Den Kopf in die Handfläche gestützt, starrte ich auf die von Buchstaben überzogene Word-Seite vor mir. Wie so oft verbrachte ich mein Wochenende vor dem Laptop. Mein Weihnachtsbuch, das nächstes Jahr pünktlich zur Vorweihnachtszeit erscheinen wird, kannte auch bei vierzig Grad keine Sommerpause. Ein letzter Punkt und die Szene in der Schokoladenfabrik war vollendet. Noch bevor ich den Laptop seufzend zuschlagen konnte, poppte eine Anzeige seitlich am Bildschirm auf.
„Drei Tage Aushilfekraft in Brotfabrik gesucht“, lautete die Nachricht. Sie stammte von Wejobbr, einer Organisation, die spontane Aushilfsjobs an Studierende vermittelt.
Arbeiten in einer Fabrik? Anstrengend, eintönig und stressig. Gelangweilt wischte ich die Nachricht beiseite. Auf diese Erfahrung konnte ich gut verzichten. Ich wandte mich wieder meinem Schokoladenfabrik-Kapitel zu. Ob die von mir imaginierte Vorstellung der Arbeit in einer Fabrik wohl der Realität entsprach? Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Nicht einmal 24 Stunden später parkte ich meinen kleinen roten Golf vor einem gigantischen Fabrikgebäude in Lichtenwörth im niederösterreichischen Industrieviertel. Ich hatte einen Entschluss gefasst und zog die Sache durch. Drei Tage lang würde ich in die harte Semmel beißen.
Die Verwandlung in ein Streichholz
Es war zwei Uhr nachmittags. Von oben bis unten durchgeschwitzt schlug ich die Kofferraumtür zu. In der einen Hand hielt ich die schwarzen, schweren Bergschuhe meines Großvaters. In der anderen meine Winterklamotten. Lange Jeans, Skijacke, Haube und Handschuhe. Ich hatte alles aus der hintersten Ecke meines Schrankes hervorgekramt. Schließlich versprach die Jobbeschreibung arbeiten bei acht Grad. Ein verheißungsvolles Angebot bei den derzeit herrschenden Sommer-Temperaturen. Trotzdem machte ich mir Sorgen. Wie würde mein Körper auf einen derartigen Temperatursturz reagieren? Doch die Zweifel waren unbegründet.
„Die Winterklamotten können Sie wegpacken. Die kommenden Tage werden Sie nicht im Kühlraum arbeiten. Die Anzeige war falsch“, begrüßte mich ein kleiner rund dreißigjähriger Mann in weißer langer Hose, Shirt und Kopfbedeckung. Ein Outfit, das ich inklusive weißer Schürze und den massiven Bergschuhen, alias Sicherheitsschuhe, ebenso anlegte.
Im Handumdrehen sah ich aus wie alle anderen Mitarbeiter. Wie ein Streichholz: Der Körper weiß und am Kopf das rote Haarnetz. Handy, Klamotten, Ohrringe, Piercings und anderwärtiger Schmuck blieben im Spind zurück. Bloß eine Sache, die mir da noch wie ein Statussymbol vorkam, war mir geblieben: Mein fließendes Deutsch, das hier eine Rarität war.
Schweißarbeit statt Handarbeit
„Hier ist die Produktionshalle.“ Mit diesen Worten stieß der Vorarbeiter nach unserem Aufstieg über mehrere Stockwerke die Tür auf. Ein ohrenbetäubender Lärmpegel hieß mich herzlich willkommen. Es schrillte, rauschte und klapperte. Hohe Piepstöne und alarmierende Sirenenklänge untermalten die schallende Radiomusik. Mit schweren Schritten eilte ich an überdimensionalen Knethaken, Töpfen und laufenden Maschinen vorbei. Sie rührten, formten und pressten. Im Sekundentakt spuckten sie haufenweise Gebäckstücke aller Art aus. Von Handarbeit keine Spur. Wofür war ich da, wenn die Maschinen ohnehin alles erledigten?
„Ihre Hauptaufgabe für die nächsten drei Tage ist das Abladen der Semmeln“, sagte der Führungsleiter in diesem Moment. Hinter mir reihten sich rund zwanzig vollbeladene Schiebewägen, auf denen sich von Knöchel- bis Kopfhöhe Backblech für Backblech reihten. Beherzt griff ich nach dem ersten und katapultierte die warmen Brötchen mit Schwung auf das Förderband.
Nach und nach, über acht Stunden hinweg, leerten sich die Wägen, während sich die Schweißtropfen auf meiner Stirn sammelten. Die stickige, schwüle nach Gebäck duftende Luft in Kombination mit der langen Kleidung und der körperlichen Arbeit war grenzwertig. Doch durfte ich meine Mundwinkel unter keinen Umständen zu tief nach unten ziehen.
Work-Life-Balance: Fehlanzeige
„Du gut?“ kam es ansonsten von meinem Kollegen aus Ghana. Oder „Du sitzen“, von dem ungarischen Mitarbeiter, der mir dann einen unbequemen schwarzen Sessel zuschob. Neben seiner ohnehin schon schweißtreibenden Aufgabe, das Gebäck in den Ofen und wieder herauszuschieben, wollte er noch meine übernehmen. Dankend lehnte ich ab. Warum sollte er sich auch noch meine Arbeit aufbürden, wo er wie die meisten Arbeiter, bereits sechs Tage die Woche schuftete? Der Begriff „Work-Life-Balance“ erschien mir jedenfalls mit einmal wie eine Verhöhnung.
„Brauchen die Geld“, grinste er mit schiefgelegenem Kopf, während er einen meiner Wägen dankenswerterweise zur Waschanlage lenkte. Natürlich brauchten er und seine Kollegen Geld. Doch trotz der herrschenden Bedingungen hatten sie stets ein Lächeln, genauso wie zwei helfende Arme parat. Nachdenklich beobachtete ich ihre präzisen Arbeitsbewegungen. Wie hielten sie das bloß dauerhaft aus?
Statussymbol Deutsch
Eine Frage, die mich über die drei Arbeitstage hinweg beschäftigte. „Dank der Kollegen macht die Arbeit Spaß. Deshalb bin ich hier schon seit dreizehn Jahren“, beantwortete sie eine Arbeiterin, während sie ihrem Kollegen auf türkisch „Mahlzeit“ wünschte.
Die meisten Mitarbeiter sprechen nur gebrochenes Deutsch. Viele kommen aus Afrika, Ungarn und Rumänien. Trotz unterschiedlichster Akzente, Herkunft und Sprachen schaffen sie es, freundschaftlich miteinander zu kommunizieren. Mein Deutsch kam mir schon lang nicht mehr wie ein Statussymbol vor. So etwas gab es hier nicht, hier zählten allein die Arbeit und ein höflicher, respektvoller Umgang. „Hier lästert niemand, schwärzt den anderen beim Chef an oder drückt sich vor der Arbeit“, sagte meine Kollegin mit einem Augenzwinkern.
Insbesondere letzteres hätte ich an meinem dritten Arbeitstag am liebsten gemacht. Ich spürte meine Hände, Unterarme, Schultern und Waden. Ich hatte kleine Schürfwunden, gerötete Verbrennungen und zwei blaue Flecken. Pünktlich um zweiundzwanzig Uhr pfefferte ich meine inzwischen braun-gestreifte Schürze in den Spind. Ohne einen Blick zurück ließ ich die riesige Fabrik hinter mir. Die Erkenntnisse, die ich gesammelt hatte, nahm ich mit.
Das tägliche Brot
Nachdenklich reihte ich mich hinter den Autos auf der ersten Autobahnspur ein. Ich hatte das Privileg, für drei Tage eine neue Erfahrung gesammelt zu haben. Wohlwissend, ich konnte jederzeit das Haarnetz schmeißen. Doch meine Kollegen würden weiterhin die nächsten Tage, Monate und vielleicht auch Jahre an derselbe Arbeitsstelle stehen, Teig mischen, Semmeln auf das Blech legen, in den Ofen schieben, rausholen, auf das Förderband werfen und abpacken. Ich hatte diese Arbeit für mein Buch, meine Spardose und meinen Lebenslauf auf mich genommen. Sie nahmen sie tagtäglich für ihre Familie, ihren Lebensunterhalt in Kauf. Die harte Arbeit in der Fabrik war ihr tägliches Brot.
Mit einem Mal empfand ich tiefe Bewunderung, denn der Job hatte mir vor allem eines vor Augen geführt: Jeder verdient Respekt und einen freundlichen Umgang. Ganz egal, woher er kommt, wie er aussieht oder welche Sprache er spricht. Denn womöglich ist es genau diese Person, die jeden Morgen dafür sorgt, dass ein duftendes, noch warmes Frühstücksbrötchen auf dem Teller liegt.
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