders bekannt wurde das Netzwerk 764. Der Name geht auf die ersten drei Ziffern der Postleitzahl der texanischen Heimatstadt seines Gründers zurück. Das lose organisierte Online-Netzwerk entstand 2021. Ermittlungsbehörden zufolge sprechen Mitglieder gezielt ungeschützte Kinder und Jugendliche an, bauen zunächst Vertrauen auf und versuchen anschließend, ihre Opfer durch Einschüchterung, Erpressung oder sozialen Druck zu kontrollieren. Internationale Behörden bringen einzelne Mitglieder des Netzwerks mit Fällen von digitaler sexueller Erpressung, Selbstverletzung, Gewaltdelikten und Suiziden in Verbindung.

Die Bundesstelle für Sektenfragen veröffentlichte deshalb bereits im März 2025 eine Warnung. Anders als klassische Sekten, würden diese Gemeinschaften fast ausschließlich online entstehen. Sie entwickelten eigene Symbole, Sprache und Hierarchien, Anerkennung erhielten Mitglieder häufig durch immer extremere Handlungen.

Post aus der Hölle

Früher habe die satanistische Szene von ihrer Geheimniskrämerei gelebt, sagt Schuster. Heute seien Symbolik, Organisationen und Ideologien mit wenigen Klicks im Internet nachzulesen. „Diese Offenlegung hat dem Ganzen den Reiz genommen.“

Melankali bekommt regelmäßig Nachrichten zum Satanic Tempel. Manche sind neugierig, andere beleidigend oder bedrohlich. „Akzeptiere jetzt Gott und Jesus als deinen Erlöser, sonst wirst du für ewig in der Hölle schmoren.“

Auf Discord diskutiert sie wenige Stunden nach dem Gespräch mit campus a wieder über Philosophie. Im Postfach warten inzwischen neue Nachrichten. Manche wünschen ihr die Hölle. Andere fragen nach Feminismus oder danach, wie sie Mitglied werden können.

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