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Ottakring wird für Zugezogene vom Geheimtipp zum Lieblingsbezirk. Nicht alle freut der Wandel

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Volontärin · Universität Wien
14.09.2026
5 Min.

Ottakring verändert sein Gesicht. Immer mehr junge Menschen entdecken den Sechzehnten für sich und prägen das Leben rund um Brunnenmarkt und Yppenplatz. Mit den Studierenden kommt das Leben aus dem Innern des Gürtels zunehmend nach Ottakring. Die Veränderungen begeistert nicht alle.

Gerade in warmen Sommernächten wird der Yppenplatz zum Hotspot (Foto: PID/Christian Fürthner )

In einer Ecke am Yppenplatz spielt ein Musiker Vienna auf seiner Mundharmonika. Billy Joels Hymne für das ruhige Leben begleitet diesen Ottakringer Sommerabend unaufgeregt schön. Es ist nach 22:00 Uhr, noch immer warm und vor den Lokalen gibt es längst keine freien Plätze mehr. Niemand hier wirkt aber so, als suche er noch einen Platz, dafür sind die Menschen zu entspannt. Wer keinen Tisch findet, macht sich seinen eben selbst, auf einer Bank, mit einer Flasche Wein und einer Partie Karten. Heute ist einer dieser typischen Abende am Yppenplatz, voll, aber nicht hektisch.

Genau solche geselligen Abende prägen das Bild, das die Menschen mittlerweile von Ottakring haben. Immer mehr Studierende aus dem Innern des Gürtels kommen hier gerne hin, verbringen ihre Freizeit oder ziehen gleich her. Viele schätzen diesen Charme des Sechzehnten, der ist es eben noch anders, vielleicht unentdeckter. Im Siebten oder Achten sitzt kein Mann mit seiner Mundharmonika und spielt langsame Melodien gegen die Hektik der Großstadt.

Ottakring zählt zu den Wiener Bezirken, die am schnellsten wachsen. 2025 leben hier knapp mehr als einhunderttausend Menschen, das bringt Konflikte mit sich. Einige stören sich an den ganzen Neuen hier, ihnen verändert sich der Bezirk zu schnell. Andere wollen erst noch richtig ankommen. Seit Februar 2026 gilt um den Yppenplatz auch ein Waffenverbot, der Bereich rund um den Kinderspielplatz ist jetzt eine Schutzzone. Immer wieder geht es um Lärmbelästigung, Drogenhandel und Sicherheit.

Heimat zwischen Marktständen

Für Johanna, 21, ist Ottakring längst Heimat. Mit neun Jahren zog sie aus Margareten in den Sechzehnten. Heute nennt sie ihn ihr „Lieblingsviertel“. Acht Jahre lang besuchte sie das Gymnasium am Schuhmeierplatz. Die Jahre prägten ihre emotionale Nähe zum Bezirk. „Es ist zwar nicht unbedingt der schönste Platz“, sagt sie. „Aber ich verbinde ihn mit einer schönen Zeit.“

Auch der Brunnenmarkt ist für sie „typisch Ottakring“. Auf 948 Metern reihen sich rund 170 Stände aneinander. Noch bevor die Stadt erwacht, klappen die ersten Standbetreiber ihre Stände auf, verschieben Kisten und sortieren Obst. Zwischen den Ständen kommen die Menschen bei einem Tee zusammen, sprechen über dies und jenes. Genau diese Stimmung mache das „Nachbarschaftsgefühl“ für sie aus, sagt Johanna. Sie liebt das am Sechzehnten, deswegen ist der Bezirk für sie so besonders.

Früchte auf dem Brunnenmarkt

Es heißt, auf dem Brunnenmarkt gebe es das frischste Obst in WienEmily Minas

„Viele kaufen hier ein, egal von welcher Herkunft“, erzählt ein Fleischhändler am Brunnenmarkt zwischen Auslagen, Kisten und Kunden. Sie kennen einander alle, stehen hier Tag für Tag und folgen ihren eingespielten Abläufen. „Sehr familiär“ fühle sich die Arbeit am Markt an, und leer werde es eigentlich nie.

Viele Studierende ziehen nach Ottakring

Auch Johanna beobachtet, wie sich Ottakring verändert. „Jung, vielfältig und zunehmend gefragt“, sei der Bezirk. Viele Studierende ziehen zu, besonders aus dem Ausland. Die Mietpreise gelten im Vergleich zu anderen Wiener Bezirken noch als leistbar, sie steigen langsamer als auf der anderen Seite des Gürtels. Auch deswegen liebt Johanna den Bezirk, nur die Straßenbahn störe sie. „Alle müssen hier immer so lange warten“, sagt sie über die zehnminütigen Intervalle. „Das kann eigentlich nicht sein.“

Greta, 20, kommt ursprünglich aus Deutschland und lebt eigentlich im neunten Bezirk, trotzdem ist sie häufig hier. „Ich verbringe viel Zeit in Ottakring, vor allem hier am Yppenplatz“, sagt sie. Sie treffe gleich eine Freundin im Café Wirr am Brunnenmarkt. „Der Platz und das Café sind für meine Freunde und mich zum Treffpunkt geworden.“

Gerade im Sommer blühe dieser Ort auf, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, hier kommen die Menschen einfach zusammen, egal woher sie sind.“ Viele bleiben länger, als sie ursprünglich geplant haben. Für Greta macht genau das den Reiz des Bezirks aus. „Die Menschen sind hier einfach authentisch, weniger touristisch.“

Vielfalt, Wandel und alte Klischees

Auch die Bezirksvorsteherin Stefanie Lamp (SPÖ) sieht die Vielfalt als Teil von Ottakrings Identität. „Die Diversität ist eine Stärke“, sagt sie. „Sie wird erst dann zur Herausforderung, wenn Interessen aufeinandertreffen”.

Seit 2024 steht Lamp an der Spitze des Bezirks und kennt auch die Konflikte rund um den Yppenplatz. Lärmbeschwerden, soziale Spannungen, Drogenkonsum und Waffen beschäftigen Ottakring. Einen plötzlichen Boom beobachtet sie aber nicht. „In den letzten 10 Jahren gab es keine außergewöhnliche Veränderung“, sagt Lamp. Heute würden allerdings deutlich mehr Menschen ihre Freizeit und ihre Abende in Ottakring verbringen als noch vor einigen Jahren.


Blick von oben auf den Brunnenmarkt

Brunnenmarkt und Yppenplatz bilden das Herz des beliebten GrätzlsWienTourismus/Paul Bauer

Allmählich veränderten sich die alten Vorurteile über Ottakring, sagt Lamp. Lange galt der Sechzehnte als chaotisch und typischer Arbeiterbezirk, sagt sie. Zuwanderungsbewegungen prägten die Geschichte des Bezirks. Früher sei es die türkische Migration gewesen, 2015 dann die Fluchtbewegung aus Nordafrika, sagt Lamp. Jetzt kommen auch immer mehr Studierende hierhin. Heute lebe diese Vielfalt im Alltag auf dem Marktplatz, in Cafés, in den Wohnvierteln weiter.

Der Bezirk und seine Seele

Zwischen alteingesessenen Geschäften, neuen Lokalen und Zugezogenen, die den Bezirk erst für sich entdecken, verändert sich vor allem der Blick auf das Stadtviertel. Was die Menschen früher mit einem chaotischen Image verbunden haben, wird heute zunehmend zum Anziehungspunkt. Das freut allerdings nicht alle. Sie fürchten um die alte Seele des Bezirks, sie lieben den rauen Charme.

Der Mann mit seiner Mundharmonika verkörpert diese Seele, er und Billy Joel haben hier immer hergepasst. Einige Gäste sitzen noch lange vor den Lokalen, andere stehen mit ihren Getränken an den Tischen oder unterhalten sich auf den Bänken. In ihren lauten Stimmen geht die Musik fast unter, spendet aber weiterhin untergründig die Melodie dieses schönen Abends. Vielleicht steht der alte Musiker doch noch mehr für diesen Bezirk im Wandel, als die neuen Menschen um ihn herum.


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