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Preisgekrönte Regisseurin Jola Wieczorek über ihren neuen Film: „Migration hat immer mit Verlust zu tun“

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Volontär · Universität Wien
22.09.2026
7 Min.

In „Die noch unbekannten Tage“ folgt Regisseurin Jola Wieczorek den Spuren ihrer Familie von Polen nach Österreich. Im Interview mit campus a spricht sie über Heimat und Verlust, die Demenz ihrer Mutter und den Versuch, mit der Kamera Erinnerungen festzuhalten, bevor sie verschwinden. Mit dem Dokumentarfilm gewann Wieczorek den Max Ophüls Preis 2026, am 25. September startet „die noch unbekannten Tage“ in den österreichischen Kinos.

Jola Wieczorek gewann mit „Die noch unbekannten Tage“ den Max Ophüls Preis 2026 für den besten Dokumentarfilm. (Foto: Ruben Rocha)

Als Jola Wieczoreks Mutter zunehmend ihre Erinnerungen verliert, läuft der Regisseurin die Zeit davon. Sie will ihre Familiengeschichte festhalten, solange ihre Mutter selbst davon erzählen kann. 1989 verlassen ihre Eltern Polen, um ihren Kindern in Österreich bessere Chancen zu ermöglichen. Für ihren Film „Die noch unbekannten Tage“ reist Wieczorek mit ihrer Familie zurück an die Schauplätze dieser Vergangenheit nach Polen, über das Flüchtlingslager Traiskirchen bis ins Salzkammergut. Briefe und widersprüchliche Erinnerungen zeigen, welchen Preis dieser Neuanfang forderte.

campus a: Der Film erzählt Ihre Familiengeschichte. Warum wollten Sie dieses persönliche Thema jetzt mit der Kamera erzählen?

Jola Wieczorek: Die Fragen begleiten mich schon lange: Warum haben wir Polen verlassen? Warum landeten wir im Salzkammergut und nicht in Kanada, Australien oder Schweden? Ich wusste immer, ich möchte diese Geschichte erzählen, nur die Form fehlte mir. Während meines Studiums beschäftigte ich mich im Kurzfilm „Briefe nach Polen“ intensiver mit der Migration meiner Familie und befragte meine Eltern. Den Ausschlag für diesen Film gab die Demenzerkrankung meiner Mutter. Da wusste ich: entweder mache ich ihn jetzt oder nie. Ich wollte die Geschichte festhalten, solange meine Eltern selbst davon erzählen können.

Die Mutter von Jola Wieczorek leidet unter Demenz

Jola Wieczoreks Mutter leidet unter Demenz®FahrenheitFilms_Still_4


Mussten Sie Szenen oder Erinnerungen aus dem Film streichen, die Sie gerne gezeigt hätten?

Natürlich. Bei einigen Dingen hatte ich Zweifel, andere gehörten für mich nicht in die Öffentlichkeit. In jeder Familie dürfen Geheimnisse bei denjenigen bleiben, die sie bewahren. Diese Grenze wollte ich respektieren. Im Film sagt mein Vater an einer Stelle, er möchte über etwas nicht sprechen. Die Szene blieb bewusst im Film, weil sie diese Grenze sichtbar macht. Dahinter liegt eine andere Wahrheit, aber sie gehört meinem Vater und muss nicht öffentlich werden.

Der Titel „Die noch unbekannten Tage“ klingt geheimnisvoll. Woher stammt er?

Der Titel geht auf das Lied „Die Tage, die wir noch nicht kennen“ des polnischen Sängers Marek Grechuta zurück, das mich durch meine Kindheit begleitet hat. Es erzählt von der Ungewissheit der Zukunft, in die auch meine Eltern aufbrachen. Sie wussten nicht, wo sie ein Jahr später leben würden. Kanada, Schweden, Südafrika oder Australien standen im Raum. Während der Filmentwicklung dachte ich deshalb oft an das Lied. Wir wollten es verwenden, konnten uns die Rechte aber nicht leisten. Die Idee blieb im Titel erhalten. Diese Ungewissheit betrifft die Vergangenheit meiner Eltern ebenso wie unsere Gegenwart und Zukunft, geprägt von der Erkrankung meiner Mutter und der nächsten Generation.

Die Migration erscheint im Film zunächst als Entscheidung für eine bessere Zukunft. Zugleich erzählt der Film von Verlust. Wann verstanden Sie Ihre Familiengeschichte weniger als Aufstieg und stärker als Geschichte eines Preises?

Einen einzelnen Moment gab es dafür wohl nicht. Dieses Gefühl war immer da. Migration hat mit Verlust zu tun und bedeutet, etwas aufzugeben, um etwas anderes zu bekommen. Einen idealen Ort, an dem plötzlich alles besser ist, gibt es nicht. Meine Eltern konnten in Österreich ihre ursprünglichen Berufe nicht weiter ausüben, ihre Universitätsabschlüsse galten hier nicht. Sie ließen Freunde und Familie zurück, zugleich bekamen wir Kinder bessere Zukunftschancen. Später lebte ich selbst in verschiedenen Ländern und merkte, was ich an Österreich schätze, vermisse ich im Ausland und umgekehrt.

Was bedeutet für Sie „Heimat“, nachdem Sie die Vergangenheit Ihrer Familie so intensiv erforscht haben?

Heimat ist für mich kein bestimmter Ort, sondern ein Gefühl. Ich empfinde Heimat in den polnischen Wäldern, am Karlsplatz mit langjährigen Freunden oder in Barcelona, wo wir einen Teil unseres Lebens verbringen. Dazu gehört, mich nicht dafür rechtfertigen zu müssen, wo ich bin. Heimat hat für mich weder mit einem Pass noch mit einem bestimmten Nationalitätsgefühl zu tun.

Ihr Vater schreibt in einem Brief über Österreich: „Nirgends behandeln mich die Menschen so schlecht wie hier.“ Zugleich suchten Ihre Eltern hier ein besseres Leben für ihre Kinder. Wie lebt es sich mit diesem Widerspruch: Ein Land eröffnet Chancen und vermittelt zugleich, Sie gehören nicht wirklich dazu?

Diesen Spagat haben meine Eltern mit der Zeit wohl zu meistern gelernt. Wir waren oft in der Natur und in den Bergen, mein Vater machte Sport, meine Mutter fand Erfüllung in ihrer Handarbeit. Sie fanden neue Freunde, doch der Zusammenhalt aus Polen fehlte ihnen. Damit hatten sie immer wieder zu kämpfen. Ähnliches beobachte ich heute bei meinem spanischen Partner, der seit sechs Jahren in Wien lebt. Er schätzt vieles hier und sehnt sich zugleich nach seinem früheren Leben und seinen Freunden. Dieser Widerspruch löst sich auch im heutigen Europa nicht einfach auf.

Der Film erzählt von einer Migration, die Jahrzehnte zurückliegt. Erkennen Sie Erfahrungen Ihrer Eltern wieder, wenn Sie hören, wie Österreich heute über Migration spricht?

Meine Familiengeschichte hat mich für diese Themen sensibilisiert. Zugleich finde ich es wichtig, unterschiedliche Erfahrungen auseinanderzuhalten. Flucht vor Krieg oder Hungersnot hat andere Voraussetzungen als die wirtschaftlich motivierte Migration meiner Familie. Beide Erfahrungen verbindet ein einschneidender Moment: Menschen verlassen ihr bisheriges Zuhause und müssen sich anderswo ein neues aufbauen. Traumata, Ängste sowie eine fremde Sprache und Kultur können diesen Neubeginn zusätzlich erschweren.

Ihre Familie landete ausgerechnet in Bad Goisern, dem Geburtsort Jörg Haiders, Sie besuchten sogar dieselbe Schule wie er. Was bedeutet diese historische Ironie für Sie heute?

Das war reiner Zufall. Lange wusste ich nichts davon. Erst später stellte ich bei Recherchen fest, wir besuchten sogar dieselbe Schule. Zu viel Bedeutung möchte ich dem nicht geben. Für mich ist es eine ernüchternde Ironie. Zugleich erzählt sie etwas über das damalige Salzkammergut. Das war eine traditionsreiche, eher geschlossene Gesellschaft, in der die FPÖ 1989 bereits stark war. Schon als Kind spürte ich, wir waren dort nicht unbedingt willkommen.

Während Sie Ihre Kindheit rekonstruieren, verliert Ihre Mutter zunehmend ihre Erinnerungen. Wie hat dieser Zeitdruck den Film verändert?

Es wurde ein Wettlauf gegen die Zeit. Ich wollte meine Mutter noch als aktive Protagonistin zeigen, sie nach ihren Erinnerungen fragen und Antworten bekommen. Deshalb drehten wir schon in der Entwicklungsphase Material mit ihr. Auch der Roadtrip entstand damals, wobei ich teilweise selbst den Ton übernahm. Zugleich lief die Zeit bei den Förderprozessen weiter. Ich wusste, wir konnten nicht ewig warten. Eine weitere Runde bei den Förderanträgen hätte den Film mit meiner Mutter in dieser Form womöglich unmöglich gemacht.

Wie gingen Sie mit der emotionalen Herausforderung um, Ihre Mutter in solch verletzlichen Momenten zu filmen?

Manchmal schafft die Kamera zugleich Distanz und Nähe. Besonders die Super-8-Kamera ermöglichte eine gewisse Intimität zwischen meiner Mutter und mir. Der Prozess war für mich fast kathartisch. Durch das Filmemachen entstand ein Raum für Gespräche und Begegnungen, die es sonst vielleicht nicht gegeben hätte.

Welche Rolle spielten spontane Familienszenen im Verhältnis zu den inszenierten Erinnerungssequenzen?

Von Anfang an gaben wir nur einen Rahmen vor und beobachteten, was darin passierte. Vieles sollte spontan entstehen. An der polnisch-tschechischen Grenze entdeckten wir zufällig ein Tanzlokal und fragten, ob wir dort drehen dürften. Meine Eltern wussten vorher nicht, wohin ich sie bringen würde. Vor Ort arbeiteten wir dokumentarisch und reagierten auf die Situation. Dieses Einlassen auf das Unbekannte prägte den Film. Andere Passagen, vor allem die Erinnerungssequenzen, hatten wir vorbereitet.

Jola Wieczorek auf den Spuren ihrer Familiengeschichte

Jola Wieczorek auf den Spuren ihrer Familiengeschichte®FahrenheitFilms_Still_7


Sie sind im Film Regisseurin und Protagonistin. Wie vereinbaren Sie diese Rollen?

Ich war Regisseurin und Protagonistin, übernahm teilweise Kamera und Ton, produzierte den Film und war zugleich Mutter, Schwester und Tochter. Ursprünglich wollte ich gar nicht vor die Kamera. Am ersten Drehtag wurde mir klar: Das ist auch meine Geschichte. Wenn ich meine Eltern bitte, sich zu öffnen, muss ich mich ebenso zeigen. Für meine Eltern blieb ich die Tochter und wir fielen schnell in alte Familienmuster zurück. Der Film forderte mich deshalb in mehrfacher Hinsicht. Zugleich sollte er eine Hommage an meine Eltern sein, an ihren Mut und an alles, was sie für unsere Zukunft auf sich genommen haben.

Wie reagierten Ihre Eltern auf das Filmprojekt? Hatten sie Bedenken oder Zweifel?

Anfangs wussten weder meine Eltern noch ich, welchen Umfang das Projekt annehmen würde. Ich fragte sie, ob sie den Film gemeinsam mit mir machen wollten, und sie sagten Ja. Danach probierten wir aus, wie wir miteinander arbeiten können. Teilweise filmte ich selbst, teilweise übernahm mein Freund die Kamera. Die Szene, in der mir meine Mutter die Briefe überreicht, entstand ursprünglich als Testmaterial. Vieles entwickelte sich durch Versuch und Irrtum.

Ihr Film erzählt eine persönliche Familiengeschichte. Welche Gedanken zu Zugehörigkeit und Migration möchten Sie dem Publikum mitgeben?

Mir war wichtig, eine kollektive Geschichte zu erzählen, die sich ähnlich tausendfach abgespielt hat. Migration ist kein Ausnahmezustand, sondern Teil der Menschheitsgeschichte. Wer die Heimat verlässt, muss anderswo ankommen können. Sprach- und Integrationskurse, Freundschaften, kleine Gesten und Aufklärung können dieses Ankommen unterstützen. Für mich bilden sie die Grundlage für gelungene Integration und eine gesunde Demokratie.

„Die noch unbekannten Tage“ gewann 2026 den Preis für den besten Dokumentarfilm beim Max Ophüls Preis. Wie haben Sie die Auszeichnung erlebt?

Das war ein Schock, ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Der Film erzählt eine persönliche Familiengeschichte. Umso mehr bedeutet es mir, wenn das Publikum darin eine größere Geschichte erkennt, die andere Menschen betrifft. Die zusätzliche Aufmerksamkeit für den Film freut mich. Auch meine Eltern freuten sich über die Auszeichnung. Für uns war es ein magischer Moment. Jetzt hoffe ich, der Film erreicht noch viele Menschen.


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