Zehn Meter freier Fall mit direktem Blick auf den „Teich“, wie die Einheimischen das Becken gerne nennen: Das bietet der Sprungturm des Freibades Fürstenfeld, eines der größten Beckenfreibad Europas, gelegen mitten im grünen Herzens Österreich. Was hier vor rund sechzig Jahren als finanzielles Debakel mit Kosten, die sich während der Bauzeit verfünffachten, begann, ist heute eine Institution aus Beton und grün-blauem Glitzern.
Für gerade einmal zehn Euro Eintritt (fünf Euro für Ermäßigte) tauchen Besucher hier in eine Welt der Superlative ein. Auf einer Wasserfläche von rund 23.000 Quadratmetern, was drei Fußballfeldern entspricht, suchen Ortsansässige ebenso wie Auslands-Gäste Abkühlung. Das Becken, das mit 32 Millionen Litern mehr Wasser als 100.000 Badewannen enthält, gehört laut einem Ranking des US-Finanzdienstleisters American Express sogar zu den Top fünf der größten Pools auf dem ganzen Planeten.
Doch die Anlage hat mehr zu bieten als schiere Größe. Wer den Adrenalinkick sucht, kann sich auch die 116 Meter lange Speed-Rutsche hinunter stürzen, die längste ihrer Art in einem österreichischen Beckenbad. Sportbegeisterte ziehen im Fünfzig-Meter-Sportbecken ihre Bahnen, während an Land sechs Beachvolleyballplätze, Streetbasketball-Courts und eine professionelle Trampolinanlage warten. Wer es etwas ruhiger mag, nutzt das kostenlose WLAN direkt auf der Liegewiese. Mobiles Arbeiten im Grünen statt Hitze im Büro ist hier möglich.

Vom „Großen Wasser“ zum hawaiianischen Glück
Die Weite der Anlage hat auch den Gastronomen Phillip Hofer inspiriert, der dein Freibad-Restaurant „Moana“ getauft hat. „Moana heißt großes Wasser auf Hawaiianisch“, erklärt er stolz. Der 47-Jährige hat den Betrieb von seinem Schwiegervater übernommen, der das Restaurant zwanzig Jahre lang leitete. In „Shop“, den Hofer ebenfalls betreibt, bekommen Badegäste alles, was sie vergessen haben könnten: von der Sonnencreme über Schwimmhilfen bis hin zur Tageszeitung. Auch eine Spielehalle mit Airhockey und Boxautomaten gehört zum Imperium des Fürstenfelder Freibad-Tycoons.
Doch nicht alle Gäste sehnen sich hier nach dem „Moana“ mit pazifischen Dimensionen, den meisten reichen schon ein paar Quadratmeter im Schatten. Wer genug vom „großen Wasser“ hat, findet auf den 100.000 Quadratmetern Liegewiese unter riesigen Platanen immer ein Plätzchen. Das bestätigt auch die 69-jährige Ilse Schmiedhofer, die schon seit ihrer Kindheit hierher kommt: „Es ist immer genug Platz im Schatten frei“, freut sie sich. Während sie mit ihrem Mann Werner (71) die Ruhe genießt, sind ihre Enkelkinder am Spielplatz unterwegs und klettern auf den Gerüsten herum.

Adrenalin-Junkies und Flusswasser-Fans
Jugendlichen, die dem Spielplatz entwachsen sind, liefert das Bade ebenfalls Action. „Ich bin schon vom Zehner gesprungen und finde es richtig cool, dass es den hier gibt“, sagt Lina Gruber (15). Gemeinsam mit ihrer Freundin Lisa Kindlhofer (14) hat sie heute auch schon die neuen Oktopus-ähnlichen Luftburgen im Wasser „abgecheckt“. „Da hochzuklettern hochklettern ist richtig toll“, schwärmt Lisa, auch wenn mancher jüngerer Badegast dabei den Halt verliert und ins Wasser platscht.

Bademeister Johann Joszt (63) geht auch selbst gerne ins Wasser, und das aus gutem Grund. „Das Geniale ist, dass wir das Wasser direkt aus der Feistritz haben. Wir verbrauchen kein Trinkwasser.“ Das Auffüllen jeweils im Frühjahr ist eine logistische Meisterleistung. Es dauert 45 Stunden, also fast zwei Tage und Nächte, um die gigantischen Becken komplett zu füllen. 700.000 Liter Flusswasser kommen dabei durch die modernen Filteranlagen in den „Teich“.
30.000 Schritte für die Sicherheit
Hinter den Kulissen des steirischen Mega-Bades herrscht Schwerstarbeit, und manchmal geht es sogar um Leben und Tod. Joszt erinnert sich an eine dramatische Rettung am Sprungturm: „Jemand ist aufgeklatscht und untergegangen. Ich bin sofort nachgesprungen und losgetaucht. Ich hatte das Glück, ihn an der Hand zu erwischen.“ Solche Situationen wirken bei ihm lange nach, auch wenn er heute längst wieder mit stoischer Ruhe über die friedlichen Schwimmer wacht und oder den pH-Wert des Wassers prüft.

Richard Schandor (15), der diesen Sommer als Bademeister aushilft, hat per Gesundheits-App eine erstaunliche Nebenwirkung seines Jobs entdeckt. Sein Handy zeigt jeden Abend Zahlen, die selbst ambitionierte Wanderer erblassen lassen. „30.000 Schritte mache ich mindestens am Tag“, erzählt er uns. „Wenn ich so weiter mache, kann ich bald einen Marathon laufen.“ Während die erfahrenen Bademeister in zwei Schichten über die Schwimmer wachen, ist Richard auch für einfache aber notwendige Aufgaben zuständig: „Als Teil des Ferialstabs muss ich auch Drecksarbeit machen“, schildert er. „Zum Beispiel die Beckenreinigung.“

Nostalgie, Pommes und einsame Enten
Für Renate Steiner (71) und Gertraud Deutsch (74) gehört das Bad zu ihrer Lebensgeschichte. „Wir sind jeden Sommer hier, seit dem Anfang vor sechzig Jahren“, erzählen die Freundinnen, die meist sportlich mit dem Fahrrad herkommen. Sie genießen die Weitläufigkeit, auch wenn sie den alten schattenspendenden Bäumen nachtrauern, die mit der Zeit verschwanden. „Jetzt haben sie neue gepflanzt, aber bis die genauso viel Schatten liefern, müssen wir wohl noch einmal sechzig Jahre warten“, scherzt Renate gut gelaunt.
Wenn den beiden im Schatten dann aber einmal der Magen knurrt, ist meist klar, wofür sie sich entscheiden. Am „Moana“ führt dann sowieso kein Weg vorbei, und dann ist in Fürstenfeld eines so sicher wie das Amen im Gebet: Freibad und Pommes gehören auch hier zusammen. Deshalb hat Gastronom und Entertainment-King Hofer dem salzigen Snack ein Preisschild von nur 4,90 Euro umgehängt. Wer neben süßen Preisen auch süßes Essen mag, kommt ebenfalls auf seine Kosten: „Wir haben ziemlich gutes Eis, das machen wir alles selber“, verrät Hofer stolz.

Ein Ort, der niemals schläft
Selbst wenn der Himmel einmal bewölkt ist, also „Arschwetter“ herrscht, wie die Jugendlichen hier sagen, bleibt das Bad ein Magnet. Die Gäste des angrenzenden Campingplatzes haben einen direkten Beckenzugang. Nicht weit entfernt planen andere schon das nächste große Event. Beim Moonlight-Schwimmen bis tief in die Nacht oder beim legendären Freibadfest mit Feuerwerk und Live-Musik feiert Fürstenfeld seinen Süßwasser-Pazifik.
Erst wenn die Sonne tief steht und der Uhrzeiger auf die Acht zeigt, schließen sich die Pforten. Es kehrt eine fast feierliche Ruhe im größten Becken Europas ein. Dann gehören die glitzernden Fluten wieder den eigentlichen Bewohnern, die keine Saisonkarten brauchen: den Enten.
Zurück bleibt das leise Plätschern eines Bades, das seit Generationen beweist, dass Fernreisen überschätzt sind. Vielleicht liegt darin das Geheimnis dieses Giganten: Er ist groß genug für weltweite Superlative und zugleich so nahbar, dass ihn die Fürstenfelder trotzdem einfach nur ihren „Teich“ nennen.
